Kommentar : Profis, keine Ausrutscher

Als wenn es von ganz oben geplant worden sei, wurde es pünktlich zur Modewoche heiß in Berlin. Die alles entscheidende Frage lautet: Wie wenig kann man am Leib tragen, ohne Contenance und Eleganz dranzugeben?

Grit Thönnissen

Rund um den Bebelplatz kann man sich anschauen, dass weibliches Modepublikum in kleinen flatterigen Kleidern und Römersandalen mit Zehn-Zentimeter-Absätzen einen schönen Kontrast zu von Touristen getragenen bunt bedruckten Sportbermudas, ausgewaschenen T-Shirts und Trekkingsandalen bilden können. Dass dieselben Röcke in den ersten Reihen manchmal dann rein objektiv gesehen einfach zu kurz sind (und die Hosen der Herren ebenfalls), muss man im Moment zum Glück nicht als modisches Missgeschick darstellen, sondern kann es als meterologische Notwendigkeit entschuldigen.

Wie schön, dass man beim Zuschauen der Modenschauen nicht noch zusätzlich ins Schwitzen gerät. Es gibt kaum peinliche Entgleisungen, keine Fußballerfrauen auf oder am Laufsteg, aber auch wenig, was einem das Modeherz wärmt oder den Puls in die Höhe treibt. Sporadische Versuche, dies mit um den Busen herum verrutschten Tops zu erreichen, kommen dem inzwischen erfahrenen Publikum geradezu niedlich vor.

Die Schauen sind alle sehr professionell und schön arrangiert – so viel seidige Satin- und Crêpestoffe in Braun-, Crème- und Goldschattierungen wurden verarbeitet, dass manche Kollektionen geradezu ineinander zu fließen scheinen. Fast scheint es, dass gerade die Berliner Designer beweisen wollen, dass ihre Heimat den Ruf als Bastelhauptstadt abgelegt hat. Das Kleid hat sich als wichtigstes Kleidungsstück durchgesetzt, am und auf dem Laufsteg war nichts so häufig zu sehen. Aber da jetzt wirklich jede Frau ein paar davon zu besitzen scheint, wollen viele Designer mit dem Overall einen neuen Kaufanreiz bieten.

Geld ausgegeben wird während dieser Fashion Week aber nicht nur für neue Garderobe, viele Empfänge sind verschwenderischer denn je. Es scheint weder für Champagner noch für Häppchen Rationierungsvorgaben zu geben – ausgerechnet die Branche, in der zu wenig gegessen wird, muss in dieser Woche keinen Hunger leiden.

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