Kommentar : Verkrustetes Braun auf geistig armen Würstchen

Ist Dieter Althaus angewiesen auf Stimmen aus dem nationalkonservativen Lager? Michael Jürgs über die wortkarge Reaktion des thüringischen Ministerpräsidenten auf die NPD-Pöbeleien gegen Zeca Schall.

Michael Jürgs

Der mit sich und seinen Konkurrenten um die Wiederwahl ringende Ministerpräsident Thüringens ist unverdächtig, fremdenfeindlichen Neigungen zu frönen. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Landsleute, die verkrustetes Braun nicht nur bei Bratwürsten für eine verlockende Farbe halten, sondern auch bei geistig armen Würstchen. Im Herbst der Deutschen 1989 gehörte Althaus zur Blockpartei CDU, bis Lothar de Maizière diese kühl aus der Zwangseinheit Nationale Front befreite. Auch diese Erfahrung von Freiheit macht Althaus immun gegen Ideologien von rechts oder von links.

Wäre Althaus von schlichter Denkungsart, hätte er also schon im sogenannten politischen Vorfeld verhindert, dass Zeca Schall auf einem CDU-Plakat um Stimmen für die Schwarzen warb. Warum hat er dann aber nicht radikaler seinen schwarzen Parteifreund gegen die hasserfüllten Attacken der NPD verteidigt? Warum hat er nicht verhindert, dass genau die Plakate, auf denen er neben Schall abgebildet worden war, wenige Tage vor der in zwei Wochen stattfindenden Wahl mit neuen schallbefreiten CDU-Motiven überklebt wurden? Dies sei, sagte ein Parteisprecher, schon lange so geplant gewesen. Die Schwarzen hätten sich zu konzentrieren auf plakative Attacken gegen die Roten, vertreten durch den aufrechten Sozialdemokraten Christoph Matschie und die Rot-Roten, jene angeblich rundum erneuerten Linken, angeführt von Ex-Gewerkschafter Bodo Ramelow.

Die Vermutung, dass Althaus, angewiesen auf jede Stimme aus dem nationalkonservativen Lager, in Wahrheit deshalb so wortkarg reagierte, weil der in Angola geborene Zeca Schall zwar ein eingebürgerter Thüringer ist, aber eben nicht nur für Neonazis sichtbar schwarz, ist eine böswillige Unterstellung. Althaus könnte uns Böswillige beschämen, indem er nicht nur einen zu ihm passenden hölzernen Satz von sich gibt, in Thüringen gebe es keinen Platz für Leute mit rechtsradikalen Gedanken. Sondern die Neonazis kampfeslustig attackiert, weil eine starke Demokratie mit ein paar Prozent rechtsradikaler Vollidioten leben kann, aber er denen gern behilflich sei bei der Reise in Diktaturen, in denen sie sich heimisch fühlten. Das hätte ihm mehr Beifall eingebracht als sein von Angela Merkel wahrscheinlich per SMS kassierter Vorstoß, den Soli abzuschaffen. Besonders peinlich für einen Ostdeutschen. Im Land, in dem Althaus wiedergewählt werden will, rätseln viele, warum er so oft an den falschen Stellen redet und an den falschen schweigt.

Michael Jürgs und Angela Elis mokieren sich im Wechsel über Ost und West.

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