Zeitung Heute : Kommt das Ende aller Tage?

Sophie Büning Dagmar Rosenfeld

Für den Mediziner Paracelsus war die Sache klar: Der weibliche Körper ist ein Quell großen Übels. Denn die Frau produziere während ihrer Menstruation ein gefährliches Gift - so gefährlich, dass in ihrer Nähe Nahrungsmittel verderben und der Wein sauer wird. Paracelsus nannte dieses Gift "Menotoxin" - "Monatsgift".

Mittelalterlicher Irrglaube, mag da der aufgeklärte Leser denken. Falsch gedacht! Erst 1950 widerlegte die Medizin die Existenz des Menotoxin-Giftes. Und noch 1970 durften menstruierende Frauen kein Blut spenden. Denn Ärzte glaubten, dass ihr Blut während der Mensis den Abbau der roten Blutkörperchen fördere.

Die Menstruation, auch heute noch ein peinliches Ereignis, über das nur ungerne gesprochen wird - und auf das über 70 Prozent der weiblichen Bevölkerung gut und gerne verzichten würde, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergeben hat.

Keine Nebenwirkungen festgestellt

Ein Wunsch, der bald Wirklichkeit werden könnte: Im Sommer 2003 wollen die amerikanischen Wissenschaftler Freedolph Anderson und Gary Hodgen die 90-Tage-Pille "Seasonale" auf den US-Markt bringen - und die Regel zur Ausnahme machen. Denn die Langzeitpille reduziert die üblichen 13 Menstruationen pro Jahr auf vier. Die Methode ist simpel: Die einwöchige Pillenpause, die alle 21 Tage vorgesehen ist, wird nur noch jeden dritten Monat eingelegt - und so die Blutung unterdrückt.

Allerdings verbirgt sich hinter dem Hormonpräparat mit dem wohlklingenden Namen nichts anderes als eine marktübliche Antibaby-Pille. "Neu an Seasonale ist nur die Verpackung", erklärt Anderson. Die Anwendungsmöglichkeit sei längst bekannt. Das bestätigt auch Hanspeter Vogt, Leiter der Gynäkologie am Schweizer Spital Langenthal: "Viele meiner Patientinnen lassen die Pillenpause ausfallen." Eine Methode, die medizinisch unbedenklich sei.

Und dennoch haben Anderson und Hodgen Pionierarbeit geleistet: Aufwendige Studien waren notwendig, um die Marktzulassung für die Langzeitpille beantragen zu können. "Seasonale" wurde ein Jahr lang von 1500 Amerikanerinnen getestet. Mit dem Ergebnis ist Anderson mehr als zufrieden: "Wir haben keine Nebenwirkungen feststellen können." Lediglich bei einigen Frauen seien anfangs harmlose Zwischenblutungen aufgetreten. Nun entscheidet die US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) über die Freigabe von "Seasonale". Bald also könnte der weibliche Zyklus ganz und gar dem Prinzip der Freiwilligkeit unterliegen.

Eine Option, die längst überfällig ist, meinen der brasilianische Hormonspezialist Elsimar Coutinho und der US-amerikanische Mediziner Sheldon Segal. Die Menstruation in ihrer heutigen Form sei "unnötig" und nur ein "nutzloser Blutverlust", schreiben sie in ihrem Buch "Is Menstruation Obsolete?". Schließlich seien die etwa 450 Monatsblutungen, die eine Frau in ihrem Leben zu ertragen habe, ein höchst modernes Phänomen. Professor Manfred Kaufmann, Direktor der Gynäkologie an der Johann Wolfgang Goethe Uniklinik in Frankfurt am Main, erklärt warum: "Noch vor hundert Jahren bekam eine Frau im Durchschnitt fünf Kinder. Und da während Schwangerschaft und Stillzeit die Periode ausbleibt, hatte sie nur etwa 20 Blutungen in ihrem Leben." Mittlerweile liegt die Geburtenzahl in Deutschland bei weniger als zwei Kindern pro Familie.

Dieser "Wechsel von einer Epoche der ununterbrochenen Fruchtbarkeit in eine Epoche der ununterbrochenen Menstruationszyklen" berge erhebliche Gesundheitsrisiken, warnen Coutinho und Segal. Blutarmut, Eisenmangel sowie ein erhöhtes Risiko für Eierstock- und Gebärmutterkrebs könnten die Folge sein. Denn die allmonatliche Zellteilung in der Gebärmutterschleimhaut erhöhe die Gefahr einer unkontrollierten Zellvermehrung - und das Krebsrisiko.

Frauen, die die Pille einnehmen, unterdrücken diesen Zyklus, die Gefahr an Unterleibskrebs zu erkranken sinkt. Allerdings - das ist auf jeder Packungsbeilage nachzulesen - steigert das Hormonpräparat das Brustkrebsrisiko.

Doch was passiert, wenn das weibliche Periodensystem endgültig auf den Kopf getellt wird? Wenn Frauen mit der "Seasonale"-Methode ihren Monatsblutungen dauerhaft ein Ende setzen? Aus medizinischer Sicht spreche nichts dagegen, so Kaufmann. "Das Brustkrebsrisiko wird durch das Auslassen der Einnahmepause nicht erhöht". Trotzdem bleibt die Akzeptanz einer Langzeitpille fraglich. In Deutschland verhüten zwar etwa vier Millionen Frauen mit der Antibaby-Pille. Doch laut Emnid nutzen nur 30 Prozent die Möglichkeit, ihre Monatsblutung zu unterdrücken.

Auch Schering testet

So tastet sich der deutsche Pharmahersteller Schering auch nur vorsichtig an die Vermarktung einer Langzeitpille heran. Von diesem Sommer an werden 200 Frauen ein Jahr lang die dauerhafte Einnahme der Schering-Pille "Yasmin" testen. "Wir wollen zunächst einmal herausfinden, ob Frauen ein solches Produkt überhaupt annehmen", erklärt Konzern-Sprecherin Astrid Förster. Erst dann werde Schering darüber nachdenken, in weitere Studien für einen Zulassungsantrag zu investieren.

Berechtigte Bedenken, die der Gynäkologe John Rock, einer der Erfinder der Antibaby-Pille, teilt. Denn er glaubte, dass Frauen ein Verhütungsmittel, das keine oder nur seltene Blutungen auslöst, als unnatürlich empfinden. "Theoretisch aber", so sagte er schon vor über 40 Jahren, "kann ein Zyklus in jeder beliebigen Länge gewählt werden."

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