Zeitung Heute : Kommt Jan Ullrich wieder?

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Von Jürgen Schreiber

Er trägt kurze Hosen mit dazu passendem blau karierten Sommerhemd, die Werbung für Team Telekom und Adidas prangt auf Peter Beckers breiter Brust. Gewöhnlich ist das die Arbeitskluft von Jan Ullrichs Trainer, nur dass er heute im Garten Marmorplatten verlegte und für die „Omi“ den Platz bei der Hollywoodschaukel herrichtete.

Wäre es nach Plan gegangen, müsste Becker jetzt bei der Tour de France sein. Aber nichts stimmt mehr im Alltag seit „Ullis“ Fahrerflucht unter Alkoholeinfluss, Knieoperation und positivem Dopingbefund nebst fälliger Sperre. Schlagartig steht alles auf dem Spiel, was sie in 15 gemeinsamen Jahren erreichten. Obwohl ein Typ von eher unterkühlter Betriebstemperatur, könnte Becker sentimental werden „und heulen“.

Auf seiner Terrasse versteht man gut, warum Ullrich in der schwersten Lebenskrise zum Trainer flüchten wollte. Trompetenbaum, Korkenzieherweide, Weimutskiefer, Essigbaum, Gingko und vieles mehr wachsen in dem Ostberliner Biotop. Becker lernte einst Förster und nennt die Pflanzen beim wissenschaftlichen n. Jan hatte Sehnsucht nach dieser Idylle, nach Entlastung in der Unbeschwerheit, die er dort in den Jahren an der Kinder- und Jugendsportschule des SC Dynamo fand. Frau Becker tischte damals selbst gemachte Marmelade auf, vom Kirschquark schwärmt Jan bis heute.

Nachdem Amphetamin-Spuren, ein Aufputschmittel, bei Ullrich entdeckt worden waren, morste er Becker in höchster Not an. Seine Formel „Mensch, Trainer!“ signalisierte das Alarmierende. Zwischen ihnen hätte es des Zusatzes, „ich verstehe mich selber nicht“, kaum bedurft, er sei „fix und alle, total am Boden“. Unheil braute sich zusammen, „über die Tragweite der Geschichte war er sich im Klaren“, betont der Betreuer und zupft an der geblümten Tischdecke. Ihm fällt der seltsam prophetische Satz ein, mit dem er Jan unlängst in die Reha-Klinik verabschiedete: „Mach mir keen Ärger.“

Becker hat Augen wie Prüfsiegel. Noch wacher als sonst gleiten sie hin und her. Er sitzt ziemlich unnahbar in der äußersten Sitzecke, taxiert sein Gegenüber, während er eine Chronologie der Ereignisse versucht. Die „Rieseneselei“ lag abseits seines Vorstellungsvermögens. Er wäre jedoch nicht der Mann, der das „Jahrhunderttalent“ ausguckte und mit Entdeckerstolz entwickelte, bemühte er sich „in der Bredouille“ nicht um Schadensbegrenzung. Sonst verbellt er Besucher mit gefährlich knarzendem Offizierston und pflegt den Ruf, leicht reizbar zu sein. Im großen Jammer bemüht er sich um gedämpftes Antworten und Sachdienlichkeit. Das sorgfältig Abwägende ist Indiz dafür, wie sehr ihn der Fall des Schützlings in der eigenen Identität attackiert und an den Rand seiner Möglichkeiten trägt.

Dies vorab. „Uff Deutsch jesacht“, er habe den Rand gestrichen voll von Berichten, die Ullrich verdammten, diesen Sportler des Jahres undundund. Becker hat Recht, die gleiche Journaille kürte den Tour-Sieger zum „rot gelockten Engel“, dem im Tross Flügel wüchsen. Keine Frage aber auch: „Ich habe Grund, mit Jan zu schmollen, weil er sich hat so gehen lassen.“ In einigen Phasen habe ihm zuvor dessen „gewisse Zufriedenheit“ nicht gefallen, dieses „Es haut schon hin“. Das ist das eine. Das andere betrifft die Kritik, er, Becker, sei „die Pfeife der Nation“, bekomme den Ullrich einfach nicht mehr fit.

Genug davon. Lieber bemüht sich der Sportlehrer nach außen um Zuversicht, wobei man das Gefühl nie ganz los wird, er werde im Innersten von Zweifeln gestreift. Beschrieb er nicht ihr Verhältnis als das zwischen einem „väterlichen Freund“ und einem „gereiften Rennfahrer“? Nun musste er erfahren, „der Junge“ erlaubt sich in spätpubertärer Anwandlung die eine oder andere Auszeit von seiner Stilisierung zum Idol.

In den Medien ist von reichlichem Wodka-Konsum die Rede, von Absackern, gegen 2 Uhr 30 in einer Münchner Bar reingekippt. Becker schüttelt den Kopf, deutet auf sein gefülltes Cola-Glas. Würde Jan nur halb so viel Alkohol trinken, glühten ihm die Backen, finge er zu kichern an und wäre betrunken. Das möchte der Trainer als Beweis verstanden wissen, wie maßlos manche Artikel übertreiben. Nicht ausgeräumt ist damit aber ein wie auch immer zu bewertendes Tief, das beim Tabletten-Trip in der Nobeldisco und beim Porschefahren mit 1,41 Promille eine Rolle spielte. Und warum Ullrichs Ausflüchte sich sprachlich verdächtig ähnelten. Aber dürfen „die Dummheiten“, fragt Becker, die ansonsten makellose Bilanz einer grandiosen Karriere zerstören? Zwei Mal sei der ausgerastet. Er bitte sehr darum, „den Jan in seiner Gesamtheit zu sehen“.

Man ist immer wieder verblüfft, wie einfühlsam, ja zart der harte Antreiber seinen „Ulli“ zeichnen kann. Dieser „kleene Wicht“ mit Sommersprossen und leuchtenden Augen, die Becker vom ersten Tag an für ihn einnahmen. Wie der sich abstrampelte, „wunderbar drehte, phantastisch mobilisierte“ in beinah arroganter Leichtigkeit. Dass selbst der oberkritische Trainer durch die Zähne pfiff: „Donnerwetter!“

Nun grübelt er also darüber, „was war los in dem Moment“, als der von ihm als gutgläubig Geschilderte sich gedankenlos Pillen habe andrehen lassen. Die Folgen habe der sich „doch niemals ausgemalt“. Sonst ein Meister knappster Sätze, werden aus Beckers Erklärungsversuchen nun fast kleine Reden. Womöglich spürt er in seiner rührenden Solidarität mit dem Ertappten, dass dessen Story mehr Fragen auslöst, als schlüssige Antworten bietet. „Undurchsichtiger Handlungsverlauf“, heißt das im Krimi. Er selbst wollte im Nachhinein erfahren, ob denn „die Dinger was bewirkt haben“. Der reuige Sünder verneinte, „da hätte er besser ’ne Kaffeebohne lutschen können“. Dass sein Sorgenkind verbotene Amphetamine einwarf, wird nicht bestritten: „Den Begriff Amphetamine kannte Jan bis dahin gar nicht“, meint der Verteidiger.

In Personalunion spricht aus ihm der Trainer und der größte Fan, dem vaterlos Aufgewachsenen zugetan wie dem eigenen Sohn. Mit allem Ach und Weh ist es fast eine Liebesgeschichte zwischen ihnen. Oft faltete er den Schlacks zusammen, Lautstärke kaschierte nur die grenzenlose Zuneigung. Der starke Wunsch des Beschützers wird erkennbar, die Verfehlungen, „diesen Blödsinn“, als einen Durchhänger zu nehmen, indem er Zusammenhänge zwischen Ullrichs vermaledeitem rechten Knie und diesen „Kurzschlüssen“ herstellt. Tatsächlich begannen sie in diesem verflixten Jahr „sieben Mal“ mit dem Training – sieben Mal schmissen Verletzungen Jan aus der Bahn, „piekte das Knie“. Bis zum Aus rollte es besser als im Vorjahr. Nach Plan wäre er mit 25000 Kilometern in den Beinen zur Tour gekommen. 12000 davon waren mit unbändiger „Willensspannkraft“ absolviert, der Fähigkeit, noch eine Stunde und noch eine auszuhalten, obwohl der Kopf vor Ermattung auf den Lenker sinken will.

Jetzt wankt der Riese. Plötzlich erscheint Ullrichs phantastischer Aufstieg als ein einziger, endlos gedehnter Spannungszustand. Bei ihrer Mission ging es stets darum, mit maschinengleicher Präzision zu siegen. Auf dem Nullpunkt hat nun die Vermutung viel für sich, dass der gebürtige Rostocker im Leben nichts hatte außer Radfahren. In der von ihm betriebenen Manier ist der Extremsport selbst eine Droge. Krankheit bedeutet Entzug, mit allen Wirkungen im Seelischen, die damit verbunden sind. Stillstand, Krise, Depression. Damit kann ein Weltmeister schlecht umgehen, der sich vom ersten Platz her definiert, dessen Geschichte die einer ihm nachgesagten Schwerelosigkeit ist. Dass ihn im Unterbewussten der übermächtige Rivale Lance Armstrong in die Knie zwang, wäre wohl zu viel der Symbolik.

Eine gespenstische Szene

Von schweren Verletzungen verschont, lief es jedenfalls „beim lieben Jan bisher glatt und rund“, erklärt sein Mentor. Ausgebremst von hartnäckiger Entzündung im Scharniergelenk, zurückgeworfen auf sich selbst, empfand er das Leiden gravierender, als es war. Es ist ein Knie, sonst nichts. Becker hörte ihn lamentieren: „Warum bin ich krank? Liegt das an mir?“ Jan horchte in sich hinein, zu oft für einen, den Unbekümmertheit bärenstark machte. Das Publikum honorierte den Erfolg mit Heiligsprechung.

Umso weniger bringen schockierte Fans das Strahlemann-Image mit der blassen Gestalt zusammen, die den größtmöglichen Unfall in Mikrofone hineinbeichtete. Beschämung im Gesicht, sprach er mit gepresster, fremder Stimme. Sonst eine Ikone der Makellosigkeit, räumte Beckers Zögling Irrungen und Wirrungen ein, ließ die Frage über sich ergehen, ob er „ein Alkoholproblem habe“. In dem Moment rächte sich an ihm die Verklärung von Topathleten als bessere Menschen, ihre Überhöhung zu synthetischen Wesen ohne Verwerfung. Fern der Vergnügungskultur, die in dem unverwüstlichen Allwetterfahrer ein absolutes Gegenbild hatte. Paniknah gestand Ullrich, er habe einen draufgemacht, sei „um die Ecken gezogen mit Freunden“. Eine gespenstische Szene. In gewünschter Zerknirschung brachte er sich als Opfer dar. Nichts ist schwerer erträglich als Götter, die so verdammt uns Irdischen gleichen.

Der Trainer verfolgte die Pressekonferenz am Bildschirm. In der Masse von Journalisten saß sein Jan sehr einsam da. Becker fühlte sich an ein „gejagtes Reh“ erinnert. Der Vertraute sah die Mischung aus Bußfertigkeit und Kasteiung, sah einen Jan mit Bekenntniszwang, dem Sponsor Telekom nachgeholfen haben mag. Er wirkte verletzlich, ausgeliefert an Empfindungen, die man dem ärgsten Feind nicht wünscht. Die öffentliche Selbstreinigung war gleichwohl im Sinne Beckers. „Dat musste sein. Ick steh’ voll dahinter.“ Er verbindet damit die pädagogische Idee, Ullrich gehe aus der Prüfung erstarkt hervor.

Während der Sportler vor den Kameras beinahe zerfloss, kehrten die Bilder des Tour-Recken im Gelben Trikot zurück: schlank und straff am Ziel in Paris. Becker im Hintergrund, beide schwach vor Glück. Strahlende Sieger. Kein Vergleich mit dem verlegen-starren Antlitz des nunmehrigen Dopingsünders. Und auch kein Vergleich mit dem vagen Lächeln Beckers von heute. Nur muss man sich fragen, was an den Bildern des Ertappten mehr berührte. Die Einsicht, Ullrich komme mit seiner Rolle nicht mehr klar, werde von Zweifeln geplagt und habe sein anderes Ich entdeckt? Den Jan, der fixiert aufs Außergewöhnliche das Normalste verpasste und mit 28 endlich einer Schwäche nachgab? Den Helden, dem das schmerzliche Paradox einer Leere in der Fülle zu schaffen macht, der deshalb den Geschmack von etwas kostete, das er für Freiheit halten mag? Dann wären die Fehltritte verkappte Hilferufe eines von Erfolgsstress und Versagensängsten blockierten Menschen.

Bei Peter Becker mischt sich der Versuch einer Ehrenrettung nun bereits wieder mit den Träumen von neuen Rennen. Für Erwägungen, „Ulli“ habe alle Titel, sei Millionär, das Feuer könnte aufgezehrt sein, ist er nicht zu haben. Der Stratege glaubt an die heilende Kraft von Medaillen, blickt nach vorne in der festen Überzeugung, „wir kriegen das wieder auf die Reihe“. Jan habe bekräftigt: „Abgetreten wird so nicht“, das Comeback sei eine Frage der Ehre wie des Charakters. Das bedeutet angesichts einer offenkundig fragilen Psyche weiteren Druck.

Wer Beckers rustikale Art kennt, kann sich ausmalen, wie er dem schwach gewordenen Musterschüler als Ausgangspunkt für Wiedergutmachung die Leviten las. „Die Ohren gewaschen hat“, wie er sagen würde. Für ihn ist das Vorgefallene „eine Zäsur. Das muss Jan wissen.“ Jetzt gehe es um die Alternative, „ob er die Bühne als Persönlichkeit verlässt oder als Pflaume“. Wer spreche in einem Jahr noch von dem, „sofern der so geht“? Becker hat wieder Eisen in der Stimme und verlangt: „Ullrich muss es mit jeder Faser wissen wollen, vom großen Zeh bis zur Haarspitze.“ Er sei „im besten Mittelalter“, verfüge über die übermenschliche Leidensfähigkeit, die den Rennfahrer formt: „diese Art, grausam gegen sich selbst zu sein“ bei 40000 Kilometern jährlich im Sattel. Aber er müsse es wollen.

Beute falscher Freunde

Nun irritiert Insider, dass der Profi vor den kleinen Fluchten auf dem besten Weg zu sich zu sein schien. Becker geht die Stationen durch. 2002 war er mit ihm mehr zusammen als mit seiner Frau. Jan kam ihm „reif, bewusst vor wie lange nicht mehr“. Er freute sich still, „Ulli“ fand am Merdinger Garten Gefallen, man sprach über den Teich, „das tolle Geblühe der Frühlingsazaleen“, was noch gepflanzt werden solle. Mit Jans Gaby wollte man Französisch pauken.

Er hatte also die Lektion gelernt, tat abseits des Sports mehr für sich. Beim Radeln sei „die Moral“ bis zum Verletzungspech bestens gewesen. „Wir war’n gut druff.“ Schon Ende 2001 speckte Ullrich im Trainingslager ab. Man schwor ihn auf naturbelassene Produkte ein. „Wir kamen mit 79 Kilo zurück, Klasse.“ Becker wollte nicht nur mahnen, „ging die Sache mit“, verlor zwöf Kilo. Bis zum Knie-Fall schwebte ihm vor, Jan werde bald wieder „wegtanzen“ wie damals rauf nach Andorra, als er Pantani abhängte. Von dieser Wahnsinnstour schwelgen Experten bis heute. Mehr als früher planten sie Wochen „verminderter Belastung“. Ullrich sollte sich „dann auch richtig satt essen“. Psychologe Becker arbeitete daran, dem Schleckermaul den „Reiz des Verbotenen“ zu nehmen.

Man muss ihm ja nur ins Gesicht sehen: Ein total oraler Typ mit schwellendem Genießermund, immer bereit, sich was Gutes reinzuziehen. Naschsucht ist die Kehrseite unbeschreiblicher Entbehrungen unterwegs. Die aktuelle Misere gehört zum Formenkreis des verführbaren und unreifen Ullrich. Jan sucht gern Anlehnung, hört zu Beckers Leidwesen „auch auf Leute, die bloß schön reden“. 100 Mal habe er ihm gesagt, er sei zu vertrauensselig, leichte Beute für „falsche Freunde“.

Was bleibt Becker anderes, als im Tal der Tränen die Durchhalteparole „Nun erst recht“ auszugeben. In den USA macht Jan „den Kopp frei“, kehrt am 21. Juli zurück, dann treffen sie sich. Sperre hin oder her. Volle Härte, „bewußt wie noch nie“ werde man sich sofort „in die Spur hängen“. Binnen drei Monaten kriege man die Form wieder hin, Jan komme wieder in die Gänge. Es gebe noch „Reserven herauszukitzeln“. Selbstsuggestion wehrt dem Verdacht, das Publikum könne bereits den Anfang vom Ende der Leitfigur gesehen haben, weil solche Tabubrüche fatalerweise Wiederholung begehren.

Davon will Becker wirklich nichts wissen: „Ullrich schafft das. Wir werden schlimmer sein als je zuvor.“ Aber erst muss er den Kampf gegen sich selbst gewinnen.

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