Zeitung Heute : Kommt jetzt der kopierte Mensch? Kleines Lexikon zur Gentechnik

Adelheid Müller-Lissner

Die Geburt des Klonschafs Dolly lieferte den Beweis, dass es möglich ist, genetisch identische Kopien von Säugetieren zu schaffen. Bei den Primaten jedoch liegen die Hürden für diese Fortpflanzung deutlich höher:

Vom reproduktiven Klonen, das international einmütig abgelehnt wird, muss das therapeutische Klonen unterschieden werden. Hier geht es nicht darum, Menschen zu zeugen. Statt dessen sollen die Anfangsstadien des Verfahrens genutzt werden, um im Reagenzglas Stammzellen zu gewinnen. Stammzellen helfen uns, Körperzellen ständig zu erneuern. Sie sind Generalisten, die entsprechend dem Bauplan des Genoms Spezialisten erzeugen können. Die echten Tausendsassa sind die embryonalen Stammzellen , die man in den ersten Tagen aus der befruchteten Eizelle gewinnen kann. Weil dabei der Embryo zerstört wird, ist das jedoch ethisch umstritten. Von der Forschung mit embryonalen Stammzellen erhoffen sich Forscher wichtige Erkenntnisse über die Rück-Programmierung der „adulten“ Stammzellen , die sich an verschiedenen Stellen des Körpers befinden. Wenn diese vielseitigen Zellen im Labor vermehrt und dann für Behandlungen verwendet werden könnten, hätte das einen entscheidenden Vorteil: Es sind keine Abstoßungsreaktionen zu befürchten.

Mehrfach gerieten in den letzten Jahren Paare aus den USA und aus Großbritannien in die Schlagzeilen, die gezielt ein Kind zeugten, das als Stammzell-Spender für ein älteres, krankes Geschwisterkind in Frage kommen sollte. Sie nutzten die Technik der Zeugung im Reagenzglas (In-vitro-Fertilisation) , obwohl sie nicht unter Fruchtbarkeitsstörungen litten. Worauf es diesen Paaren ankam, war die Möglichkeit der Präimplantationsdiagnostik (PID) . Dafür werden Zellen eines wenige Tage alten Embryos vor der Einpflanzung in den Mutterleib gezielt auf genetische Merkmale hin untersucht. Dadurch kann man unter mehreren befruchteten Eizellen diejenige aussuchen, die die beste Gewebeverträglichkeit mit dem erkrankten Geschwisterkind verspricht.

Kritiker befürchten: Wo nach Gewebemerkmalen ausgelesen werde, sei der Weg zur Auswahl des Geschlechts oder der Augenfarbe nicht mehr weit. „Designerkinder“ werden allerdings so leicht nicht herzustellen sein: Allein die Augenfarbe ist ein komplexes Merkmal, sie wird von mehreren Genen bestimmt.

Heute wird Frauen über 35 und Paaren, in deren Familien Erbkrankheiten vorkommen, im Rahmen der Pränataldiagnostik (PND) eine genetische Untersuchung von Zellen des Embryos oder Fötus angeboten. Mehr als 500 genetische Defekte können heute durch solche Untersuchungen nachgewiesen werden.

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