Zeitung Heute : Kommt Zeit, kommt Rau

Manchmal schüttelt er zart den Kopf, wenn er mit jungen Leuten spricht. Johannes Rau möchte, dass sie Deutschlands Geschichte ernst nehmen. Kokett weicht er nur einer Frage aus – ob er Bundespräsident bleiben will, oder ob das traditionelle Sommerfest im Bellevue heute sein letztes ist.

Markus Feldenkirchen

Die SPD habe in Rau den falschen Kandidaten, wetterte Gerhard Schröder, nicht nur im kleinen Kreis. Eine „Unverschämtheit“ sei das, ihm so in den Rücken zu fallen, klagte Johannes Rau. Mit dem sei er fertig, hieß es. Damals. Der Spitzenkandidat Rau verlor dann auch die Bundestagswahl 1987. Und Schröder, der Oppositionsführer in Niedersachsen, sah seinen Instinkt bestätigt.

16 Jahre später ist Johannes Rau der absolut richtige Kandidat für Schröder. Nur mit Rau hat er die Chance, das Präsidialamt in sozialdemokratischer Hand zu halten. Jeder andere SPD-Kandidat würde in der Bundesversammlung scheitern, wo Union und FDP die Mehrheit bilden. Nur wenn der 72-Jährige mit der ganzen Würde des Amtsinhabers im nächsten Jahr noch einmal anträte, so die Kanzler-Analyse, könne man auf die nötigen Stimmen einiger Liberaler hoffen.

Die Wahrheit über Johannes Raus Zukunft steckt natürlich in der Bibel. Zwischen Kapitel drei und fünf, Brief des Jakobus. Schon vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten war Rau 1999 gefragt worden, ob es für ihn auch eine zweite Amtszeit geben könne. Der Predigersohn hatte darauf die Bibel aufgeschlagen und die Jakobus-Stelle zitiert: „Die ihr nicht wisset, was morgen sein wird. Denn was ist euer Leben? Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet.“ Nun ist diese Antwort zwar typisch für Johannes Rau, aber irgendwie auch unbefriedigend. Und der Gerüchtedampf ist seit letzter Woche eher noch dichter geworden, als Rau zum Ende seiner Sommerreise über seine Entscheidung sagte: „Getroffen ist sie schon, ausgesprochen noch nicht.“ Noch wabert der Dampf also, auch über seinem großen, vielleicht letzten Sommerfest heute Abend im Schloss Bellevue. Aber bald wird er verschwinden. Wenn Rau sich erklärt. Vielleicht noch im Juni.

Die einen, die nicht daran glauben, dass er noch einmal antritt, zählen als Beleg die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung auf, die im Mai 2004 den Präsidenten wählt, die sechs Stimmen Vorsprung von Union und FDP, woran sich auch durch die Bayernwahl im Herbst nicht mehr viel ändern wird. Sie verweisen auch auf Raus Alter, der zum Ende einer nächsten Amtszeit 78 wäre. Rau habe sich schon im Februar, nach den Wahlen in Hessen und Niedersachsen, gegen eine zweite Amtszeit entschieden, berichtet ein Vertrauter.

Pils und Doppelkorn

Aber es wäre ja nicht der erste Mal, dass Rau seine Meinung noch einmal geändert hätte. 1995 etwa, als er bei den Wahlen in NRW die absolute Mehrheit verlor, erklärte Rau, er wolle sich nun ins Privatleben zurückziehen, zog stattdessen aber die Erklärung wieder zurück. Oder im Herbst 1998 – Rau war gerade aus der Staatskanzlei ausgezogen und bereitete sich auf seine Kandidatur als Präsident vor –, da waren die Zeitungen voll von Gerüchten, er habe sich seinen Rücktritt in NRW mit der Zusage fürs Präsidentenamt erkaufen lassen. Rau, dessen Empfindlichkeiten noch größer sind als seine Ohren, wollte in den Herbstferien auf Spiekeroog erneut hinschmeißen, ehe ihn seine Frau aus der Verbitterung rüttelte: „Jetzt müssen wir es erst recht machen!“ Rau hat das gerne gehört. Zum Zurückziehen ist er nicht gut geeignet. Immer noch nicht.

Wer Johannes Rau dieser Tage durch seinen Präsidentenalltag begleitet, der kann kaum den Eindruck gewinnen, da habe einer schon abgeschlossen. Der Reiz des Amtes dauert an. Das spürt man zum Beispiel, wenn Rau von geselligen Abenden im Schloss Bellevue schwärmt. Wenn er erzählt, wie Helmut Schmidt nach dem Abendessen zu Ehren Kofi Annans leidenschaftlich mit Richard von Weizsäcker über Schröders Agenda 2010 streitet oder wie er ein Geburtstagsessen für den Theologen Hans Küng und für Walter Jens gab und man gar nicht mehr auseinander gehen wollte.

Auch neulich war wieder so ein Abend. Es war auf einer Zwischenstation der Sommerreise. Bruder Johannes hatte auf der Wartburg Quartier bezogen, wo sein reformatorischer Ahnherr Martin Luther einst die Bibel übersetzte. Burschenschaftler stiegen die steilen Stufen zur Burg hinauf, um dort oben den Jahrestag des Wartburgfestes zu zelebrieren. Unten zelebrierte Johannes Rau sein Talent als Geschichtenerzähler. Nach etlichen Pils und Nordhäuser Doppelkorn hatten seine Begleiter zwar unzählige Anekdoten gehört. Etwa die von „Pullen-Paul“, der Rau bei seinem Besuch in einer Berliner Bahnhofsmission auf die Schulter klopfte und sagte: „Mensch Weizsäcker. Dass wir uns mal treffen!“ Doch alle Reporter-Versuche, mehr Klarheit in Raus Zukunft zu bringen, scheiterten. Rau kokettiert mit seiner Entscheidung und genießt das Spiel mit den Erwartungen.

An solchen Abenden kann er sich auch trefflich über die holprige Kandidatensuche bei der Union amüsieren, wo sie mit wachsendem Unbehagen über einen Nachfolger für Rau grübeln. Die Manöver eines Bernhard Vogel etwa, der seine Ambitionen schon ungebührlich deutlich gemacht hat, als er neulich als Ministerpräsident Thüringens zurücktrat mit der Bemerkung, in der Bundespolitik wolle er aber weiter aktiv sein. Oder Vogels Stuttgarter Kollege Erwin Teufel, der als zweiter, womöglich aussichtsreicherer Anwärter auf Raus Erbe gilt. Wolfgang Schäuble ist schon für ein paar Ämter zu viel genannt worden, als dass ihm Chancen eingeräumt werden. Bleibt als Unbekannte Edmund Stoiber. Dem Bayern ist die Lust an der Bundespolitik durch die gescheiterte Kanzlerkandidatur nicht geschwunden, im Gegenteil.

Aber Rau hat auch registriert, dass sie bei der Union neuerdings ein bisschen leiser geworden sind. Die vorsichtigen Konservativen warnen ohnehin schon immer davor, Schwarz und Gelb in der Bundesversammlung einfach zusammenzurechnen. Dem FDP-Chef Guido Westerwelle sei „jeder Hakenschlag“ zuzutrauen, sagt ein führender Christdemokrat; wenn im nächsten Frühjahr die Konjunktursonne plötzlich wieder milde Strahlen auf Gerhard Schröder wirft, wer weiß, ob Westerwelle nicht plötzlich ein ganz anderes Signal für opportun hält als die Botschaft, mit Raus Abschied sei auch Schröders Ende eingeläutet. Und dann die Koalitionskrise in NRW: Was, wenn die NRW-FDP sich erkenntlich zeigen will, falls Steinbrück ihr den lang ersehnten Weg in die Regierung in Düsseldorf bahnt?

Eine Ampel für Rau? Offiziell würde die an den Grünen nicht scheitern. Doch auch vom kleineren Regierungspartner kommen derzeit merkwürdige Signale. Stehen prominente Grüne bei einem der Sommerfeste zusammen, traut man seinen Ohren kaum, wer da als Wunschkandidat fürs Bellevue herbeigesehnt wird: Klaus Töpfer, Heiner Geißler, Rita Süssmuth – allesamt Unionspolitiker.

Bei so vielen Unwägbarkeiten wird Rau auf den Ausgang der Partei-Spielchen nicht warten. Auffällig oft blickt er dieser Tage zurück. Man merkt dann, dass er sich ein wenig betrogen fühlt um eine komplette Legislaturperiode, dass man ihm das erste Jahr im Schloss Bellevue gestohlen hat. So sieht es Rau, und der Dieb hat für ihn auch einen Namen: Laurenz Meyer. Der war zu Beginn von Raus Amtszeit CDU-Fraktionschef in Nordrhein-Westfalen und als solcher dafür zuständig, immer wieder an Raus Flugaffäre zu erinnern und so den Präsidenten aus dem Schloss in die Niederungen des Düsseldorfer Filzes zurückzuholen. Bis der Wahlkampf in seinem Heimatland endete und die Geschichte ruhte. So glaubt Rau, dass seine Präsidentschaft erst im Mai 2000 richtig beginnen konnte. Dann aber fesselte den verspäteten Präsidenten eine Operation an der Bauchschlagader wochenlang ans Bett. Das Wort vom „Bundesgreis“ machte die Runde. Noch vor dem eigentlichen Anfang schien es, als werde es kein gutes Ende nehmen mit Raus Präsidentschaft.

Wider den Zeitgeist

„Bei so einem Amt ist immer die Frage, wie man es ausfüllt“, erklärte er gerade seinen jungen Zuhörern auf der Sommerreise. Es habe unter seinen Vorgängern ja schon verschiedene Versuche gegeben, dem Amt Profil zu geben. Inzwischen ist er mit sich im Reinen. Weil er merkt, dass auch er als Präsident unverwechselbar geworden ist.

Als Robert Steinhäuser in Erfurt 17 Menschen umbrachte, richtete sich Rau bei der Trauerfeier als einziger Redner auch an die Familie des Täters. „Ich möchte Ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“ Rau ist in seinen Präsidentenjahren zum Spezialisten dafür geworden, mit Selbstverständlichkeiten wider den Zeitgeist zu reden. Auch mit seiner Rede vor dem israelischen Parlament war es so, wo er als erster deutscher Politiker sprach. Sie gehörte zu den Höhepunkten seiner Amtszeit, ebenso wie die „Berliner Rede“ zur Gentechnik, als er wider alle Heilsversprechen eine Forschung „diesseits des Rubikons“ verteidigte und sich so auch gegen die forsche Haltung des Kanzlers stellte. Dem Zuwanderungsgesetz der Regierung hat er mit seiner „Berliner Rede“ zur Migration erst den Weg geebnet.

Aber abgesehen von diesen kurzen Abstechern ins Ruckige oder Beharrende wirkt Rau in diesen aufgeregten Reform- und Aufbruchtagen ein wenig, als sei er aus der Zeit gefallen. Er schlägt die Brücke zur Vergangenheit, erinnert daran, was man alles aufgibt, wenn man Geschichte als lästigen Ballast empfindet: die sozialpolitische Vergangenheit der Bundesrepublik, auf die er stolz ist, auch weil er sie mitgestaltet hat. Aber auch die dunkle Historie des Landes, die Rau auch heute noch als ständige Mahnung begreift. Diese Diskrepanz in der Sicht auf das Land wird im holzgetäfelten Vorstandssaal der Deutschen Bank besonders deutlich. Dort, im 35. Stock des Frankfurter Bankenturmes, erzählen ihm die Nachwuchskräfte des Geldhauses fast 90 Minuten lang von ihren Problemen mit Deutschland. Von verkrusteten Strukturen, vom Staat, der sich zu viel einmischt in die Wirtschaft. Sie reden von Bekannten, die längst in die Schweiz oder nach Amerika gegangen sind. Johannes Rau sitzt im Ledersessel und zündet eine Stuyvesant an. Manchmal schüttelt er zart den Kopf. Man sieht es kaum. Die schicken Menschen um ihn herum sind fast 50 Jahre jünger als er. Vielleicht wird ihm in diesem Moment etwas bange vor der Zukunft des Landes.

Nach den 90 Minuten fragt ihn eine Nachwuchsbankerin: „Was ist denn jetzt eigentlich Ihre Vision für Deutschland?“ Rau holt tief Luft. Er sagt nichts von Konjunktur, nichts von Lohnnebenkosten oder Existenzgründern. Er sagt: „Ich fände es ein Wunder, wenn wir 50 weitere Jahre in Frieden leben könnten, umzingelt von Freunden.“ Und dann zitiert er Theodor Adorno und dessen Vision von einer Gesellschaft, in der jeder ohne Angst verschieden sein kann. „Das klingt für Sie jetzt vielleicht ein bisschen lyrisch“, entschuldigt sich Rau. Aber wer etwa die Luftangriffe auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg miterlebt habe, der müsse wohl so denken. „Glauben Sie nicht, dass wir das mit der Gesellschaft schon längst erreicht haben?“, fragt ihn eine junge Frau verwundert. „Nein“, sagt Rau. „Ich sehe das jeden Tag neu in Gefahr.“ Es gäbe also noch viel zu tun für ihn. Vielleicht denkt er dieser Tage auch an den letzten Satz seiner geliebten Bibelpassage, Jakobus, Kapitel vier: „Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt.“

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