KOMÖDIE„Fliegende Liebende“ : Die Titanic der Lüfte

Foto: Tobis
Foto: Tobis

Nach seinem Gruselthriller-Ausflug mit „Die Haut, in der ich wohne“ kehrt Pedro Almodóvar wieder zurück auf das Terrain der frivolen Komödie. „Fliegende Liebende“ erinnert an die frühen Arbeiten des spanischen Kultregisseurs wie „Das Gesetz der Begierde“ (1986) und „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988). Bildete damals die Post-Franco-Gesellschaft den Hintergrund für seine schrillen und provokanten Komödien, ist es nun das wirtschaftskrisengeschüttelte Spanien, das den metaphorischen Bezugsrahmen bietet.

„Fliegende Liebende“ spielt nahezu ausschließlich an Bord eines Passagierflugzeuges, das aufgrund eines Fahrwerkschadens über dem spanischen Luftraum kreist, bis es die Genehmigung zur Notlandung bekommt. In der Business-Class hat sich das Malheur bald herumgesprochen, und das ausnahmslos schwule Flugbegleiterteam hat alle Hände voll zu tun, um die verwöhnten Passagiere bei Laune zu halten. Dazu gehören nicht nur eine Karaoke-Einlage zu „I’m so exited“, sondern auch ein durch Mescalinas angereicherter Drink mit dem klangvollen Namen „Agua de Valencia“.

Mit an Bord der fliegenden Titanic sind die ehemalige Filmdiva Norma (Cecilia Roth), die parapsychologisch begabte Jungfrau Bruna (Lola Dueñas), der flüchtige Pleitebankier Señor Más (José Luis Torrijo), ein geheimnisvoller Mexikaner (José María Yazpik) und ein Liebespaar auf dem Weg in die Flitterwochen. Genug Personal, um in einem Kabinenkammerspiel Familiengeheimnisse, politische Intrigen, mörderische Pläne und melodramatische Wendungen aufeinanderprallen zu lassen. Derweil breitet sich im Angesicht des möglichen Todes der Virus der Aufrichtigkeit rasant aus. Die Piloten im Cockpit diskutieren über bisexuelle Seitensprünge, von den Flugbegleitern werden Blowjobs als Paniktherapie empfohlen und die Jungfrau findet in der narkotisierten Economy-Class ihre erotische Erfüllung.

Mit leichter Hand verquirlt Almodóvar Gesellschaftssatire, Burleske, Melodrama, lebensphilosophische Elemente und jede Menge Tuntenhumor zu einem amüsanten Lustspielcocktail. Natürlich ist „Fliegende Liebende“ weit entfernt von Meisterwerken wie „Alles über meine Mutter“, aber als komödiantische Fingerübung eines begnadeten Regisseurs, der es auch locker angehen lässt, entfaltet der Film eine anarchistischen Gelassenheit, mit der man einer drohenden Bruchlandung entspannt entgegenblicken kann. Spritzig. Martin Schwickert

E 2013, 91 Min., R: Pedro Almodóvar, D: Cecilia Roth, Lola Dueñas, José Luis Torrijo

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