KOMÖDIE„Happy-Go-Lucky“ : Die Trampolinspringerin

Christiane Peitz

Arbeiterviertel. Malocher. Sich abrackernde Frauen. Die Underdogs von London. Mike Leigh, Protagonist des New British Cinema, ist ein ernsthafter Regisseur, einer, der sich der Wahrheit über die Schlechtigkeit der Welt unerschrocken stellt und sie in seinen besten Filmen („High Hopes“, „Life is Sweet“, „Naked“) auf wahlweise hautnahe oder apokalyptische Weise auch dem Zuschauer zumutet.

Kann einer, dessen gesamtes Œuvre ein unbestechlicher, bewegender, oft zorniger Versuch über das Unglück ist, auch vom Glück erzählen? Ja, Mike Leigh kann. Der Beweis ist aus Fleisch und Blut, heißt Poppy, ist Grundschullehrerin, bastelt im Unterricht lustige Vogelmasken, amüsiert sich nach Feierabend mit WG-Genossin Zoe (Alexis Zegerman) in der Disco, will wissen, wo sich die guten Männer versteckt haben, trägt knallbunte Klamotten und hochhackige Boots, die sie auch bei ihren Fahrstunden nicht gegen flacheres Schuhwerk auszutauschen bereit ist. Kann man, so fragt der Weltverbesserer Mike Leigh angesichts seiner wunderbaren Hauptdarstellerin Sally Hawkins, die Welt statt mit Klassenkampf auch mit guter Laune verbessern?

Poppy ist wild entschlossen, es zu versuchen. Nicht als Kindskopf, sondern im Bewusstsein ihrer Verantwortung als Lehrerin, Kollegin, Freundin, Schwester, Londonerin. Fahrrad geklaut? Dann lernt sie halt Auto fahren. Der Fahrlehrer Scott (Eddie Marsan) ein Miesepeter? Dann eben ein Dauerduell der Menschenliebe gegen den Multikultihass, der Fantasie gegen den Verschwörungswahn, der Lebenslust gegen den Dauerfrust. Die Fahrstunden von „Happy-Go-Lucky“ dürften die temperamentvollsten der Filmgeschichte sein; an Vitalität werden sie nur vom Flamenco-Lehrgang der energisch das Leiden als Motor der Kunst beschwörenden Tanzlehrerin übertroffen. Die Spanierin stampft sich wütend ihr Leid aus der Seele, Poppy springt auf dem Trampolin in die Luft – und verliebt sich in einen Sozialarbeiter. Kein Traummann, aber einer, der mit ihr lacht. Mike Leigh, der die Dialoge mit seinen Darstellern per Improvisation erarbeitet, ist ein Meister der Lebensnähe. Deshalb begegnet Poppy einem philosophierenden Obdachlosen, der ihr die Nachtseite des Daseins zeigt, deshalb begreift sie am Ende, dass ausgerechnet ihr Glück Scotts Unglück ausmacht. Sie kann nicht alle retten. Federleichte Komödie über die Kunst, glücklich zu sein. Christiane Peitz

„Happy-Go-Lucky“, GB 2008, 119 Min., R: Mike Leigh, D: Sally Hawkins, Eddie Marsan, Alexis Zegerman, Samuel Roukin

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