Zeitung Heute : „Kompromissloses Streben nach Qualität“

Wolf Lepenies, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, plädiert für mehr Wettbewerb zwischen Universitäten

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Prof. Dr. Wolf Lepenies erhält den diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Dem Soziologen der Freien Universität Berlin, langjährigen Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin und Schriftsteller wird die Ehrung am 8. Oktober 2006 in der Frankfurter Paulskirche verliehen. Die Auszeichnung ist mit 25 000 Euro dotiert.

Wo haben Sie von der Ehrung durch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Anfang Oktober erfahren?

Zu Hause in Berlin, durch einen Anruf von Dr. Gottfried Honnefelder, dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Was bedeutet Ihnen der Preis?

Der Friedenspreis bedeutet mir viel, er ist eine große Ehre – geehrt werden damit auch die Fellows und Mitarbeiter des Wissenschaftskollegs, mit denen ich lange Jahre zusammenarbeiten konnte.

Gibt es einen oder mehrere Preisträger der vergangenen Jahre, zu dem oder denen Sie eine besondere intellektuelle Nähe empfinden? Können Sie erläutern, wieso?

Da sind zunächst einmal die Fellows des Wissenschaftskollegs, die ich das Glück hatte, näher kennen zu lernen: Wladislaw Bartoszewski, György Konrád, Mario Vargas Llosa und Peter Esterházy. Über das Verhältnis von Kultur und Politik in Deutschland habe ich viel von Fritz Stern gelernt. Natürlich erinnere ich mich besonders gern an einen schönen Sonntag im Oktober 1994, als ich die Laudatio auf Jorge Semprun halten durfte.

Sie sind vor 35 Jahren dem Ruf der Freien Universität gefolgt und Professor für Soziologie geworden. Wie hat sich das Selbstverständnis der Wissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Darauf ist es schwer, eine allgemeine Antwort zu geben. Die Lage in den einzelnen Disziplinen ist unterschiedlich. Fast alle Fächer aber sind unter einen erhöhten Verwertungsdruck geraten. Die Gefahr einer rigiden „Ökonomisierung“ der Wissensproduktion wächst. Natürlich können die Wissenschaften vor der Frage nach ihrem Nutzen für die Gesellschaft nicht ausweichen. Zugleich gilt es, an der Überzeugung vom langfristigen „Nutzen des nutzlosen Wissens“ festzuhalten, von dem der große amerikanische Universitätsreformer Abraham Flexner einmal sprach. Die Universitäten müssen ein Ort der Gelehrsamkeit bleiben.

Welche Rolle kann und sollte Wissenschaft im Prozess der Globalisierung spielen? Kann sie moralische Orientierung geben, oder verliert sie an Einfluss?

Auch hier müsste man nach Fächern und Fächergruppen unterscheiden. In der Wissensgesellschaft werden die Wissenschaften weiter an Bedeutung gewinnen – das gilt nicht nur für die Natur- und Technikwissenschaften. So wird die Bewältigung der Probleme, vor denen der moderne Sozial- und Versorgungsstaat steht, ohne die Sozialwissenschaften kaum gelingen. Ob die Politik den Sachverstand der Wissenschaften angemessen nutzt, ist eine andere Frage. Moralische Orientierung kann nicht die Wissenschaft geben, sie kann nur von einzelnen Wissenschaftlern kommen.

Kann der Exzellenzwettbewerb des Bundes und der Länder dazu beitragen, die Abwanderung von Wissenschaftlern ins Ausland zu stoppen?

Jedenfalls ist der Exzellenzwettbewerb ein Schritt in die richtige Richtung. Zugleich ist er ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die Verarmung der Universitäten, die wir fahrlässigerweise haben geschehen lassen, wird sich dadurch nicht mildern. Richtig ist aber der Druck auf mehr Wettbewerb unter unseren höheren Bildungsanstalten.

Die Freie Universität Berlin hat im Exzellenzwettbewerb die letzte und entscheidende Runde erreicht. Wie bewerten Sie ihr Konzept, sich zu einer internationalen Netzwerk-Universität zu entwickeln?

Ich verfolge den „Wettkampf“ der Freien Universität mit Bewunderung und großer Sympathie. Die Idee der internationalen Netzwerk-Universität ist zukunftsweisend; wie weit sie tatsächlich trägt, wird sich im Alltag der Forschung zeigen müssen.

Wie muss sich die deutsche Hochschullandschaft insgesamt verändern, wenn die Universitäten im europäischen und weltweiten Wettbewerb um Wissenschaftler und Studierende mithalten, zugleich aber ihre über die Jahrhunderte gewachsenen Traditionen nicht verraten wollen?

Die Universitäten müssen ihrer neu gewonnenen Eigenverantwortung durch mehr Wettbewerb – nach innen und außen – und das kompromisslose Streben nach Qualität gerecht werden. Die Gesellschaft muss erkennen, dass eine „Amerikanisierung“ der deutschen Universitäten ihre Grenzen hat; ich sehe in Deutschland im Bildungsbereich zu viele Privatgründungen – und zu wenig Bereitschaft von privater Seite, sich für die bestehenden Institutionen wirksam zu engagieren. Die Politik – nicht zuletzt in Berlin – sollte den Standortfaktor Wissenschaft angemessener fördern.

Sie haben den Fall der Mauer als Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin erlebt. In ihrer 15jährigen Amtszeit haben Sie Begegnungen zwischen Intellektuellen aus den Staaten West- und Osteuropas mitgestaltet, die bis 1989 in dieser Form nicht möglich gewesen sind. Haben Sie sich einen Teil der geistigen Bereicherung aus diesem Austausch bewahren können?

Die Erfahrungen in Mittel- und Osteuropa sind für mich prägend geblieben. Dazu gehört nicht zuletzt ein kritisches Befragen der „Selbstverständlichkeiten“, in die man als „westlicher“ Wissenschaftler hineingewachsen ist. Geblieben ist die Vorsicht, historische Veränderungen nicht vorschnell als endgültig anzusehen.

Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel „Kultur und Politik. Deutsche Geschichten“ veröffentlicht. Welche nationaltypischen Unterschiede gibt es beispielsweise zu Frankreich und Großbritannien?

Mein Buch handelt von der deutschen Überschätzung der Kultur und dem Selbstmissverständnis vieler Kulturproduzenten, sich als die besseren Politiker zu fühlen. Diese Überschätzung kompensiert nicht zuletzt ein Gefühl der Unsicherheit, das wiederum eine Folge unserer späten Nationwerdung ist. Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Aufgehen in Europa verlieren sich die Gründe für diese Unsicherheit – und damit verschwindet auch die „kulturelle Überheblichkeit“. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein wurde in unserem Land die Überheblichkeit der „deutschen Kultur“ gegenüber der „Zivilisation“ unserer westlichen Nachbarn behauptet. Wer heute so etwas sagen würde, machte sich auch in Deutschland lächerlich. Die Situation in Frankreich und Großbritannien ist davon grundsätzlich verschieden, weil in beiden Ländern der Gegensatz von Kultur und Zivilisation eine weit geringere Rolle spielt als in Deutschland – wenn er überhaupt thematisiert wird.

Sie haben 1995 – also sechs Jahre vor den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA – ein Forschungsprojekt zum Islam initiiert und begleitet. Wie hat es sich weiterentwickelt?

An die Gründung des Arbeitskreises „Moderne und Islam“, der Wissenschaftler aus allen Berliner Universitäten und Forschungseinrichtungen zusammenführte, denke ich besonders gerne zurück. Auch deswegen, weil die politische Unterstützung dieses Arbeitskreises durch die Bundesrepublik und den Berliner Senat vorbildlich war; ich denke an den damaligen Forschungsminister Jürgen Rüttgers und an den ehemaligen Wissenschaftssenator Manfred Erhardt. Der Arbeitskreis besteht unter anderem Namen immer noch, jetzt haben das Wissenschaftskolleg, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften und die Fritz Thyssen Stiftung ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt initiiert, das den Namen „Europa im Nahen Osten – der Nahe Osten in Europa“ trägt. Daran sind wiederum die Forscher der Universitäten und beispielsweise des Zentrums Moderner Orient führend beteiligt.

Was muss geschehen, damit es nicht zu einer weiteren Entfremdung zwischen den Kulturen kommt?

Im Arbeitskreis hat sich meine Auffassung zunehmend verstärkt, dass die Wissenschaft ganz entscheidend dazu beitragen kann, einem Krieg der Kulturen die historische und ideologische Rechtfertigung zu entziehen. Daraus wird dann nicht sofort eine Koalition der Kulturen – wohl aber eine vernünftige Form des Umgangs miteinander, bei allem Dissens, der bleiben wird. Angefangen mit Fritz Steppat, dem früheren Ordinarius für Islamwissenschaften, der vor kurzem leider gestorben ist, haben Wissenschaftler der Freien Universität im Arbeitskreis stets eine herausragende Rolle gespielt. Wenn ich der Freien Universität einen Rat geben könnte, wäre es der, die Orientwissenschaften mit allem Nachdruck zu fördern. Eine bessere Investition in die Zukunft lässt sich schwerlich denken.

Die Fragen stellte Carsten Wette.

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