Zeitung Heute : Konferenz für Tiere

In Bonn wird ab heute über einen neuen Artenschutzvertrag verhandelt. Wie bedroht ist die Vielfalt auf der Erde?

Dagmar Dehmer

Niemand weiß genau, wie viele Arten von Lebewesen es auf der Welt gibt. Die Schätzungen liegen bei zehn bis 100 Millionen. Bekannt und beschrieben sind nur etwa 1,8 Millionen Arten, auf ihre Gefährung hin untersucht wurden rund 40 000. Die größte Artenvielfalt existiert in 17 Ländern, überwiegend im Tropengürtel der Erde. In Brasilien zum Beispiel sind 56 000 Arten beschrieben worden, in China 32 000. Auch Madagaskar ist ein sehr artenreiches Land, und wegen der Insellage sind mehr als 90 Prozent der dort lebenden Arten endemisch: Sie kommen nur auf Madagaskar vor.

Doch um die Artenvielfalt auf der Welt ist es schlecht bestellt. Die Korallenriffe in der Karibik zum Beispiel sind schon zu 80 Prozent abgestorben. 35 Prozent aller Mangroven, das sind Bäume, die Ebbe und Flut vertragen und sehr große, starke Wurzeln schlagen, wurden innerhalb der vergangenen 20 Jahre vernichtet. Mangroven sind für viele Fischarten die „Kinderstube“. Und Korallenriffe gehören zu den wichtigsten Lebensräumen der Meere, sie sind die „Regenwälder der Ozeane“. Die Internationale Naturschutzunion (IUCN) führt zurzeit 41 415 Pflanzen, Tiere und Vögel auf ihrer Roten Liste. Vom Aussterben bedroht sind 16 305 Arten. 785 sind bereits ausgestorben. Die aktuelle Rate des globalen Artensterbens übersteigt die natürliche Aussterberate um das Hundert- bis Tausendfache. Jedes Jahr wird im Durchschnitt eine Waldfläche von 13 Millionen Hektar zerstört – da passt die Schweiz drei Mal rein.

Und es könnte noch schlimmer kommen. Denn mit dem Klimawandel wird sich das Artensterben zusätzlich beschleunigen. Steigen die globalen Temperaturen um 2,5 Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung, werden das 30 Prozent der Arten nach Berechnungen des Weltklimarats (IPCC) nicht überleben.

Bisher sind es vor allem vier Faktoren, die für das Artensterben in der Hauptsache verantwortlich sind. Der wichtigste: der Verlust von Lebensraum – vor allem durch die Landwirtschaft, der immer mehr Natur zum Opfer fällt, sowie durch Versiegelung, zum Beispiel durch Straßenbau. Die Übernutzung setzt vielen Arten ebenfalls zu. Die Hälfte der Weltfischbestände wird zurzeit voll ausgeschöpft, weitere 25 Prozent der Bestände sind bereits völlig überfischt und können sich nicht mehr erholen. Ein weiteres Beispiel ist die Jagd. Mit Buschfleisch werden jährlich Schätzungen zufolge in West- und Zentralafrika zwischen 42 und 205 Millionen Dollar verdient. Und alleine im Ostkongo wird mit der Herstellung von Holzkohle aus dem Regenwald ein Jahresumsatz von etwa 30 Millionen Dollar erwirtschaftet.

Ein weiterer Faktor für das Artensterben ist die Umweltverschmutzung. Dass sich Amphibien, zum Beispiel Frösche, in deutschen Gewässern kaum noch fortpflanzen können, lässt sich unter anderem auf den massenhaften Gebrauch der Antibabypille zurückführen. Die Hormonmengen, die mit dem Urin in die Kläranlagen kommen, reichen, um bei Fröschen zu Entwicklungsstörungen zu führen. Viele Tiere bilden kein Geschlecht mehr aus, was ihre Fortpflanzung unmöglich macht. Dazu kommen invasive Arten, die unabsichtlich oder auch absichtlich eingeschleppt worden sind. Ein Beispiel ist die pazifische Auster, die sich an den Küsten der Nordsee zurzeit dramatisch ausbreitet. Sie verdrängen die einheimischen Austern. In der Bretagne hat das bereits dazu geführt, dass die Austernfischer, die dort Aquakulturen mit den Muscheln angelegt hatten, keinen Ertrag mehr haben. Und die pazifische Auster „schmeckt nicht“, sagen Kenner.

Die meisten Bürger in den 27 EU-Staaten glauben nach einer Gallup-Umfrage, dass die Umweltverschmutzung die wichtigste Ursache für das Artensterben ist (27 Prozent). Den gleichen Stellenwert haben in der Wahrnehmung der EU-Bürger Tankerunglücke und Industrieunfälle (27 Prozent). Immerhin 19 Prozent halten den Klimawandel, aber nur 13 Prozent die Landwirtschaft und die Nutzungsänderung von Land – also den Verlust von Lebensräumen – für den wichtigsten Faktor. Da wundert es nicht, dass nur die wenigsten mit dem Begriff „Biodiversität“ etwas anfangen können.

In Bonn soll es nun zwei Wochen lang genau darum gehen – um Biodiversität (biologische Vielfalt) und um die Frage, wie zumindest die noch vorhandenen Reste von Wildnis geschützt werden können. Die 189 Vertragsstaaten der Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (CBD) haben sich vorgenommen, bis 2010 ein weltweites Schutzgebietsnetz auf dem Land und bis 2012 auf den Weltmeeren auszuweisen. Einfach wird das nicht werden. Eine Vorahnung geben die Probleme, die Deutschland damit hatte, Schutzgebiete nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU auszuweisen – trotz einer starken Ökobewegung und eines großen Umweltbewusstseins. Denn Naturschutz heißt immer, dass es Nutzungsbeschränkungen geben muss. Dagegen wehren sich in der Regel Bauern, Jäger und Bürgermeister, weil sie um Entwicklungsmöglichkeiten fürchten.

Andererseits wird von den Entwicklungsländern wie selbstverständlich erwartet, dass sie ihre Naturschätze bewahren, obwohl es oft gar keine wirtschaftliche Alternative zur Nutzung der natürlichen Ressourcen gibt. Damit es in Bonn Fortschritte geben kann, werden die Industrieländer wesentlich mehr Geld als bisher auf den Tisch legen müssen. Nur so werden sich die Schutzgebiete einrichten lassen. Und es müssen wirtschaftliche Alternativen für die Menschen gefunden werden, die um solche Schutzgebiete herum leben. Noch schwerer als an Land wird das wohl im Hinblick auf die Weltmeere werden. In Deutschland steht gerade mal ein Prozent der Meeresfläche unter Schutz – und auf der hohen See gibt es bisher nicht ein einziges Schutzgebiet.

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