Zeitung Heute : Kongo-Fieber

Captain James Tuckey erhielt seinen Marschbefehl 1815. Sein Auftrag: Erforschen Sie diesen Fluss. Die Reise wurde für die Briten zum Trauma. Ein Expeditionsbericht.

Andreas Austilat

James Hingston Tuckey hatte es geschafft. Der Brief, den er in den Händen hielt, trug das Siegel der britischen Admiralität, und er besagte vor allem eines: Sie hatten ihn ausgewählt. Gut, sein Name war falsch geschrieben, aus „Hingston“ „Kingston“ geworden, aber was spielte das für eine Rolle. Wenn er diesen Auftrag erfüllte, dann würde sein Name auf der Weltkarte stehen – James Tuckey, der Mann, der den Kongo-Fluss bezwungen hatte.

Das Risiko, das er eingehen würde, war beträchtlich. Aber das ist nun einmal so, wenn man etwas als Erster tut. Wenn die Bundeswehr jetzt den Befehl erhält, in den Kongo zu gehen, dann werden die Soldaten Tabletten haben gegen Malaria. Sie werden geimpft sein gegen Hepatitis, gegen Typhus und Gelbfieber. Und dank Satellitennavigation werden sie immer auf den Meter genau wissen, wo sie stehen. Als Tuckey 1815 auf seine Mission ging, wusste er nichts von alledem. Seine Medizin war Quecksilberchlorid, ein Abführmittel. Sein Ziel war auf allen Karten ein einziger weißer Fleck und sein Auftrag: diesen weißen Fleck zu füllen.

James Tuckey war 39 Jahre alt, wurde aber älter geschätzt, weil er sich immer ein bisschen gebeugt hielt und auf dem Kopf kaum mehr als einen grauen Haarkranz hatte. Weshalb die Admiralität gerade ihn auswählte? Vielleicht, weil er preiswert zu haben war. Vielleicht aber auch, weil sie glaubten, etwas gutmachen zu müssen.

Der Sohn eines Gutsherren und einer Pfarrerstochter trat mit 15 in die Marine ein und holte sich prompt in der Karibik ein Fieber, das ihn beinahe umbrachte. Er kämpfte gegen Meuterer, Holländer und Franzosen. Ein Granatsplitter verletzte seinen linken Arm, ein Rohrkrepierer brach ihm den rechten. Aber mit 28 war er Erster Offizier, eine saubere Karriere. Bis zu jenem unglückseligen Tag im Südatlantik. Sein Schiff, die Fregatte „HMS Calcutta“, begleitete einen Handelskonvoi, der hinter St. Helena fünf französischen Kriegsschiffen vor die Rohre lief. 50 Minuten lang schossen die Franzosen auf die Calcutta ein, dann war sie ein Wrack, ohne Segel, ohne Masten, ohne Steuer.

Neun Jahre verbrachte Tuckey in einem französischen Gefangenenlager bei Verdun. Andere wurden in dieser Zeit Kapitän oder gar in den Adelsstand erhoben, er blieb Leutnant. Im Lager lernte er seine Frau kennen, die gefangene Tochter eines Handelskapitäns der britischen Ostindienflotte. Dort wurden auch seine Kinder geboren. Doch unmittelbar vor der Befreiung starb erst der jüngste Sohn, dann erlitt die Tochter Brandverletzungen, denen sie, gerade sieben Jahre alt, erlag.

In England plante derweil John Barrow, Vizesekretär der britischen Admiralität, für den Frieden. Die Marine Ihrer Majestät, damals größte Flotte der Welt, stand unter Druck, nach der Niederlage Napoleons wurde sie nicht mehr gebraucht. Und Offizieren ohne Kommando zahlte man nur noch den halben Sold. Für einen Leutnant waren das drei englische Pfund im Monat, ein passabler Zivil-Anzug kostete fast das Doppelte, ein Kilo Tee immerhin ein Pfund. Es gab jede Menge Männer, die bereit waren, größere Risiken einzugehen.

Einige hatten sich bereits zu den Quellen des Niger aufgemacht, an dessen Ufern Timbuktu liegen sollte, eine Stadt, deren angeblicher Reichtum seit der Antike die Fantasie der Europäer beschäftigte. Allein zogen sie durch Savannen und Wüsten. Nur einer kam durch: Mungo Park, der die Quellen des Niger erreicht hatte. Er versuchte es 1805 ein zweites Mal, diesmal begleitet von 30 Marine-Infanteristen. Aber die ganze Truppe wurde von dem Kontinent verschluckt, den man damals schon den Schwarzen nannte.

Da verfiel Barrow auf einen neuen Gedanken: Wenn man den Niger nicht hinunterfahren könne, fährt man ihn eben rauf. Zwar wusste bis dahin niemand, wo der Niger mündet, aber das hinderte Barrow nicht, an dem mit grünem Filz bezogenen Tisch der Admiralität sein eigenes Afrikabild zu entwerfen. In diesem Bild ging der Niger direkt in den Kongo über, durchquerte praktisch halb Afrika von Nord nach Süd und mündete unterhalb des Äquators in den Südatlantik, eine Wasserstraße, so mächtig und verzweigt, dass man auf ihr den Kontinent würde erobern können. Das war zwar alles kompletter Unsinn, aber wer sollte es besser wissen?

Am 16. Februar 1816 verlässt Tuckey mit dem Transporter „Dorothy“ und dem Schoner „Congo“ England. 54 Mann begleiten ihn, darunter drei Wissenschaftler, ein Arzt, vier Zimmerleute, zwei Schmiede und 14 Soldaten. Seinen Stellvertreter hat Tuckey selbst aussuchen dürfen, er wählt Leutnant John Hawkey, der mit ihm in französischer Gefangenschaft war.

Sie brauchen zwei Monate bis zu den Kapverdischen Inseln. Fast noch einmal so lange begegnen sie keinem Schiff, bis dicht vor dem Ziel. Ihr Gegenüber hisst die englische Handelsflagge. Aber als Tuckey sich nähert, hält das fremde Schiff Distanz, fährt sogar die Kanonen aus den Luken. Tuckey ahnt warum. Offensichtlich ist der andere in illegalen Geschäften unterwegs. Und er weiß auch in welchen: In England wie in vielen anderen europäischen Staaten ist die Sklaverei seit wenigen Jahren verboten. Doch der einträgliche Handel mit afrikanischen Sklaven blüht seit 300 Jahren, seit die Portugiesen diese Küste entdeckten. Und er tut es nach wie vor. Tuckey hat strikte Anweisungen: Treffen Sie auf Sklavenhändler, mischen Sie sich nicht in deren Angelegenheiten.

Überhaupt sind seine Befehle äußerst umfangreich. Den Fluss soll er untersuchen, Hindernisse, die Strömung, die Wasserqualität. Alles soll er über die Anwohner in Erfahrung bringen, ihre Gewohnheiten, ihr Handwerk, ihre Kunstfertigkeit, Wirtschaft, Städte, Dörfer, Sprache, Beschaffenheit des Landes, Tiere und Pflanzen beschreiben. Den ganzen Kongo soll er hochfahren, die wichtigsten Nebenflüsse erkunden, ein Netz von, wie man heute weiß, 11 000 Kilometern.

Am 3. Juni sichtet die Besatzung der „Dorothy“ Land. Durchs Fernrohr sieht Tuckey Wald, so dicht, dass er ihm fast schwarz vorkommt. Feuchter Dunst steigt aus dem Dickicht auf, abends glänzen Deck und Aufbauten der Schiffe vor Nässe, Tau tropft von der Reling. Am 1. Juli, kurz vor Erreichen der Kongomündung, nehmen zwei Kanus und ein Ruderboot Kurs auf die Briten. In Tuckeys Augen ist das eine seltsame Truppe, die da auf ihn zurudert. Ins Kopfhaar haben sie sich symmetrische Ornamente geschoren, die Schneidezähne sind spitz zugefeilt, die Männer behängt mit Ringen aus Kupfer und Eisen und Halsketten aus Elfenbein. Merkwürdiger noch ist die Kleidung, zu Lendenschurz und Tierfellen trägt der Anführer ein rotes Jackett, sein Begleiter einen englischen Militärmantel. Der Fremde kommt sofort zum Geschäft. Er will Sklaven verkaufen, verspricht einen guten Preis und ist äußerst verwundert, als Tuckey ihm erklärt, kein Interesse zu haben.

Am 5. Juli erreicht die Expedition den Kongo. Wieder kommen Eingeborene an Bord, sie sehen nicht anders aus als die vorherigen. Warlord würde man den Anführer heute vielleicht nennen. Wieder wollen sie Sklaven verkaufen. Es kostet Tuckey ein Fässchen Rum und einige Mühe, sie loszuwerden. Doch er ist bester Laune. Das Klima erweist sich jetzt in der Trockenzeit zumindest hier an der Mündung als angenehm. Das Wasser ist klar, und abends schwirren Papageien in Scharen über die undurchdringlichen Mangroven an beiden Ufern. Ein Hauch von Ferienstimmung macht sich breit. Nur voran kommt man nicht. Gegen die starke Strömung können sie kaum ankreuzen. Einen Monat braucht die Expedition für die kaum 70 Meilen bis Embomma, einer Siedlung, die schon den Portugiesen bekannt war. Weitere Sklavenschiffe schleichen sich im breiten Mündungstrichter an ihnen vorbei, darunter Briten und Amerikaner, die meisten sind nachts und heimlich unterwegs.

James Tuckey ist ein bemerkenswert umsichtiger Kommandant. In einer Ansprache ermahnt er seine Leute vor dem ersten Landgang, „obwohl wir nicht erwarten, auf wirklich wilde Eingeborene zu stoßen“, einige Verhaltensregeln zu beachten. Weil man nicht genau wisse, „wie es die Eingeborenen mit dem Privateigentum halten“, dürften keine Gegenstände unnötig zur Schau gestellt werden, die „ihre Begierde herausfordern könnten“. Zeremonien, und seien sie noch so befremdlich, dürften nicht unterbrochen werden, beim Umgang mit einheimischen Frauen ist es strikt untersagt, sich irgendwelche Freiheiten herauszunehmen. Und falls man doch einmal von der Waffe Gebrauch machen müsse, sollte die erste Salve nur mit Schrot geladen sein.

Embomma ist eine Enttäuschung. Statt eines glanzvollen Hofstaats bemerken die Briten Anzeichen von Auszehrung. Erneut muss Tuckey wiederholen, warum er eigentlich hier ist – tagelang stellt ihm der Häuptling die immer gleiche Frage. Tuckey beobachtet derweil statt der erhofften paradiesischen Zustände Lethargie und Zeichen mangelhafter Ernährung, registriert üble Hautausschläge. Obwohl er Unmengen an Glasperlen und Stoffen aufwendet, um dafür Lebensmittel einzutauschen, bleibt der Proviant ein Problem. Es gibt einfach nicht genug, „um 50 Mann täglich zu versorgen“, und die Preise sind „exorbitant“. Immer wieder hat er Mühe, Führer anzuwerben. Die Leute weigern sich schlicht, auch nur ins Nachbardorf mitzukommen, denn schon mit dem leben sie in Feindschaft. „Dieser ständige Kriegszustand untereinander“ mache es schwer, Informationen „über den Verlauf des Flusses oder die Natur des Landes einzuholen“, klagt Tuckey in seinem Journal. Hellsichtig erkennt er auch die Ursache dieser Misere: „Wenn die Weißen nicht länger kämen, um Sklaven einzuhandeln, würden die Kriege, die zu neun Zehnteln eine Folge dieses Sklavenhandels sind, sofort zurückgehen.“ An anderer Stelle ist er weniger optimistisch: Es werde länger als eine Generation dauern, die Folgen von 300 Jahren Sklaverei zu überwinden.

Am 10. August kommen sie mit den Booten nicht mehr weiter, zu stark ist die Strömung, Felsen blockieren den Fluss. Mit 17 Mann schlägt Tuckey den Landweg ein, und damit beginnen seine Probleme erst richtig. Zwar erinnern ihn die kahlen Hügel hier ein wenig an Schottland, aber sie sind steil und mit Gepäck wird die Kletterei rasch zur Tortur. Am 16. August klagt Mr. Tudor, der Anatom, über starkes Fieber und muss fortan getragen werden. Immerhin, wenigstens die Einheimischen sind freundlich gesonnen. Wo Tuckey auch hinkommt, die Leute „strömen ohne Anzeichen von Schüchternheit herbei“. Doch die Truppe leidet Hunger.

Am 20. August hat sich Tudors Zunge gelb verfärbt. Tuckey heuert ein paar Träger an. Am 21. sind die versprochenen Hilfskräfte immer noch nicht da. Stattdessen kommt der Häuptling, erklärt, dass die Briten es versäumt hätten, auch den Medizinmann und sechs weitere Gentlemen zu beschenken. Tuckey leidet unter Schweißausbrüchen und fühlt sich schlecht.

Am nächsten Tag ist Simmons weg, der Dolmetscher – ein ehemaliger Sklave, den sie aus England mitgebracht hatten und der inzwischen den Namen Prince Shi angenommen hatte. Ein neuer Führer muss teuer bezahlt werden. Tuckey, der nur noch Vorräte für drei Tage hat, verliert im Streit um ein Huhn zum ersten Mal die Nerven, lässt seine Leute zu den Waffen greifen. Sämtliche Eingeborene verschwinden, und Tuckey stellt verwundert fest, „ich blieb zurück als einsamer Besetzer des Dorfes.“ Es kostet ihn eine Menge Überredung und einige Bahnen Stoff, die Leute zur Rückkehr zu bewegen.

Auch Mr. Cranch, der Naturkundler, leidet jetzt unter Fieber. Tuckey schickt die Kranken zurück, er hat jetzt nur noch sieben seiner Leute bei sich. Die Gruppe schlägt sich durch dichte waldige Abschnittte, kommt im Dickicht manchmal nur kriechend voran. Tuckey notiert, sein Führer habe offensichtlich nicht die geringste Ahnung, wo sie sich befänden. Und die Träger weigern sich praktisch nach jeder Meile, den Weg fortzusetzen. Dann setzen sie die Lasten ab, und erst nach halbstündigen Verhandlungen geht es weiter.

Es gelingt Tuckey nach stundenlangem Feilschen, zwei Boote zu besorgen, geeignet für 20 Mann, wie ihm versprochen wird, „doch sie taugen nicht einmal für acht“, schreibt er ins Journal, in das er jetzt oft nur noch Stichworte notiert. Schon nach kurzer Zeit bricht ein Kanu auseinander, das gesamte Kochgeschirr geht verloren, Tuckeys Säbel sowie wertvolles Tauschgut. Die Männer biwakieren ohne Zelt, ein Wolkenbruch durchnässt sie bis auf die Knochen.

Am 10. September erreicht Tuckey einen Hügel, von dem er den Kongo weit überblicken kann. Er sieht, dass die Stromschnellen überwunden sind, der Weg scheint frei. Doch einschließlich seiner selbst sind nun beinahe alle krank, allein Mr. Lockhart, der Gärtner, sammelt unermüdlich Proben in seiner Botanisiertrommel. Tuckey schreibt ins Journal: „Unser Vorrat: zwei Stück Leinwand, zwei Stück Chintz, ein paar Glasperlen, keinen Brandy, keinen Zucker, nichts mehr.“ Er gibt Befehl zur Umkehr.

Der Rückmarsch wird furchtbar, „schlimmer als der Rückzug aus Moskau“, wie er in Anlehnung an Napoleons Russland-Katastrophe schreibt. Die Träger schlagen sich in die Büsche und nehmen Teile der verbliebenen Ausrüstung mit. Schwer krank erreicht die Gruppe die „Congo“. Doch dort sind die Zustände nicht besser. Tuckey notiert das Wort „Särge“. Es hat Tote gegeben, die Symptome waren meist ähnlich: Es beginnt mit Schüttelfrost, schweren Schmerzen in Kopf und Gliedern, dann verfärbt sich die Haut gelb, müssen sich die Betroffenen übergeben. Es sind die deutlichen Anzeichen für Gelbfieber, einer damals unbekannten Viruserkrankung, die zum Beispiel von Mücken übertragen wird und in 80 Prozent aller Fälle zum Tode führt.

„Flamingoschwärme sind auf dem Weg in den Süden, kündigen den Beginn der Regenzeit an“, lautet der letzte Eintrag. Am 4. Oktober stirbt James Tuckey, der Mann, der den Kongo bezwingen wollte. Sein Name ist auf keiner Karte verzeichnet, nicht einmal ein Bild ist überliefert. Zwei Tage später ist auch Leutnant Hawkey tot. Insgesamt kehren 23 der ursprünglich 54 Männer nicht nach England zurück, darunter alle Wissenschaftler und die beiden schwarzen Dolmetscher. Letztere zogen es vor, in ihrer Heimat zu bleiben.

In England war Tuckeys Kongo-Katastrophe ein Schock. Trotz der Opfer wurden nicht einmal 200 Meilen eines Stroms erkundet, auf dem man ganz Afrika durchqueren wollte. „Niemals wurden Entdeckungsreisende mit größeren Erfolgsaussichten ausgesandt, (…) niemals waren die Ergebnisse einer Expedition betrüblicher“, schrieb John Barrow in seinem Abschlussbericht. Doch da plante er schon eine neue Expedition. Sie sollte auf der Suche nach der Nordwestpassage ins Packeis des Nordens führen. Am Kongo hatten die Briten jedes Interesse verloren.

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