Konjunktur : Das macht Arbeit

Laut Frühjahrsgutachten der Wirtschaftsinstitute wird die Konjunktur sich in Deutschland deutlich abschwächen, gleichzeitig aber wird die Arbeitslosigkeit weiterhin sinken. Wie passt das zusammen?

Yasmin El-Sharif

Was die führenden Wirtschaftsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten schreiben, klingt zunächst widersprüchlich. Die Experten erwarten, dass sich das Wachstum in kommenden Jahr auf 1,4 Prozent abschwächen wird, zugleich rechnen sie mit so niedrigen Arbeitslosenzahlen wie es sie in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre nicht mehr gegeben hat. Doch so widersprüchlich ist diese Prognose gar nicht. Der Arbeitsmarkt reagiert nämlich ziemlich langsam auf die konjunkturelle Entwicklung. Erst wenn die Wirtschaft richtig Schwung hat, kommt auch er in Bewegung – und behält dann für eine Weile das Tempo. Selbst wenn die Konjunktur inzwischen wieder schwächer wird. Ökonomen bezeichnen den Arbeitsmarkt daher auch als „nachlaufenden Indikator“, an dem sich die aktuelle Verfassung der Wirtschaft nicht ablesen lässt.

Die Erklärung für dieses in jedem Aufschwung wiederkehrende Phänomen – erst die Wirtschaft, dann der Arbeitsmarkt – ist bei den Unternehmen zu finden: Zu Beginn einer konjunkturellen Erholung sind Arbeitgeber oft sehr vorsichtig und warten ab, wie viele Aufträge reinkommen. Mitarbeiter werden in dieser Phase zunächst gar nicht oder nur im Rahmen von Minijobs eingestellt. Jüngstes Beispiel: Obwohl zum Jahresanfang 2006 die Wirtschaft in Deutschland schon brummte, registrierte die Nürnberger Arbeitslosenstatistik noch mehr als fünf Millionen Erwerbslose. Erst im Laufe des Jahres 2006 sank die Arbeitslosenzahl dann auf rund vier Millionen.

Mehr Personal stellen die Unternehmen meist erst ein, wenn sie sicher sind, dass es für eine längere Phase gut läuft. Oft ist der Höhepunkt der Konjunktur dann schon erreicht oder sogar überschritten. So sank die Arbeitslosenzahl erst Mitte 2007 deutlich unter die Vier-MillionenMarke. Einige Wirtschaftsforscher sprachen zu diesem Zeitpunkt schon vom Ende des Aufschwungs.

Die Arbeitslosigkeit geht seitdem trotzdem stetig zurück – im März waren rund 3,5 Millionen Menschen ohne Job. Laut Frühjahrsgutachten werden es in diesem Jahr im Schnitt 3,2 Millionen sein, im kommenden Jahr etwa 2,97 Millionen. Möglich ist eine solche Entwicklung, weil die meisten Unternehmen noch volle Auftragsbücher haben. Um die Bestellungen abzuarbeiten, brauchen die Betriebe weiterhin Personal. Besonders im Maschinenbau ist die Auslastung trotz der konjunkturellen Abkühlung immer noch sehr hoch. Zum Teil reichen die Auftragslisten hier bis ans Ende des Jahres.

Dennoch, auch die schwächere Konjunktur wird sich auf dem Arbeitsmarkt langfristig bemerkbar machen. Schon jetzt hat sich das Tempo beim Rückgang der Arbeitslosigkeit gedrosselt, wenn auch nur ganz leicht. Manche Experten rechnen damit, dass es mit dem Einstellungsboom in den Unternehmen bereits in der zweiten Hälfte dieses Jahres vorbei ist. Die Beschäftigungsschwelle – das ist die Wachstumsmarke, ab der neue Arbeitsplätze entstehen – werde voraussichtlich im Laufe des kommenden Jahres nicht mehr erreicht. Und dann wird die Arbeitslosenzahl wieder steigen.

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