Konjunktur : Gute Zeichen, schlechte Zeiten

2010 wird schwierig für die Firmen. Und für die Verbraucher, denen die rasant steigende Arbeitslosigkeit die Konsumfreude verhagelt. Nach der Bundestagswahl werden viele Firmen ihre Zurückhaltung aufgeben und sich Entlassungen häufen. Und dann? Noch ein Konjunkturprogramm? Besser nicht.

Alfons Frese

Kann man ihn schon sehen? Vielleicht so wie unser Wirtschaftsminister, dem in diesen Tagen ein „breiter werdender Hoffnungsschimmer“ ins Auge fällt? Oder blenden doch nur die Irrlichtereien des Wahlkampfs? Sicher, der Aufschwung kommt. Aber wann und wie, das weiß kein Karl-Theodor zu Guttenberg, kein Ökonom und kein Wahrsager. Der Verlauf der Wirtschaft hängt schlicht von zu vielen Einflussgrößen ab. Doch zwei Daten machen Mut: Die Industrie bekommt mehr Aufträge und der Export scheint sich zu erholen. Lebt nun das „Modell Deutschland“ neu auf, also der Aufstieg zur Wohlstandsnation, wie er Westdeutschland nach dem Krieg vor allem wegen der Erfolge der Industrie im Export gelang?

Die Chinesen kaufen reichlich Autos und Maschinen, und im Nahen Osten ist deutsche Technik und Kompetenz beim Aufbau der Infrastruktur sehr gefragt. Und sonst? Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Die großartigen Geschäfte der vergangenen Jahre, zum Beispiel in den USA, in Osteuropa und Russland, kommen so schnell nicht wieder. Dass die Amerikaner jemals wieder hemmungslos deutsche Autos und Anlagen auf Pump kaufen, ist kaum anzunehmen. Stattdessen hauen die Staaten das Geld raus; große Teile der Weltwirtschaft werden mit öffentlichen Konjunkturprogrammen in Schwung gehalten. Mit Erfolg, wie die jüngsten Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt zeigen. Aber wie nachhaltig ist das?

Eigentlich ist Kapital reichlich vorhanden, um Investitionen und Konsum zu finanzieren; billiger können die Notenbanken das Geld nicht machen. Doch es fließt nur spärlich ab. Während die Banken wieder erfolgreich spekulieren, bekommen die Firmen in der wirklichen Wirtschaft zunehmend Probleme bei der Kreditbeschaffung. Obwohl die Banken das ganze Desaster verursacht haben, kann man ihnen nun die Zurückhaltung kaum übel nehmen. Denn in der Rezession bleiben viele Unternehmen auf der Strecke und dann auch ihre Verpflichtungen schuldig. Deshalb vergeben Banken Kredite restriktiver. Und sie erhöhen die Risikoprämie, die Zinsen steigen, das Geld wird teurer. Dieser Trend reicht bis weit in das nächste Jahr. Denn wenn die Firmen das miese Jahr 2009 bilanzieren, verschlechtern sich anschließend ihre Ratings, was wiederum die Risikoprämie in die Höhe treibt.

2010 wird also schwierig für die Firmen. Und für die Verbraucher, denen die rasant steigende Arbeitslosigkeit die Konsumfreude verhagelt. Nach dem 27. September, nach der Bundestagswahl, werden viele Firmen ihre Zurückhaltung aufgeben und sich Entlassungen häufen. Auch weil das bisher gut funktionierende Instrument der Kurzarbeit mit der Zeit seine Wirksamkeit verliert. Und dann? Noch ein Konjunkturprogramm?

Besser nicht. Die Finanzierung der laufenden Programme, Garantien und Bürgschaften bestimmt schon die Politik der nächsten Legislaturperiode. Und auch die Konjunktur. Steuererhöhungen gibt es vermutlich ebenso wie Beitragserhöhungen für die Krankenkasse und die Arbeitslosenversicherung. Gleichzeitig muss sich der Staat zurücknehmen, öffentliche Investitionen sinken tendenziell. Kurzum: Es bleibt schwierig. Wir freuen uns derzeit über das Wetter, gute Nachrichten aus der Wirtschaft und die noch einigermaßen verträgliche Arbeitslosigkeit. Dabei sind wir sehr empfindlich für Aufschwungsignale und verdrängen gerne die dunkle Ahnung: Die Krise tut noch weh.

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