Zeitung Heute : Konservative Pornografie

Von Martin Kilian

-

Ist das Leben nicht eine Wucht? Mitten in der zweiten Ferienwoche verweile ich phlegmatisch auf dem Balkon meines Hotelzimmers im wunderschönen Inlet Inn in Beaufort, vor mir der Hafen des alten Städtchens an der Küste North Carolinas, zur Seite eine billige Boombox sowie eine Dose Bier der Marke Pabst Blue Ribbon. Die Sonne lacht, aus der Boombox schrillt Zappas Gitarre, und in weiter Ferne vermeine ich das Zetern des Bosses zu hören. Sein Lohnschreiber macht Ferien, derweil in Washington die Hölle los ist.

Eine Pause aber war unabdingbar, der kognitive Verfall in Folge sensorischer Überlastung nicht mehr zu übersehen. Auf der 16. Straße in Washington war mir ein Passant begegnet, dessen T-Shirt mit den unverschämten Worten „Buck Fush“ bedruckt war. Ich brauchte Minuten zur Entschlüsselung und reichte umgehend Urlaub ein.

Nun also beim Auftanken in Beaufort, schwer indes die Entscheidung, welche Lektüre den Urlaub begleiten sollte. Zuerst neigte ich zur Beat-Lyrik, Ferlinghetti und Ginsberg, auch die Poesie Kleinzahlers erwog ich. Dann aber verwarf ich alles Elegische und lud eine repräsentative Auswahl konservativer amerikanischer Pornografen in den Kofferraum. Man könnte sich natürlich mit Girlie-Magazinen wie Penthouse oder Hustler vergnügen, was jedoch niedere Gesinnung sowie einen profunden Mangel an pornografischem Geschmack verriete.

Wer sich in Amerika wirklich im Geschlechtlichen verlieren will, wühlt im reichhaltigen Oeuvre prominenter Republikaner. Meine private Sammlung ist so umfassend wie rasant, weshalb ich auf dem Balkon des Inlet Inn ausschließlich anstößige Literatur aus der Partei der Familienwerte verschlinge. Ein Genuss! Jeder Ausflug ins Reich konservativer Vaginalien muss mit einem Rückblick auf den Starr-Report beginnen, dessen Verfasser, der Sonderankläger Kenneth Starr, 1998 die Libido des Präsidenten Bill Clinton zerlegte. Noch heute entgleitet einem das Pabst Blue Ribbon beim Lesen der schmuddeligsten Stellen. Lady Chatterley und der Marquis de Sade sind gar nichts dagegen!

So verging der erste Tag in Beaufort wie im Fluge, bevor ich mich einem äußerst schlüpfrigen Roman des republikanischen Kolumnisten und einstigen Nixon-Vertrauten William Safire zuwandte. „Endlich kam sie zu ihm ins Bett und schrie ,Arragghrrorwr!’ in sein Ohr, biss in sein Genick, warf ihren Kopf zwischen seine Beine und verschlang ihn“, hatte der pornografiert. Wow! Arragghrrorwr! Von Safire hangelte ich mich zum konservativen Radio-Talker G. Gordon Liddy weiter, der wegen Watergate im Knast gelandet war. Seine Romanze enthält folgende Passage: „T’sai hielt inne, ihre Lippen umfassten noch immer Rands Eichel“.

Aufgewühlt verschlang ich als Nächstes ein Meisterwerk des pornografischen Konservatismus, nämlich den Roman „Der Lehrling“ des unlängst wegen Falschaussage unter Anklage gestellten ehemaligen Stabschefs von Vizepräsident Dick Cheney, Lewis „Scooter“ Libby. Das 1996 publizierte Werk spielt in Japan und ist fast so jugendgefährdend wie der Krieg im Irak, den Libby vom Zaun zu brechen half.

Mit geröteten Wangen, neben mir zur Abkühlung eine neue Dose Pabst Blue Ribbon, verbiss ich mich in Libbys deftige Schilderung homoerotischer Szenen und bestialischen Geschlechtsverkehrs. Ihn zu beschreiben, gestatten weder die guten Sitten noch die Aufsichtsorgane der Presse.

Nur die romantische Verführung Yukikos bot einen Lichtblick im Libby’schen Sodom: „Er konnte ihr Herz in seinen Händen fühlen… Er hielt ihre Brüste in seiner Hand…Eine ihrer Brüste hing lose in seiner Hand nahe seinem Gesicht…“. Mein Gott, wie schön!

Darauf aber folgte wieder übelster Porno: „Er fragte, ob sie den Hirsch ficken sollten.“ Das verdarb mir dann doch die Ferienstimmung. Jetzt lese ich wieder den Starr-Report und träume von Monica Lewinsky.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar