Zeitung Heute : „Kontakt zu Geiselnehmern besteht nicht“

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Die Bundesregierung arbeitet an einer Lösung des Geiseldramas? Wie schätzen Sie die Lage ein, Herr Gießmann?

Die Lage hat sich dramatisch zugespitzt, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass derzeit noch kein konkreter Kontakt zu den Geiselnehmern besteht. Man weiß nicht, wo sich die Geiseln befinden, mit wem man sprechen muss, und die Handlungsoptionen der Regierung sind auf Grund der Sicherheitslage im Irak beschränkt. Die Entführer haben Forderungen aufgestellt, die keine Regierung der Welt erfüllen kann – und die auch im Widerspruch zu den Interessen des irakischen Volkes stehen. Würde die Bundesregierung auf die Forderungen eingehen, könnte sie ihre zugesagten Aufbauhilfen nicht mehr erbringen. Und sie würde sich erpressbar machen. Das schüfe einen Präzedenzfall, der schlimme Folgen mit sich bringen könnte.

Sie denken, die Bundesregierung hat noch keinen Kontakt zu den Entführern?

Die Stellungnahmen der vergangenen Stunden, unter anderem von Außenminister Frank-Walter Steinmeier, deuten darauf hin, dass es noch keine feste Grundlage für Verhandlungen gibt und dass die Regierung noch gar nicht sicher weiß, mit wem sie über was verhandeln soll.

Wie wird ein Kontakt zu Geiselnehmern hergestellt?

Üblicherweise geschieht das über Mittelsleute, die sich gemeldet haben. Die werden anhand standardisierter Fragen überprüft, deren Antworten nur die Entführungsopfer wissen können. Es muss ausgesiebt werden, welche Informationen stichfest sind oder wo vielleicht Trittbrettfahrer im Spiel sind, die wieder eigene Interessen haben. Das ist eine schwierige Abwägung, da die Bundesregierung nur sehr schwer selbst aktiv werden kann. Geklärt werden muss, wer die Entführer sind und ob sie überhaupt an Verhandlungsergebnissen interessiert sind.

Kommt eine finanzielle Lösung bei dieser Entführung eventuell in Betracht?

Ich fürchte nein. Neu ist die Zeitschiene mit einem Ultimatum. Mein Verdacht ist, dass es den Entführern nicht um die Erfüllung ihrer Forderung geht, sondern um politischen Druck. Das schließe ich aus der Art und Weise, wie die Medien informiert wurden. Allerdings sollte keine Lösung ausgeschlossen werden. Wichtig ist, dass die Entführer ihr Gesicht wahren können.

Was verrät der Name Ansar al Tawhid wa Sunna über die Entführer?

In der Bezeichnung der Gruppe verstecken sich zwei unterschiedliche Ziele. Sunna steht für die Nationalisten, die Anhänger des alten Saddam-Regimes. Al Tawhid weist zu den Islamisten, die einen Gottesstaat anstreben. Diese beiden Strömungen bekriegen sich eigentlich im Irak – denn die Islamisten bedeuten eine Gefahr für den säkularen Staat, wie ihn sich die Anhänger Saddams wünschen. Wenn der Name ein Anzeichen dafür ist, dass die beiden Gruppen anfangen, sich zu überlagern, bedeutet das nichts Gutes. Vielleicht ist er aber nur ein Kunstprodukt, um möglichst viele anzusprechen.

Hans Joachim Gießmann leitet das Zentrum für Europäische Friedens- und Sicherheitsstudien in Hamburg.

Das Gespräch führte Juliane Schäuble.

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