Zeitung Heute : Kontrastprogramm mit Durchgang

Den Kiez am S-Bahnhof Lichterfelde-Ost prägt der Trubel auf dem Kranoldplatz - aber auch die Idylle am Jungfernstieg

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Fast ist es, als teile die S-Bahnlinie Lichterfelde-Ost in zwei Hälften: Der ruhige Jungfernstieg liegt auf der einen Seite des Bahnhofs und der quirlige Kranoldplatz auf der anderen. Dazwischen erstreckt sich ein langer grüngekachelter Gang. „Wir haben zu kämpfen, damit die Leute auf unsere Seite kommen“, sagt Thomas Phieler vom Café Rosenduft am Jungfernstieg.

Ein bisschen vernachlässigt wirkt der Jungfernstieg, der vor dem Bahnhof einen kleinen Platz bildet: Der Putz der niedrigen Häuser ist ergraut, feuchte Moosränder zieren die Fassaden, vor einiger Zeit ist der Stuck von mehreren Häusern heruntergefallen. „Idyllisch“, nennt Gertrud Hillmann den Platz trotzdem, sie verkauft im kleinen Geschäft „Schwarzes Schaf“ seit 21 Jahren Wolle und Pullover. „Ich möchte keinen Laden auf der anderen Seite haben, das wäre mir viel zu laut und ungemütlich“, sagt sie.

Dort ist es zwar nicht so ruhig, die Häuser jedoch sind gepflegter und bunter: Von verschnörkelten Fassaden der gelben, grünen und roten Häuser blicken Statuen nach antikem Vorbild auf den Kranoldplatz. Auch bei Nieselregen ist er voller Leben – besonders an den Markttagen Mittwoch und Sonnabend, wenn Stände mit Obst, Kleidung, Schuhen und Blumen den Platz füllen.

Auch „Linda“, „Hela“ und „Cilena“ werden dort zum Kauf angeboten – von den Kartoffelhändlern Jutta und Klaus Dudzik. Seit 47 Jahren stehen beide jede Woche auf dem städtischen Kranoldmarkt. Inzwischen haben sie einen zweiten Stand auf dem privaten Ferdinandmarkt gleich nebenan und damit das Kartoffelmonopol am Platz.

Nicht an den Markttagen, sondern immer dienstags kommen Svenja Knöfel und Birgit Biernoth nach Lichterfelde-Ost – zum Babyschwimmen mit ihren einjährigen Söhnen Sten und Julian. Die Wellnessangebote des Gesundheitszentrums an der Ferdinandstraße, direkt neben dem Kranoldplatz, sind weit über die Gegend hinaus beliebt. Später schieben die beiden Mütter die Babywagen durch den Bahnhofsgang ins Café Rosenduft. Im ersten Biocafé Berlins wird Biolimonade und Vollkornquiche serviert; rauchen ist hier nicht erlaubt, die meisten Gäste sind Frauen und Kinder.

Das Kontrastprogramm läuft in der Bahnhofsgaststätte nebenan: Bier, Korn und deftige Hausmannskost gibt es dort für die meist männlichen Stammgäste, Durchschnittsalter um die 60. Über ihren Köpfen wacht mit offenem Maul der ausgestopfte Kopf eines großen Welses. Seit rund zwei Jahrzehnten residiert dort die 75-jährige Wirtin Irmgard Neitzel, „die Oma von Lichterfelde-Ost“, wie Stammgäste sie nennen. Fast alle begrüßen sie mit Küsschen.

„Wir sind ein ganz eigenes Völkchen hier in Lichterfelde-Ost – und alle kennen sich“, sagt der 63-jährige Rentner Wolfgang Gueinzius. Auch er schätzt „Omas“ Weißkohleintopf, ist aber oft bei der Konkurrenz zu finden: „Bei Ivo“ am Kranoldplatz. Gueinzius hat lange in einer Bank am Kranoldplatz gearbeitet, einmal ist er da überfallen worden. Und doch sagt er: „Es ist eine sehr ruhige Gegend.“

Einen „Dornröschenschlaf“ nennen viele Anlieger die Zeit zwischen 1984 und 1995, als die S–Bahnlinie stillgelegt war. Damit ist es aber bald endgültig vorbei. Der S-Bahnhof Lichterfelde-Ost wird zurzeit umgebaut. Ab Mai 2006 sollen dort täglich 97 Regionalzüge halten. „Dann brennt hier die Luft“, befürchtet Gueinzius.

Und noch eine Baustelle wird Trubel bringen: An der Lankwitzer Straße sollen im Februar 2006 Bauarbeiten für ein kleines Einkaufszentrum beginnen. Die Händler rund um den Kranoldplatz fürchten den künftigen Konkurrenten kaum. Am Jungfernstieg sorgt man sich mehr um anderes: Der Bahnhofsvorplatz soll in „Nentershausener Platz“ umbenannt werden – nach einer Partnergemeinde in Hessen. „Furchtbar“ fänden das Ladeninhaberin Hillman und Gastronom Phieler; sie hängen sehr an „ihrem“ Jungfernstieg.

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