Zeitung Heute : Kontrolle, lebenslang

Die Rückfallquote bei Sexualstraftätern ist besonders hoch. Was kann medizinisch gegen Pädophilie getan werden?

Hannes Heine Bas Kast

Was ist wissenschaftlich über Pädophilie bisher bekannt?

Pädophile träumen von Sex mit Kindern, meist Kindern zwischen 10 und 13 Jahren. Oft bleibt es nicht beim Träumen. Sie nehmen Kontakt zu Kindern auf, verführen sie, geben Ihnen Aufmerksamkeit, Geschenke. Das kann sich langsam steigern, vom normalen Körperkontakt zu sexuellem Kontakt bis hin zu Vergewaltigungen. In vielen Fällen sind sich die Pädophilen dabei keiner Schuld bewusst: Sie wissen intellektuell, dass das, was sie wollen und tun, strafbar ist – emotional aber fühlt es sich für sie so richtig an wie für andere Menschen normaler Sex.

Die meisten Psychiater gehen davon aus, dass unsere sexuelle Orientierung teils angeboren, teils in frühen Kinderjahren geprägt wird. Es gibt Anzeichen dafür, dass einige Pädophile in ihrer Kindheit missbraucht wurden. Andere meinen: Bei Pädophilen handelt es sich um Kinderseelen in einem erwachsenen Körper, die sich nur mit Kindern wohlfühlen. Wieder andere versuchen, Pädophile biologisch zu ergründen. So hat man festgestellt, dass bei Pädophilen der vordere Hirnbereich weniger aktiv ist als üblich. Dieser Hirnbereich ist für die Kontrolle von Impulsen von Bedeutung. Somit seien Pädophile regelrecht enthemmt. „Aber Studien wie diese grenzen schon an Kaffeesatzleserei“, sagt Frank Wendt von der Berliner Charité. „Über die Biologie wissen wir noch sehr wenig.“

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Pädophilie und gewalttätigem Missbrauch?

Es ist nicht so, dass Pädophile grundsätzlich mehr zu Gewalt neigen oder aggressiver sind als andere. Aber ihr Einfühlungsvermögen ist gestört. Das heißt: Sie verstehen es nicht intuitiv, dass das Kind ganz andere Bedürfnisse hat als sie selbst. In der Konsequenz bedeutet das, dass sie Gewalt eher hinnehmen als andere, obwohl sie nicht, wie Sadisten, Vergnügen daraus ziehen, anderen Gewalt anzutun.

Welche Möglichkeiten gibt es, Pädophile zu therapieren?

„Man hat es in der Psychiatrie mittlerweile aufgegeben, Pädophile heilen zu wollen“, sagt Psychiater Wendt. „Man kann ihnen höchstens dabei helfen, ihre Wünsche zu kontrollieren.“ Zu diesem Schluss kommen heutzutage so gut wie alle Experten: Das Bedürfnis nach Sex mit Kindern lässt sich wohl ebenso schwer „austreiben“ wie man einem erwachsenen Heterosexuellen beibringen kann, homosexuell zu werden. Was man in der Therapie statt dessen versucht, ist das Schuldbewusstsein bei Pädophilen zu ändern. Die meisten meinen zum Beispiel, das Kind würde im Grunde ihre Lust teilen. Sie flüchten sich in Ausreden wie: Der Junge hat sich doch auf meinem Schoß gesetzt. In Gruppensitzungen versucht man, den Menschen klarzumachen, dass es sich eben nicht so verhält. „Dabei geht es darum, die Selbstkorrumpierung zu durchbrechen“, sagt Wendt. Der Erfolg dieser Therapien hält sich in Grenzen. Je nach Studie liegt die Rückfallquote bei unbehandelten Sexualstraftätern bei 20, bei Pädophilen auch bei bis zu 40 Prozent oder noch höher. Dank einer Therapie kann diese Quote auf deutlich unter 20 Prozent fallen. „Aber es ist extrem schwer vorherzusehen, von wem weiterhin Gefahr ausgeht und von wem nicht“, sagt Wendt. Neben den Psychotherapien gibt es auch medikamentöse Behandlungen, die eine gewisse Wirkung entfalten, darunter Antidepressiva und Präparate, die das männliche Sexualhormon Testosteron herunterfahren. „Sie verändern nicht grundsätzlich etwas an den Fantasien, aber am Antrieb“, sagt Wendt.

Seit Januar 2006 gibt es an der Charité ein freiwilliges Therapieangebot. Wie wird es angenommen?

Rund eineinhalb Jahre nach dem Start des bundesweit einzigartigen Projektes „Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld“ an der Berliner Charité haben mehr als 500 Männer um Hilfe gebeten. Sie alle befürchteten, aufgrund pädophiler Neigungen eines Tages ein Kind zu missbrauchen. Die Anrufer seien zwischen 20 und 65 Jahre alt und stammten laut Projektleitung aus allen Milieus der Gesellschaft. Die freiwilligen Melder werden nach einer Überprüfung auf ihre Therapietauglichkeit in entsprechenden Einzel- oder Gruppensitzungen behandelt. Mehr als 100 von ihnen werden inzwischen dauerhaft und anonym therapiert. Dabei geht es in erster Linie darum, dass sie mit ihrer sexuellen Störung leben können – ohne tatsächlich ein Kind zu missbrauchen. Die Charité betrat mit dem Projekt Neuland. Bisher wird vor allem mit potenziellen Opfern gearbeitet, präventive Ansätze bei Tätern sind selten. So selten, dass Männer, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin reisen, um sich hier helfen zu lassen. Einige Patienten nähmen dazu jede Woche 500 Kilometer Anfahrtsweg in Kauf, hieß es aus der Charité.

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