Zeitung Heute : Kontrolleur des Zufalls

20 Spiele haben die Tschechen nicht mehr verloren. Der Grund heißt Karel Brückner – Trainer, Tüftler, Taktiker

Stefan Hermanns[Lissabon]

Karel Brückner lächelte. Wirklich, er lächelte. Wenn bei Brückner die Mundwinkel leicht nach oben gehen, ist das für seine Verhältnisse bereits ein Ausbruch der Gefühle. Man kann jetzt ein bisschen besser verstehen, was diesen stillen Menschen, den Trainer der tschechischen Nationalmannschaft, innerlich zu bewegen vermag: 0:2 hatte seine Mannschaft gegen die Holländer zurückgelegen und durch ein Tor zwei Minuten vor Schluss noch 3:2 gewonnen. Sie hatte von der ersten Sekunde an gestürmt, Torchance auf Torchance herausgespielt, und weil die Holländer ebenfalls munter angegriffen hatten, verließen die Menschen das Estadio Municipal von Aveiro in dem Glauben, etwas Wunderbares erlebt zu haben.

Karel Brückner kann einem diesen Glauben schnell wieder austreiben: wenn er vor die Presse tritt, sich ein wenig vorbeugt, leise spricht und auch das faltige Cäsarengesicht nichts über seine Stimmung verrät. An diesem magischen Abend von Aveiro aber schien es, als sei auch der spröde Trainer von diesem außergewöhnlichen Ereignis beseelt worden. Doch dann sagte er: „Ich kann das Spiel ganz kurz zusammenfassen: gute Arbeit.“

Brückner umgibt die Aura aller Männer mit schlohweißem Haar, dieses Staatsmännische. Mit seinen im Nacken ein wenig ausfransenden Haaren sieht der 64-Jährige ein wenig aus wie Richard von Weizsäcker, der mehrere Monate nicht beim Friseur gewesen ist. Und Brückner spricht auch wie ein Diplomat. Nach dem Spiel gegen die Holländer wurde er gefragt, wie viel sein Kollege Dick Advocaat denn für eine Lehrstunde von ihm bezahlen müsse. Brückner antwortete: „Dick Advocaat ist ein sehr guter Trainer und ein sehr guter Mensch.“

Karel Brückner ist zum Glücksfall für den tschechischen Fußball geworden, und wie alle Glücksfälle konnte er nur deshalb Glücksfall werden, weil niemand etwas Großes von ihm erwartet hatte. Als Brückner im Februar 2002 zum Trainer der tschechischen Nationalmannschaft berufen wurde, nahmen viele diese Entscheidung mit einer gewissen Skepsis auf. Ihm fehlte der glänzende Lebenslauf für einen solchen Job: Als Spieler war Brückner nicht über die Zweite Liga hinausgekommen, und seine Vereine als Trainer hießen SK Sigma Olomouc, TJ Vitkovice und Petra Drnovice. Provinz.

Aber Brückner hat sein Amt unter den denkbar günstigsten Bedingungen angetreten. Die Nationalelf hatte gerade überraschend die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea verpasst. Die Mannschaft bestand zwar aus herausragenden Einzelkönnern, aber sie bildete keine Einheit. Das tschechische Mittelfeld mit Pavel Nedved, Karel Poborsky, Tomas Galasek und Tomas Rosicky ist neben dem der Franzosen das wahrscheinlich beste in ganz Europa. Spieler von solcher Güte verdienen nicht nur jede Menge Geld, sie verfügen auch über ein stark ausgeprägtes Ego – genau daran scheiterte die Mannschaft in der WM-Qualifikation. Nach diesem Misserfolg aber waren die Stars bereit, ihre Eitelkeiten dem gemeinsamen Erfolg unterzuordnen. Wenn Brückner seinen Spielern einen halben Tag frei gibt, ihnen aber wegen der Hitze in Portugal untersagt, das klimatisierte Hotel in Sintra zu verlassen, dann halten sie sich daran.

Dass die Tschechen sich als erste Mannschaft für das Viertelfinale dieser Europameisterschaft qualifizieren konnten, dass sie schon vor dem heutigen Spiel gegen die Deutschen als Sieger der Gruppe D feststehen, ist im Großen und im Kleinen das Verdienst ihres kauzigen Trainers. Brückner versteht den Fußball als geschlossenes System. „Ein Teil ist immer Glück“, sagt er. „Aber den anderen Teil muss man unter Kontrolle haben.“

Brückner arbeitet daran, den Einfluss des Zufalls auf ein Minimum zu reduzieren. Seine taktischen Besprechungen mit der Mannschaft dauern manchmal mehr als eine Stunde, und wenn die Tschechen auf dem Trainingsplatz Spielzüge einstudieren, unterbricht der Trainer die Einheit immer wieder. „Für jeden Gegner entwickelt er einen eigenen Streitplan“, sagt Stürmer Jan Koller, der bei Borussia Dortmund in der Bundesliga spielt. „Und der hat bisher noch immer funktioniert.“

Bei den Spielen seiner Mannschaft steht Brückner neben der Trainerbank, und manchmal, wenn sein Plan funktioniert, bewegt er sich 90 Minuten lang nicht von der Stelle. Dick Advocaat, der Trainer der Holländer, hat Brückner einmal „den Mann, der seine Meinung niemals ändert“, genannt. In den ersten 20 Spielen mit ihrem neuen Trainer haben die Tschechen kein einziges Mal verloren. Sie haben Holland in der Qualifikation geschlagen, und sie waren die letzte Mannschaft, die gegen Frankreich gewinnen konnte.

Bei den beiden EM-Spielen gegen Lettland und Holland aber musste Brückner stärker eingreifen, als es seiner Natur entspricht. Er schritt durch die Coachingzone und wedelte mit seinen Armen wie ein Verkehrspolizist. „Ich habe meine Jungs dazu getrieben, ihren eigenen Stil zu spielen“, sagte Brückner nach dem Spiel gegen die Holländer. Und dann erklärte er den Erfolg seiner Mannschaft als das Resultat „geschickten Coachens“. Ironie ist der Witz der Mächtigen.

„Ihm entgeht nichts, und wir wissen, dass er ein absoluter Fachmann ist“, sagt Tomas Ujfalusi, der Verteidiger des Hamburger SV. Niemand zweifelt die Autorität dieses Mannes an, nicht einmal Pavel Nedved, der im vergangenen Jahr zum besten Fußballer Europas gewählt wurde. Nach dem Spiel der Holländer saß er neben Brückner und wurde zu dessen Bedeutung für den Erfolg und zum nächsten Spiel gegen die Deutschen befragt. „Wir haben die Vorgaben unseres Trainers erfüllt“, sagte Nedved. Auch im letzten Spiel werde der Trainer wieder eine effektive Mannschaft aufstellen. Karel Brückner lächelte.

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