Zeitung Heute : Kontrolliert abgeschaltet

Nach der Entdeckung von fehlerhaften Verankerungen ist das Atomkraftwerk Brunsbüttel am Samstag komplett abgeschaltet worden. Weshalb werden nun auf einmal zahlreiche Mängel entdeckt, die schon längst hätten bekannt sein müssen?

Dieter Hanisch[Kiel]

Fast täglich finden Fachleute aus dem Kieler Sozialministerium oder externe Sachverständige neue Auffälligkeiten in den beiden schleswig-holsteinischen Atomkraftwerken von Brunsbüttel und Krümmel. Fast kommt der Eindruck auf, als schaue die Atomaufsicht inzwischen genauer hin als noch vor der doppelten Schnellabschaltung beider Meiler nach dem Kurzschluss in Brunsbüttel und dem Trafo-Brand von Krümmel am 28. Juni. Auf Nachfrage verneint dies ein Sprecher des Sozialministeriums in Kiel: „Es ist einfach nur ein gestiegenes Interesse zu beobachten, dem wir Rechnung tragen. Meldepflichtige Vorkommnisse, Abschaltungen, Termine für die Revision – all das haben wir auch vorher publiziert“, sagt Christian Kohl.

Am Samstag war der Reaktor Brunsbüttel komplett abgeschaltet worden, nachdem Experten im Zuge der Überprüfungen von fehlerhaften Dübeln Auffälligkeiten bei Halterungen und Verankerungen entdeckt hatten. Neben dem SPD-geführten Sozialministerium kommt nun in Sachen Reaktorsicherheit auch noch die obere Baubehörde des Landes ins Spiel, die dem ebenfalls von der SPD geführten Innenministerium unterstellt ist.

Das ermöglicht es Sozialministerin Gitta Trauernicht und Innenminister Ralf Stegner, der nebenbei auch SPD-Landeschef ist, gemeinsam nach möglichen weiteren Schwachstellen in den beiden Altreaktoren suchen. Eines scheint sicher: Das Thema Störanfälligkeit und -häufigkeit von Atomkraftwerken wird so schnell nicht von der Agenda der Landesregierung verschwinden. Bei den Aufsichtsbehörden und beim Tüv Nord – um nur einen der gutachterlichen Beteiligten zu nennen – sind inzwischen Urlaubspläne verworfen worden, um den Ursachen der Pannen auf den Grund zu gehen.

Heute zum Beispiel wird es eine mehrstündige Begehung des Meilers von Brunsbüttel geben, bei der im Bereich des Reaktorsicherheitsgebäudes noch einmal alle Konstruktionen in Augenschein genommen werden sollen. Auffälligkeiten bei Dübeln gab es bereits im Oktober 2006 im hessischen Kernkraftwerk Biblis A. Dort wurden tausende Dübel des Fabrikats Hilti falsch angebracht – ein handwerklicher Fehler. Der Kernkraftwerk steht seitdem noch still.

Mit Stichproben hat man seitdem in allen Reaktoren Deutschlands reagiert, aber offenbar nicht mit einer systematischen Kontrolle. Dafür hätte man jeden Meiler vom Netz nehmen müssen. Eine Abschaltung darf die Atomaufsicht aber nur bei „Gefahr im Verzug“ anordnen, um möglichen Schadenersatzforderungen der Betreiber zu entgehen. In Brunsbüttel hatte man im Mai bereits nicht spezifizierte Hilti-Dübel entdeckt. Als sich das Kernkraftwerk in der vergangenen Woche wegen eines Ölwechsels im Stand-By-Stadium befand, wurden bei einer Begehung auch noch Fischer-Dübel gefunden, die nicht fachgerecht angebracht waren. „Länger als 100 Stunden kann man den Stand-By-Zustand aber nicht aufrecht erhalten“, sagt Vattenfall-Pressesprecher Ivo Banek. Auch deshalb wurde der Reaktor abgeschaltet.

Genau wie das Sozialministerium erwähnt auch Banek eine „erhöhte Aufmerksamkeit“, der man gerecht werden wolle. In der Sache sei manches der jetzt veröffentlichen Ereignisse weniger dramatisch zu bewerten. Banek: „Für unser Unternehmen ist es ein Stück Genugtuung, dass die Ministerin Trauernicht jetzt unsere Argumentation aufgreift. Wir haben anfangs auch immer gesagt: Bis es eine Meldung, einen Bericht von uns gibt, müssen wir die Sachverhalte zusammentragen und prüfen. Dabei geht schon mal Zeit ins Land. Jetzt kontert sie Kritikern, die ihr eine falsche und zu langsame Öffentlichkeitspolitik vorwerfen, mit den Argumenten, die uns auch immer vorgehalten wurden.“

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