KONZEPTKUNSTKarin Sander : Bruchstellen der Wirklichkeit

Hoffentlich vergessen die Mitarbeiter des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.) nicht, dass ihnen ab jetzt die Papierkörbe fehlen. An deren Stelle befinden sich nun Löcher im Boden, durch die der Abfall direkt in den Ausstellungsraum fällt. Zu verdanken hat das Personal diese Neuerung Karin Sander, die den Beton mit 30 Bohrungen perforiert hat. Die Berliner Künstlerin ist an der Entstehung flüchtiger Skulpturen interessiert, für die sie bloß die Rahmenbedingungen schafft: Das Material, wertlos gewordenes Papier, kommt von der Institution. Und das Ergebnis ist ein vom Zufall gelenkter Prozess.

Solche Interventionen sind typisch für Sanders Werk. Davon erzählen die polierten Wandzonen, die selbst zu Bildern werden, genau wie die Arbeit „White Passageways“ im polnischen Lódz, wo die Künstlerin 1990 unsanierte Hausdurchgänge schneeweiß strich und so Ausnahmezonen innerhalb der verfallenden Architektur schuf. Minimale, auf den Ort bezogene, Eingriffe bei Nutzung vorhandener Materialien: So einfach ließe sich die Quersumme ihrer Arbeit ziehen. Doch die Wirkung jener Umwandlungen will damit nicht korrelieren. So ist man jedes Mal erstaunt von Sanders Konzeptkunst, die nach den Bruchstellen der Wirklichkeit fahndet. Um ihre Konstruktionen offenzulegen – zum Beispiel den skulpturalen Aspekt zerknüllten und zerrissenen Papiers. Die Mitarbeiter des NBK sollen möglichst unbewusst an der Entstehung des Kunstwerks teilhaben. Als Besucher wünscht man sich aber vielleicht doch nicht völlige Gedankenlosigkeit. Sonst könnte es sein, dass einem auch mal eine Bananenschale vor die Füße fällt.

Christiane Meixner

n.b.k., Sa 5.3. bis So 1.5.,

Di-So 12-18, Do 12-20 Uhr

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar