KONZERT Chrome Hoof in der Volksbühne : Hypnotisierendes Inferno

Alexandra Distler

Die Einteilung in Musikrichtungen ist eine, zwar nicht anerkannte, gleichwohl fleißig betriebene Wissenschaft – und wird allzu oft überstrapaziert. Exemplarisch ist das an der britischen Band Chrome Hoof zu beobachten. Da überschlagen sich die unterschiedlichsten Genres, um doch nichts zu erklären: Chrome Hoof werden, so zeigt eine kurze Recherche, in Schubladen gesteckt wie Experimental, Progressive Metal, Funeral Doom, Acid, Disco, Prog-Rock, Funk, – die Liste könnte endlos verlängert werden.

Obwohl das also nicht wirklich weiterbringt, so bekommt man doch eine vage Ahnung, was einen bei diesem Kollektiv aus London und Berlin erwarten könnte. Tatsächlich verschmelzen die zwölf Bandmitglieder um die zwei Brüder und Begründer Leo und Milo Smee alles, was ihnen an musikalischem Input unter die Finger kommt, zu einem verschwurbelten Ganzen, das aus vielen kleinen Elementen und Einsprengseln zusammengesetzt ist. In eine relativ klare Struktur aus Schlagzeug, Gitarre und Bass mischen sich unerwartete Instrumente wie Trompete, Geige, Saxofon und Fagott, stören, lenken um und katapultieren die Songs zu einem hypnotisierenden Inferno. Gleichförmigkeit herrscht nur bei der Kostümierung: Kutten und Kapuzen, die nicht schwarz, sondern paillettenbesetzt daherkommen, in ihnen eine Schar abgespaceter Discojünger, die der Jazzsängerin Lola Olafisoye den Teppich bereiten. Im Juni ist das mittlerweile dritte Album „Crush Depth“ von Chrome Hoof erschienen, und was zu Hause in der Stereoanlage vielleicht eine wenig an den Nerven zerren könnte, dürfte die Volksbühne eventuell zum Explodieren bringen, egal wie auch immer man diese Musik nennt. Alexandra Distler

Volksbühne, Fr 17.9., 21 Uhr, 20 €

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