KONZERTANTE STÄDTEREISEEnsemble Modern mit „into Istanbul“ : Melancholie der Metropole

Carsten Niemann

Wer beim Konzert des Ensemble Modern eine bloße Festmusik zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse erwartet, hängt seine Erwartungen entschieden zu niedrig. Schließlich geht es bei der Veranstaltung um nichts weniger als die Frage, was die neue Generation jüngerer, aber etablierter Komponisten zu einem der Epizentren brodelnder globalisierter Lebensgefühle zu sagen hat. Zusammen mit dem Siemens Arts Program und dem Goethe-Institut hat das Frankfurter Spitzenensemble vier Komponisten für einen Monat nach Istanbul geschickt, um sich dort zu neuen Werken inspirierieren zu lassen. In den nächsten drei Jahren werden weitere Tonkünstlerexpeditionen nach Dubai, das Pearl River Delta und Johannesburg aufbrechen.

Als Erste sind nun der Franzose Mark Andre, der Schweizer Beat Furrer, der Ukrainer Vladimir Tarnopolski und der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi aus der eurasischen Metropole zurückgekehrt. Dort haben sie Imamen, Taxifahrern, Historikern und Musikinstrumentenverkäufern zugehört, Moscheen, Krankenhäuser und Synagogen erkundet und wohl auch nach „hüzün“, dem vom Schriftsteller Orhan Pamuk beschriebenen melancholischen Istanbuler Seelenzustand gesucht. Das Ergebnis der Expedition ist wie bei jedem echten Abenteuer völlig offen – von der tönenden Urlaubspostkarte mit kitschigen Multikultimotiven bis zum erhellenden Echo auf eine faszinierend unüberschaubare Stadtentwicklung ist bei der Teilnehmerzusammenstellung von „into Istanbul“ alles möglich. Und wer musikalischen Pauschaltourismus schon immer langweilig fand, sollte den Weg ins Konzerthaus unbedingt wagen. Carsten Niemann

Konzerthaus Berlin, Di 14.10., 20 Uhr, 11–26 €

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