KONZERTKristjan Järvi dirigiert das RSB : Wettstreit der Hormone

Carsten Niemann

Bei allem Hype, der gerne um charismatische Jungstars der Klassik gemacht wird – dass Teenager aus konzertbesuchenden Schulklassen in begeistertes Kreischen ausbrechen, geschieht in Wahrheit selten. Beim letzten Konzert von Kristjan Järvi und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin war es dann so weit – und es ist schwer zu sagen, ob die tänzerisch-ekstatischen Bewegungen des estnisch-amerikanischen Dirigenten schuld daran waren oder das geradezu pornografisch deutliche Lustgestöhn, zu dem er Chor und Orchester am Ende von Ravels Ballett „Daphnis und Chloé“ animierte.

Soweit sich überhaupt Voraussagen über den Hormonhaushalt von Teenagern machen lassen, dürfte auch das nächste Konzert des flotten 36-Jährigen mit dem RSB ein paar Anlässe zum Kreischen bieten. Zur Sicherheit wird man am Anfang des Programms zwar ein cooles Bad in Claude Debussys Tondichtung „La Mer“ nehmen. Dann aber ist die Ballettmusik aus „Romeo und Julia“ von Sergei Prokofjew angesagt: ein Werk des Tanzes, der Rauschhaftigkeit und der klassischen Modernität, das gleich drei ausgesprochene Stärken dieses Dirigenten anspricht. Da aber in der Kunst und in der Liebe nichts sicher sein sollte, ist es gut, dass Järvi an diesem Abend einem starken Rivalen im Buhlen um die Publikumsgunst begegnen wird. Bei Strawinskys Violinkonzert D-Dur, das der Komponist 1931 höchstpersönlich mit dem RSB in Berlin aus der Taufe hob, steht mit Julian Rachlin sozusagen der Leonardo di Caprio der Geiger auf dem Podium der Philharmonie – ein Leonardo di Caprio indes, der wie Järvi über seiner Kunst den Schönling vergessen machen kann. Carsten Niemann

Philharmonie, So 19.10., 20 Uhr, 12-35 €

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