Zeitung Heute : Konzertsaal im Kopf

Mit „Fabian“ wollen Forscher ergründen, wie Musik große Gefühle auslöst

Patricia Pätzold
Klangerlebnis.
Klangerlebnis.

„Fabian“ sitzt allein in seinem roten Sessel, zentral in der fünften Sitzreihe des Leipziger Gewandhauses. Das berühmte Orchester spielt nur für ihn. Viele würden ihn um sein Glück beneiden, denn Musik macht glücklich. Aber nicht Fabian. Er ist ein Roboter, genauer gesagt ein Kunstkopf-Simulator, der mit sehr sensiblen künstlichen Trommelfellen ausgestattet ist. So hilft er, zu erforschen, ob Musik auch glücklich macht, wenn sie aus dem mobilen Player kommt und nicht im Konzertsaal gehört wird.

Zum „Massenfetisch“ wurde Musik erst, als sie mit der Erfindung des Grammofons technisch reproduzierbar wurde. Jahrzehnte später lösten die elektronischen Medien eine weitere Revolution der Hörkultur aus und warfen für Wissenschaftler viele neue Fragen auf. Ist es das akustische Signal, das im Gehirn die Ausschüttung der Belohnungshormone Endorphin und Dopamin und damit das Glücksgefühl verursacht? Ist es die Qualität des Klangs? Welche Rolle spielen Raum und Zeit beim Musikhören?

„Musik ist ein erstrangiger Emotionsträger, sie ist die Sprache der Gefühle“, sagt Stefan Weinzierl. Der TU-Professor für Audiokommunikation leitet das Projekt „Medium und Emotion“, das in das Berliner Exzellenzcluster „Languages of Emotion“ eingebunden ist. Dabei wird untersucht, wie die Art und Weise der Rezeption die emotionale Wirkung von Musik beeinflusst. „Die meisten Menschen nutzen heute Musik durch Medien mit großer Selbstverständlichkeit. Doch Musik wird durch die Übertragung vielfältig umgestaltet, aus ihrer klanglichen Umgebung herausgelöst, von Raum, Zeit und sozialem Umfeld getrennt“, sagt Weinzierl. Das verändere sowohl die Ästhetik der Musik selbst als auch ihre Nutzung.

„Bisher wurde die Weiterentwicklung von Audioübertragungsverfahren vorangetrieben, weil man annahm, eine höhere Übertragungsqualität und bessere Simulation des Raumklangs vermittele dem Hörer auch ein intensiveres ästhetisches und emotionales Erlebnis“, sagt der Wissenschaftler. Ob das tatsächlich stimmt, versuchen die Forscher durch Laborexperimente und Feldforschung herauszufinden.

Die Simulationstechnik, die sie dafür benutzen, erregt das Trommelfell mit dem exakt gleichen Signal, wie es im Konzertsaal akustisch wahrnehmbar ist. „Dynamische Binauralsynthese“ heißt die Technik, Fabian spielt dabei eine wesentliche Rolle. Damit können selbst akustische Veränderungen simuliert werden, die durch Kopfbewegungen des Hörers entstehen. Auch eine sozio-akustische Geräuschkulisse gehört dazu. Das heißt, es wird simuliert, was das Ohr in einem typischen großen Konzertsaal wahrnimmt. „Fabian gibt uns die Möglichkeit, zu untersuchen, welche akustischen Signale an das Gehirn weitergegeben werden“, sagt Weinzierl. Im Labor messen die Forscher dann bei musikhörenden Versuchspersonen Hautwiderstand, Puls und Blutdruck, um zu prüfen, wie der Mensch physisch auf diese Signale reagiert. Den psychosozialen Faktor wiederum versuchen sie in Interviews zu klären.

Der Medienwissenschaftler und Projektmitarbeiter Steffen Lepa hat mittlerweile rund 600 Menschen verschiedenen Geschlechts, Alters und Sozialstatus’ befragt. Auch dafür bedurfte es eines eigenen Messinstruments. Denn was heißt es, wenn der Befragte eine Melodie „schön“ findet oder „stark“? Seit 2008 kann man Aussagen zum Musikempfinden mithilfe der standardisierten „Geneva Emotional Music Scale“ vergleichen. Bislang gibt es sie nur in Englisch und Französisch. Die TU-Wissenschaftler erarbeiteten eine Standardübersetzung.

Was die Mediennutzung betrifft, lassen sich drei Gruppen unterscheiden: die „Traditionalists“, die vor allem Hifi-Stereoanlagen zuhause und Autoanlagen benutzen, die „Mobiles“, die Musik vor allem über mobile MP3-Player hören und die „Allrounder“, die alle Möglichkeiten nutzen. Wer zu welcher Gruppe gehört, hängt stark vom Alter ab. Auch die Hörgewohnheiten der Eltern spielten für das medial vermittelte Musikerleben eine große Rolle, sagt Lepa. „Früher war das Musikhören per Plattenspieler nur ein Ersatz für das Konzertsaal-Erlebnis. Heute hat die mediale Vermittlung noch eine weitere, eine soziologische Bedeutung“, erläutert er. Man schaffe sich einen eigenen Raum, abgeschottet von der Außenwelt. „Cocooning“, sagen die Fachleute dazu.

Und noch eine Auffälligkeit findet sich: Unter den „Traditionalists“ gibt es weit mehr Frauen, unter den „Mobiles“ mehr Männer. Schlägt sich hier das alte Rollenschema „Hausarbeit“ versus „männliche technische Experimentierfreude und Mobilität“ nieder? „Was auch immer wir herausfinden werden“, sagen die Wissenschaftler, „es wird ein neues Bild moderner Musikrezeption entstehen.“ Sie suchen übrigens noch weitere Versuchspersonen für ihr Projekt.Patricia Pätzold

Weitere Informationen unter

www.languages-of-

emotion.de/?id=404&L=0

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