Zeitung Heute : Kooperation statt Konfrontation

Harald Olkus

Mit der in angelsächsischen Ländern bereits erprobten speziellen Management-Methode sollen auch auf deutschen Baustellen die Kosten sinkenHarald Olkus

Der Bau des Lehrter Bahnhofs war mit 800 Millionen Mark veranschlagt. Obwohl er noch weit von der Fertigstellung entfernt ist, rechnet man bereits jetzt mit Kosten von mehr als einer Milliarde. Das Museum "Topographie des Terrors" war mit 36 Millionen Mark angesetzt. Die derzeit geschätzten Baukosten liegen bei 70 Millionen Mark - die Kostenexplosion stellt sogar das gesamte Projekt in Frage. Listen wie diese könnten schier endlos weitergeführt werden, keineswegs nur mit öffentlichen Bauten. Fast jedes größere Bauprojekt wird deutlich teurer als anfänglich kalkuliert.

"Der Fehler liegt im System", sagt Jochen Wilckens, Geschäftsführer von Bovis Lend Lease Deutschland. Das Prinzip der Ausschreibungen, bei denen der billigste Anbieter den Zuschlag erhält, zwinge Baufirmen und Generalunternehmer dazu, sich gegenseitig zu unterbieten und mit Terminen und Preisen zu arbeiten, die dann kaum eingehalten werden können. Der Termin- und Preisdruck wird an die Subunternehmen weitergegeben, doch auch dann sind nur minimale Gewinnspannen zu erzielen. Firmenpleiten im Bausektor sind häufig, nicht immer werden sie höheren politischen Orts verhindert. Natürlich geht diese Vorgehensweise auch auf Kosten der Qualität, Nachbesserungen sind an der Tagesordnung.

Eine neue Methode verspricht nun, die Krise in der Bauwirtschaft überwinden zu helfen: das Construction Management. "Neu und innovativ ist dieser Ansatz allerdings nur in Deutschland", sagt Wilckens. Denn die deutsche Bauindustrie hinke der in angelsächsischen Ländern um gut zehn Jahre hinterher. In Großbritannien, den USA und Australien beispielsweise habe sich das Konzept bewährt.

Construction Management ist die international übliche Alternative zum Generalunternehmer. Eine solche Firma versteht sich als reines Dienstleistungsunternehmen, beschäftigt keine handwerklichen Kräfte und unterhält auch keinen Maschinenpark. Die Construction Manager treten in die Rolle des Bauherrn ein und übernehmen als dessen Bauabteilung auf Zeit Tätigkeiten, die sonst auf Architekten, Generalunternehmer und Projektsteuerer verteilt sind. Sie kümmern sich von der Vergabe der Planungsleistungen und der Gewerke über die Kostenkontrolle und die Bauüberwachung bis hin zur gesamten Koordination und Organisation der Baustelle. "Und zwar unabhängig und stets im Dienst des Bauherrn", sagt Wilckens. Der Bauherr hat jederzeit Einblick in die Bücher und sieht somit, ob der Kostenrahmen eingehalten wird.

Kostensenkung trotz Honorar

Auch diese Dienstleistung kostet natürlich etwas. Das Honorar des Construction Managements errechnet sich jedoch nicht wie bei den Architekten aus der Bausumme, sondern wird vor Vertragsabschluss separat ausgehandelt. "Die Construction Manager haben deshalb keinerlei Interesse an höheren Baukosten", sagt der Geschäftsführer. Bei einem 100 Millionen Mark teuren Projekt beträgt das Honorar etwa 6,5 Prozent der Investitionskosten. Dafür versprechen die Baumanager, Zeit und Geld einzusparen und die Qualität zu erhöhen. Auch nach Abzug des Honorars sollen die Baukosten um 7,5 Prozent niedriger sein.

Erreicht werden soll dies durch einen überlappenden Bauablauf, Einsparungen bei der Materialbeschaffung und einer verbesserten Zusammenarbeit der einzelnen Gewerkefirmen. Denn die Bauunternehmen werden nicht ausschließlich nach Kostenkriterien ausgewählt, sondern auch danach, wie konstruktiv die Zusammenarbeit mit dem Management und den anderen Gewerkefirmen verläuft. "Wir glauben daran, dass man mit einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mehr Geld einsparen kann als mit einem Verhältnis, das auf Konfrontation beruht", sagt Wilckens.

Die Baudienstleistung bietet noch weitere Anreize für Einsparungsmöglichkeiten: So gibt es Vertragszusätze, die einen Bonus für eine frühere Fertigstellung vorsehen oder die Möglichkeit, dass der Bauherr und die Construction Manager sich die erwirtschafteten Einsparungen untereinander aufteilen. Der Vertrag mit den Construction Managern kann auch um einen garantierten Maximumpreis ergänzt werden. Gegen einen Aufpreis kann der Bauherr sein unternehmerisches Risiko somit auf den Dienstleister abwälzen. "Der Bauherr kann das relativ früh tun, wie beim Generalunternehmer. Er kann sich aber auch Zeit lassen und die Option nach 80 Prozent der Auftragsvergabe noch wahrnehmen - für einen entsprechend niedrigeren Risikozuschlag", sagt Wilckens. Da der Bauherr ständig Einblick in die Bücher hat und es keine versteckten Kosten geben soll, könne er sich ausrechnen, ob der Kostenrahmen eingehalten wird.

Wilckens sieht im Construction Management die Zukunft der Bauindustrie. Bislang gebe es in Deutschland kaum Anbieter, die die neue Methode anwenden. Und auch für die Vergabe von Bauprojekten seien hierzulande noch keine Grundlagen vorhanden. Je mehr internationale Konzerne aber gute Erfahrungen mit dieser Methode im Ausland machen, um so mehr werden sie es auch in Deutschland fordern, meint er. Der Teamgedanke, die verbesserte Motivation der Gewerkefirmen und die Zielorientiertheit auf die Interessen des Bauherrn werde sich langfristig durchsetzen.

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