KOOPERATIONSPARTNER : Der lange Weg zurück

Mit einer medizinischen Behandlung allein ist es bei gynäkologischen Krebsleiden meist nicht getan. In der Rehabilitation trainieren die Patientinnen nicht nur den von Tumor und Therapie geschwächten Körper. Sie erobern sich auch das durch die Operationen manchmal verlorene Gefühl von Weiblichkeit zurück

Zahllose Wege führen durch die sanfte Hügellandschaft der Märkischen Schweiz. Sie verlaufen durch Wälder und an Seen entlang, laden ein zu ausgedehnten Spaziergängen. Etliche von ihnen hat Natalie Schmitt (Name geändert) in den vergangenen Tagen auch schon erkundet. Der Weg, der die 46-jährige Kostümnäherin aus Berlin-Mitte vor zwei Wochen in diesen Naturpark rund 60 Kilometer östlich der Hauptstadt führte, war jedoch ungleich länger und kräftezehrender. An seinem Anfang stand eine medizinische Diagnose: Brustkrebs.

Natalie Schmitt ist eine fröhliche, eine lebensfrohe Frau. Sie trägt einen bequemen hellblauen Hausanzug, dunkelblond-gesträhnte Haare umspielen ihr freundliches Gesicht, stufig geschnitten fallen sie in ihren Nacken. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass es nicht ihre echten Haare sind. Die ließ sich die Berlinerin während der Chemotherapie von ihrem Lebensgefährten abschneiden – sie wollte ihnen nicht beim Ausfallen zusehen. Seitdem trägt sie eine Perücke. „Mittlerweile sind meine Haare aber schon wieder fast streichholzlang“, sagt sie mit einem beinahe stolzen Lächeln.

Die Chemotherapie, die sechs Monate dauerte, war der erste Schritt auf Natalie Schmitts Weg zur Genesung. Sie begann im Sommer 2010, unmittelbar nachdem die Ärzte des Brustzentrums in Berlin-Lichtenberg einen bösartigen Tumor im linken Busen festgestellt hatten, ein sogenanntes Mammakarzinom. „Die Diagnose hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, erinnert sich die zierliche Frau stockend und es ist spürbar, wie beklemmend der Befund noch immer auf sie wirkt. Doch dann fügt sie mit fester Stimme hinzu: „Aber man wächst da rein.“

Bösartige Geschwulste an der Brustdrüse sind die häufigste Krebsart bei Frauen. Durch immer weiter verbesserte Behandlungsmethoden überleben aber immer mehr Patientinnen: Fünf Jahre, nachdem Ärzte den Krebs bei ihnen diagnostiziert haben, sind acht bis neun von zehn Patientinnen noch am Leben.

Die Ärzte von Natalie Schmitt rückten den mutierten Zellen in ihrer Brust Schritt für Schritt zuleibe: An die Chemotherapie schloss sich eine brusterhaltende Operation an, in der die Mediziner im Sana-Klinikum Lichtenberg den Tumor entfernten. Dieser hatte dank der medikamentösen Zytostatika-Therapie, wie die Chemotherapie auch genannt wird, nur noch die Größe eines Stecknadelkopfes. Anschließend folgte eine Strahlentherapie, um eventuell noch im Körper verbliebene Krebszellen zu zerstören.

Doch mit einer medizinischen Behandlung allein ist es bei Krebsleiden meist nicht getan. „Man muss auch schauen, wie es hinterher mit einem Patienten weitergeht“, sagt Birgit Bartels, Chefärztin der Rehabilitationsklinik Märkische Schweiz. Denn nicht nur die Tumorerkrankung selbst belaste die Betroffenen. „Auch die Behandlung bringt nicht selten erhebliche Folge- und Funktionsstörungen mit sich“, sagt die Onkologin. Diese erschweren es den Patienten, in ihr altes Leben zurückzukehren.

Damit ihr Weg zurück etwas leichter wird, ist Natalie Schmitt vier Wochen nach ihrer letzten Bestrahlung in die Rehabilitationsklinik Märkische Schweiz gekommen. In der Fachklinik für onkologische Rehabilitation, die die Immanuel-Diakonie seit 1995 in einem großzügigen weißen Neubau am Rande des idyllischen Kurstädtchens Buckow betreibt, macht sie seit zwei Wochen eine Anschlussheilbehandlung. „Nach der Krebstherapie musste ich mich erst mal ein bisschen erholen“, sagt sie fast entschuldigend. Vor allem muss sie jedoch zusammen mit den Ärzten und Therapeuten daran arbeiten, die Folgen von Erkrankung und Behandlung zu überwinden – auch, damit sie wieder in ihrem Beruf arbeiten kann. Denn noch ist das nicht möglich, zu stark spürt die Kostümnäherin die Auswirkungen der Chemotherapie. Sie leidet seitdem an sensorischen Störungen, bei denen sich die Gliedmaßen so anfühlen, als wären sie eingeschlafen (siehe Gerätecheck auf der Seite 19). „Meine Finger kribbeln manchmal wie verrückt“, sagt die Berlinerin und blickt auf ihre zarten, schmalen Hände. Mit Stecknadeln könne sie jetzt sicherlich noch nicht so gut umgehen.

Damit sich das ändert, ist Ergotherapie ein wichtiger Bestandteil ihres Rehaplans, den sie gemeinsam mit einem Arzt der Klinik zusammengestellt hat. Dort trainiert sie ihre Hände mit Igelbällen, kleinen Plastikbällchen mit weichen Stacheln, die sie knetet und so ihre Handmuskulatur kräftigt. Auch Wannen gefüllt mit Naturmaterialien wie Sand, Kirschkernen oder Linsen gibt es in den Räumen der Ergotherapie. Wenn man mit den Händen durch sie hindurchfährt und die kleinen Steine und Kerne durch die Finger rieseln, regen sie die Nervenzellen an und beleben so das Gefühl in den Fingern.

Eine weitere Bewegungstherapie, die gerade Brustkrebspatientinnen hilft, ist die Schulter-Arm-Gymnastik, in der mit Bällen und elastischen Bändern gearbeitet wird. Denn häufig wird nicht nur der Tumor aus der Brust operativ entfernt, zur Sicherheit entnimmt man auch die Lymphknoten aus der anliegenden Achselhöhle. „Viele Patientinnen leiden danach unter erheblichen Bewegungseinschränkungen, können den Arm kaum heben“, sagt Chefärztin Birgit Bartels.

Auch Natalie Schmitt nimmt an der Gymnastik teil, schließlich muss sie in ihrem Job immer mit den Armen arbeiten, zum Beispiel Schneiderpuppen hochheben und auf den Tisch stellen. Noch macht ihr das große Probleme: „Wenn ich meinen Arm strecke, tut das noch immer sehr weh.“ Trotz Schmerzen habe sie dennoch gleich an allen Therapien teilgenommen, die ihr angeboten wurden.

Vera Heinrich (Name geändert) konnte das nicht. Die 60-jährige Frührentnerin, die sagt, sie fühle sich innerlich wie 18, bezog ebenfalls vor zwei Wochen ein Zimmer in dem Klinikneubau am Rande des Griepensees. Im Oktober des vergangenen Jahres wurde bei ihr Gebärmutterkrebs diagnostiziert. Auf eine Operation, in der die Ärzte der Havelland Klinik in Nauen das gesamte befallene Organ entfernten, folgten Chemotherapie und Bestrahlungen. „Das war heftig“, sagt sie und streicht sich über ihre seitdem sehr kurzen schwarzen Haare. „Danach fühlte ich mich erst mal total schlapp.“

Die ehemalige Floristin mit der modischen, schmal gerahmten Brille und den goldenen Ohrringen leidet unter dem sogenannten Fatigue-Syndrom, einer häufigen Folgeerscheinung bei Tumorerkrankungen und ihren Behandlungen. Das französische Wort Fatigue bedeutet soviel wie Müdigkeit und Erschöpfung – und genau das sei es auch, was die Betroffenen empfänden, sagt Reha-Chefärztin Bartels: „Viele Patienten klagen darüber, keine Kraft zu haben und ständig erschöpft zu sein, obwohl sie eigentlich ausreichend schlafen.“

Auf dem Rehaplan von Vera Heinrich stand dennoch bereits in der ersten Woche Terraintraining, „das bedeutet durchs Gelände marschieren.“ Anfangs schaffte die verheiratete Mutter dreier erwachsener Söhne jedoch noch nicht einmal eine kleine Runde auf den geschwungenen Wegen des Klinikparks. Immer wieder musste sie Pausen auf den weißen Parkbänken einlegen. Nach einem Gespräch mit dem Arzt wurde das Terraintraining wieder von ihrem Rehaplan gestrichen, nun macht sie unter anderem Frühsport, Wassergymnastik und Fahrradergometrie. Um wieder zu Kräften zu kommen, trainiert die drahtige und sportliche Frau jedoch auch alleine, geht spazieren und steigt im Treppenhaus die Stufen hinauf und wieder hinunter. „Hier ist auch sehr viel eigene Initiative gefragt“, sagt Vera Heinrich.

Doch es sind nicht die körperlichen Einschränkungen allein, die vielen Krebspatienten zu schaffen machen. „Die Diagnose Krebs verändert das gesamte Leben“, sagt Birgit Bartels von der Rehaklinik, sie habe immer auch soziale und psychische Folgen. Psychoonkologie und Beratung sind daher wichtige Bestandteile einer onkologischen Rehabilitation. Die Patientinnen lernen, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und mit ihren Ängsten umzugehen, „denn noch immer ist Krebs eine Krankheit, die mit dem Tode assoziiert ist.“ Die Behandlung eines gynäkologischen Krebses bedeutet zudem oftmals, dass die betroffenen Frauen das Gefühl haben, ein Stück ihrer Weiblichkeit zu verlieren. Nach einer Operation, in der nicht nur das Krebsgeschwür, sondern auch Teile der Brust oder die Gebärmutter entfernt wurden und nach einer Chemotherapie, in der alle Haare ausfielen, müssen sie erst einmal ein neues Körper- und Lebensgefühl entwickeln. Das alles dauert jedoch seine Zeit. „Man kann nicht in drei Wochen Reha alles wegzaubern“, sagt Bartels.

Das weiß auch Brustkrebs-Patientin Natalie Schmitt. „Es ist wichtig, Geduld zu haben“, sagt sie und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück, wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, „auch, wenn es manchmal sehr schwerfällt.“ Vom Innenhof der Rehabilitationsklinik Märkische Schweiz dringen Vogelstimmen herein, unter einem grauen Himmel jagen Schwalben unermüdlich winzigen Insekten hinterher. Hin und wieder durchbrechen einzelne Sonnenstrahlen die Wolken und erhellen ihre Flugbahn. „Aber ich will ja schließlich wieder so werden, wie ich vor der Krankheit war.“ Eine weitere Woche wird die Berlinerin noch in der Rehaklinik bleiben, dann geht es zurück nach Berlin, zurück nach Hause und zu ihrem Lebensgefährten. Dann hat sie wieder ein Stück Weg geschafft.

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