Zeitung Heute : Kopf an Kopf

Der Tagesspiegel

Von Sabine Heimgärtner, Paris

Die Spannung ist groß, die Stimmung schlecht. Eine Rekordzahl von 16 Kandidaten präsentiert sich an diesem Sonntag beim ersten Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen. Noch nie war der Ausgang dieser wichtigen Wahl in Frankreich so ungewiss, weil laut einer jüngsten Umfrage von „Le Figaro“ 41 Prozent der Wahlberechtigten noch immer nicht wissen, wem sie ihre Stimme geben werden und weitere 30 Prozent angaben, sie gingen überhaupt nicht zur Wahl. Auch wenn erst zwei Wochen später, am 5. Mai, bei einer Stichwahl zwischen den beiden erfolgreichsten Anwärtern der ersten Wahlrunde über den Präsidenten bis zum Jahr 2007 entschieden wird, sind es vor allem die beiden prominenten Kandidaten, der konservative Amtsinhaber Jacques Chirac und der amtierende Premierminister, der Sozialist Lionel Jospin, die in den letzten zwei Wochen des Wahlkampfes nervös geworden sind. Seit Tagen verschärft sich der Ton. „Wenn Chirac die Wahl wieder gewinnt, wird Frankreich die Jahre bis 2007 nicht ohne Krise überstehen“, prophezeite Jospin. Frankreich könne sich seine ineffiziente „sozialistische Kultur“ nicht mehr länger leisten, „Schluss damit“, schlug Chirac zurück. Fünf Jahre hatten die beiden Politiker gegensätzlicher politischer Lager recht und schlecht zusammengearbeitet, im Rahmen der so genannten Kohabitation, die viele Entscheidungen lähmte, wenn nicht blockierte und zudem zu einem indifferenten politischen Klima im Land führte, bis hin zur Politikverdrossenheit.

Der dritte Mann entscheidet

Diese bekommen die großen politischen Lager jetzt bitter zu spüren: Viele der Franzosen, die es an diesem Sonntag nicht sowieso vorziehen, Fußball zu gucken oder ins Grüne zu fahren, haben sich in Umfragen als Protestwähler entpuppt, als Sympathisanten der Kandidaten links außen oder rechts außen. „Die Anziehungskraft der weniger bekannten Kandidaten besteht darin, Sammelbecken der Frustrationen, Proteste und Träume schöner Utopien zu sein“, beschrieb die katholische Tageszeitung „La Croix“ das neue Phänomen. Noch nie hat es in Frankreich eine so zersplitterte Präsidentschaftswahl gegeben. Chirac und Jospin werden im ersten Wahlgang deshalb voraussichtlich jeweils nur knapp unter 20 Prozent der Stimmen erhalten. Jospin liegt neuerdings sogar bei nur 18 Prozent. Ihm macht die starke linke Konkurrenz zu schaffen, alleine drei Kandidaten aus dem trotzkistischen Lager gehen ins Rennen, darunter die wegen ihrer Volksnähe und Einfachheit beliebte Arlette Laguiller von der Partei Arbeiterkampf.

Aber auch Chirac hat einen „Problemkonkurrenten“, den rechtsextremen Chef der Nationalen Front, Jean-Marie Le Pen. Dem 73-Jährigen, der bereits zum dritten Mal antritt und damit kokettiert, dass er sogar in der zweiten Runde, der alles entscheidenden Stichwahl, eine Rolle spielen könnte, sagen die Umfragen 14 Prozent voraus. Er ist also voraussichtlich der „Dritte Mann“, der im französischen Wahlsystem eine entscheidende Rolle spielt: die des Stimmeneintreibers für die Stichwahl. Um das Rennen zu gewinnen, müssen die beiden siegreichen Kandidaten die Jagd auf die Stammwähler der anderen 14 Kandidaten eröffnen. Auf Le Pen kann sich Chirac dabei nicht verlassen. Sein Intimfeind Le Pen hat bereits angekündigt, keine Empfehlung abzugeben, im Gegenteil: Er werde seine Anhänger auffordern, die Stichwahl am 5. Mai zu boykottieren.

Wie kein anderer Kandidat hat Le Pen von der heißen Wahlkampfphase profitiert, die nach dem Urteil von über 50 Prozent der Franzosen langweilig und fantasielos war. Früh schon konzentrierten sich die Hauptakteure Chirac und Jospin auf das zentrale Thema Innere Sicherheit, nachdem die Kriminalitätsrate im vergangenen Jahr um fast acht Prozent gestiegen war. Dann aber kamen, mitten im Wahlkampf, Ereignisse, die das Topthema und die Hauptsorge aller Franzosen noch anheizten: Ein Vater, der bei der Verteidigung seines Sohnes von einer Jugendbande umgebracht wurde; ein Amokläufer, der acht Stadträte erschoss; ein Viehzüchter, der einen Polizisten mit einer Kalaschnikow tötete; brennende Synagogen und die Entdeckung von immer mehr „Schläfern“ mit Verbindungen zu arabischen Extremistengruppen. Le Pens einfache Antwort: Ausländer raus und mindestens 200 000 neue Gefängnisplätze.

Frankreichs Intellektuelle malen sich vor dem Beginn des Wahlmarathons – im Juni wird, ebenfalls in zwei Wahlgängen, das französische Parlament gewählt – mit Schrecken aus, in welche Katastrophe ein Wahlsieg Le Pens münden könnte. Schon bei der letzten Präsidentschaftswahl 1995 hatte der gewiefte Taktiker knapp 15 Prozent erzielt. Die meisten Denker der „Grande Nation" zeigten sich allerdings auch maßlos enttäuscht von den faden Wahlkampfparolen der prominenten Rivalen, die sich kaum voneinander unterschieden. Bekämpfung von Gewalt, die anstehende Renten- und Steuerreform – soll es das gewesen sein? Weder Visionen zur künftigen Gestaltung Europas noch neue Vorstellungen zum etwas rostig gewordenen Motor Frankreich-Deutschland spielten in der Debatte eine Rolle, aber auch über Wirtschaft wurde kaum diskutiert. Gerade auf diesem Sektor hatte Jospin nach fünf Jahren Regierungszeit etliches vorzuweisen: Die Einführung der 35-Stunden-Woche, die Senkung der Arbeitslosigkeit um fast ein Drittel, sorglose Frauen, die trotz ihrer Berufstätigkeit für einen europäischen Babyboom sorgen und ein – trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise – mit zwei Prozent ansehnliches Wirtschaftswachstum.

Also, doch Jospin? Bei den Sonntagsfragen ist der Politiker mit dem Langweiler-Image in den vergangenen zwei Wochen immer weiter hinter den Charmeur Chirac geraten, dessen Finanzskandale und Parteiaffären die meisten Wähler offenbar vergessen haben. Ursache: Ausstrahlung. Im Land der Liebe scheinen nun mal die Küsschen-Männer beliebter zu sein.

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