Zeitung Heute : Kopf für die Kopflosen

Fehlende Wahlzettel, eine Volkspartei im freien Fall: Nun soll Michael Naumann Hamburgs SPD retten

Armin Lehmann Tobias Zick[Hamburg]

Am Donnerstagmorgen ist Michael Naumann aufgewacht, und kein Albtraum hatte die kurze Nachtruhe getrübt. Da ist nur so ein Gefühl in der Magengegend, das ihm, dem ehemaligen Basketballer, sagte: Es hat etwas begonnen, und irgendwann wird es vollbracht sein. „Es fühlt sich gut an dieses Kribbeln, wie vor einem wichtigen Spiel eben“, sagt Naumann und zündet sich eine Zigarette an. In einer Stunde wird die Hamburger SPD offiziell verkünden, was seit Mittwoch bekannt ist: Michael Naumann, Kulturstaatsminister a. D., nun beurlaubter „Zeit“-Herausgeber, soll bei den Wahlen 2008 für die SPD Ole von Beust in Hamburg herausfordern. Es soll das Ende der Führungskrise sein, die die Partei seit Monaten lähmt und die kürzlich in der Affäre um gestohlene Stimmscheine bei der Wahl zum Spitzenkandidaten gipfelte.

Noch sitzt Naumann in der Pianobar des Hotel Marriott und versichert, dass das gute Bauchgefühl anhalten werde, da könne ihn die „Bild“-Zeitung noch so viel ärgern. Aber man sieht ihm doch an, dass er sich schon geärgert hat über diese Zeitung, für die er „nackte Verachtung“ empfindet, wie er mal gesagt hat. Naumann sagt: „Das wird hier kein Zeitungskrieg gegen mich.“ Aber er weiß, dass das nicht stimmt. Er hat schon begonnen, „Bild“ fragte auf einer Doppelseite: „Hamburg rätselt. Wer ist dieser Mann?“ Naumann weiß, dass man versucht, ihn auf einen Schöngeist zu reduzieren, der keine Armut kennt. Er ist angefasst. Er sagt: „Ich lasse mir meine Biografie nicht stehlen. Ich bin auf der Flucht im Leibchen in Hamburg angekommen, habe in Köln in Ruinen gewohnt. Ich weiß, was Armut ist.“ Das sei doch der Grund für ihn gewesen, Sozialdemokrat zu werden.

Wenige Minuten zuvor hat er seine Zielrichtung im kleinen Kreis besprochen, mit SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, mit dem Hamburger SPD-Fraktionschef Michael Neumann und dem designierten neuen Parteichef Ingo Egloff, das Wahlkampfmotto wird lauten: „Die wachsende Stadt muss eine zusammenwachsende Stadt werden.“

Das ist ein schöner Slogan, aber bis sich Naumann den Inhalten widmen kann, dem Sozialen, muss die SPD selbst wieder zusammenwachsen. In Wahrheit ist ja aus der einst so stolzen Hamburger Partei, die die Stadt über 40 Jahre lang regierte, immer mehr eine verstörte, verletzte, ja am Boden liegende Partei geworden. Vor lauter innerer Zerstrittenheit ist das Ziel, Ole von Beust wieder aus dem Rathaus zu vertreiben, in scheinbar unerreichbare Ferne gerückt. So jedenfalls empfinden es viele Genossen, denn der amtierende Erste Bürgermeister der Stadt, der die Sozis 2001 ablöste, indem er ein Bündnis mit dem Rechtspopulisten Ronald Barnabas Schill schmiedete, ist populär bei allen Wählerschichten. Die Wirtschaft wächst, der Hafen boomt, die Touristen kommen in Scharen, um die neue Hafencity zu bewundern. Das allgemeine Gefühl in der Stadt ist: Es geht voran. Die SPD dagegen sucht in Hamburg seit den schiefgelaufenen Wahlen 2001 und 2004 ihre Identität, ihre alte Stärke.

Deshalb ist dieser Donnerstag ein wichtiger Tag für die SPD, weil an diesem Tag mit Michael Naumann aus Sicht der Genossen endlich wieder ein „Hoffnungsträger“ vorgestellt wird, ein „Glücksfall“, wie einer sagt, ein „Lottogewinn“. In Berlin ruft Vizekanzler Franz Müntefering die Hamburger Genossen auf, Naumann uneingeschränkt zu unterstützen. „Meine Erwartung an die Partei in Hamburg ist, dass sie ihm geschlossen an die Seite tritt. Jetzt heißt es: die Reihen schließen, kämpfen und überzeugen!“, sagt Müntefering. „Deshalb muss man sich jetzt zusammenreißen und den Bürgern zeigen, dass die Hamburg-SPD eine große, stolze Partei ist, die das auch bleiben will und die regieren kann.“

Die Vorstellung um elf Uhr morgens im zweiten Stock des Kurt-Schumacher-Hauses ist eine kuriose Veranstaltung, weil doch das Weltmännische von Naumann, seine Eloquenz und Redegewandtheit, arg eingezwängt wird in die steife Parteiperformance, in der die anwesenden Funktionäre formulieren, dass man sich freue, „dass die Findungskommission nun dem Landesvorstand und dem Landesparteitag vorschlagen wird, Michael Naumann zum Spitzenkandidaten vorzuschlagen“. Naumann steht da im braunen Anzug, seine Brille hat er abgenommen, die Arme hält er hinter dem Rücken verschränkt. Naumann spricht von der prekären Situation, in der die SPD sich befunden habe, aber dass er, noch bevor er gerufen wurde, niemals ein Schisma in der Partei ausgemacht hätte, sondern nur einen Familienkrach. „Und wenn sich eine Familie nicht mehr streitet, ist sie tot.“

Aber das ist ein bisschen geflunkert, schöngeredet, wie man erfährt, wenn man sich an die Basis begibt. Wenige Minuten bevor die Nachrichtenagenturen am Mittwoch verkündet haben, dass Naumann Spitzenkandidat wird, sitzt Rudolf Herbers, 71, Mitglied des Landesvorstandes und Chef der AG 60 plus, in einem Eppendorfer Café. Herbers ist ein Mann der Ruhe, klein, schmal, feingliedrig. Aber seinen Ärger über die da oben kann er nicht verbergen. Er ist seit 40 Jahren in der SPD, aber so etwas habe er noch nie erlebt. „Es hat immer wieder Zerreißproben gegeben, aber das waren politische Zerreißproben.“ Herbers sagt das, was man auch in anderen Bezirken hören kann. Man verstehe nicht, was eigentlich passiert sei. „Alle waren überrascht, niemand wusste, was ist da los.“ Auf einem früheren Parteitag, erinnert sich Herbers, habe es stehende Ovationen für Petersen gegeben. Petersen ist bis vor kurzem nicht nur Landeschef, sondern auch der selbst ernannte Favorit auf die Spitzenkandidatur gewesen. Herbers sagt: „Der Charme von Petersen war ja, dass er eben nicht über Jahrzehnte in alle möglichen Netzwerke eingebunden war.“

Warum also ist nicht Mathias Petersen der Spitzenkandidat geworden? Er wurde mit großer Mehrheit und ohne Gegenkandidat Landeschef. Doch plötzlich versagten ihm viele Funktionäre die Gefolgschaft. Der Held der Basis, der Schrecken der Funktionäre? Ein Insider der SPD sagt, ja, das passe zusammen. Er war der Mann der Basis, aber diejenigen, die politisch mit ihm zu tun hatten, rauften sich oft die Haare. Er sei ein politisches Leichtgewicht, ehrlich, aber naiv, „beratungsresistent“ ist die harmlose Version, die man zu hören bekommt.

Eine Episode ist zum Fanal gegen Petersen geworden. Im August 2006 kommt der neue Parteichef Kurt Beck zu Besuch nach Hamburg, zusammen mit Petersen besucht er die Lufthansa. Es soll ein großer Auftritt für Petersen werden, doch der trottet nur hinter Beck her und bekommt die Zähne nicht auseinander. „Ein verheerender Auftritt“, finden Genossen, die dabei sind, und schütteln die Köpfe. Monate später sagt einer, Petersen hatte Zeit, in seine Rolle zu wachsen, „aber das Wachstum hat nie eingesetzt“. Petersen tappt in Fettnäpfe, fordert zum Entsetzen seiner Partei, man müsse die Daten von Sexualstraftätern öffentlich machen, beschließt einsam, den langjährigen Landesgeschäftsführer Ties Rabe zu entlassen, was niemand versteht.

An einem Tag im Januar 2007 treffen sich Petersen mit den zehn Bezirksvertretern im traditionellen Restaurant „Old Commercial Room“ gleich gegenüber dem Hamburger Michel. Der Labskaus dort ist berühmt, und im Senatorenzimmer trifft man sich nur dann, wenn es Dinge von gewisser Schwere zu beraten gibt. An diesem Tag bringen fünf der zehn Vertreter ihre Skepsis zum Ausdruck, sie fragen Petersen nach einem Konzept, aber der sagt beleidigt: „Gut, dann machen wir eine Mitgliederbefragung.“

Unversöhnlich stehen sich jetzt die Lager gegenüber, und als Dorothee Stapelfeldt mehr oder weniger zur Gegenkandidatur gezwungen wird, eskaliert die Situation. Auf den Hearings der Kandidaten schicken sich die Gegner gegenseitig Leute in die Veranstaltungen, die Fragen stellen, um die Kandidaten zu diskreditieren. Schließlich verschwinden in der Urwahl knapp 1000 Stimmzettel, die Wahl ist geplatzt, die Partei konsterniert. Petersen muss samt Landesvorstand zurücktreten. Als auch Henning Voscherau, der langjährige Erste Bürgermeister absagt, ist der Fall der Hamburger SPD längst ein Problemfall für die Bundespartei geworden. Über die Städte wollte man zurück ins Kanzleramt, jetzt droht eine der wichtigsten sozialdemokratischen Städte auf lange Sicht verloren zu gehen.

Es geht um viel in Hamburg. Und so ereilt Naumann am Dienstag ein Anruf aus Berlin, am anderen Ende Olaf Scholz, ehemals Innensenator in Hamburg, jetzt Geschäftsführer der SPD-Fraktion in Berlin. Scholz trägt die Idee vor, Naumann möge sie sich doch bitte überlegen, aber er habe nicht viel Zeit: sechs Stunden. Naumann bespricht sich mit seiner Frau, telefoniert mit Parteichef Kurt Beck und mit Gerhard Schröder. Aber er weiß schnell, dass er es machen will, er will einer sein, der partizipiert, nicht einer, der nur schreibt und fordert. Er sagt Ja, und dann ruft er bei Helmut Schmidt an, den Altkanzler und legendären Innensenator. Der brummt: „Such’ dir einen guten Finanzsenator.“

Bevor es aber so weit ist, steigt Michael Naumann an diesem Donnerstag hinab in die Kommunalpolitik. Er steht im Kurt-Schumacher-Haus und sagt: „Ja, ich bin gegen den Elbausbau.“ Und: „Die Elbphilharmonie macht nur Sinn, wenn die Betriebskosten genau geprüft sind.“ Er redet von „Deckungsbeiträgen“ und „Gewerbesteuern“, und sein Blick sagt: Ich bin kein Schöngeist, ich kann rechnen. Sein Grundthema für Hamburg soll die soziale Frage sein. Bildung, Schulen, soziale Brennpunkte – es klingt etwas abgedroschen. Naumann weiß das, aber „darf es sein, dass ein sehr großer Teil der Hamburger vom Wachstum abgekoppelt ist?“ Dann mutiert der beurlaubte Publizist ganz zum Politiker, er ruft: „Die CDU wirbt mit der wachsenden Stadt, aber sie ist auch eine zerfallende Stadt.“ Hamburgs Wahlkampf hat begonnen.

Mitarbeit: Stephan Haselberger

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