Zeitung Heute : Kopfprämien für neue Mitarbeiter

CHRISTOPH STEHR

Anwendungsentwickler Rolf S., der in einer Bank im Rheinland die Umstellung auf den Euro begleitete, hat einen anstrengenden Jahreswechsel hinter sich.An Silvester will er es zuerst nicht glauben, daß er vor 18 Uhr von seinem Arbeitsplatz wegkommt.Der 1.Januar bestätigt dann seine schlimmsten Befürchtungen: Um sechs aus dem Bett, um sieben in der Bank, am Nachmittag stürzt das System ab.Wie sich später herausstellt, hat ein Kollege wenige Zeilen in einem kleinen Programm geändert, dies aber niemandem mitgeteilt und so die ganze Abteilung in Aufruhr versetzt, weil andere, große Programme die Änderung nicht akzeptierten.Um 23 Uhr, nach einem 16-Stunden-Tag, fährt Rolf S.nach Hause.Für Kollegen hat die Bank Betten in einem nahen Hotel reserviert - die paar Stunden, bis die Bildschirme wieder hell werden, lohnen den Heimweg nicht.Am 2.Januar, Samstag, arbeitet Rolf S.von neun bis 19 Uhr, am 3.Januar, Sonntag, auch.Am 4.Januar, dem ersten vollen Werktag der Euro-Zeit, laufen alle Programme.Die Überstunden abzufeiern, ist ausgeschlossen, zumal bis Ende März Urlaubssperre herrscht.Rolf S.tröstet sich damit, daß er pro Überstunde 150 Mark, pardon, 76, 69 Euro, zusätzlich verdient hat.

Das Beispiel erklärt mehr als jede Statistik: Die IT-Manager der Banken schwimmen.Zum einen müssen sie Herkulesarbeit leisten - Euro und Jahr 2000 sind die bekanntesten Stichworte -, zum anderen ist weiterer personeller Aufbau fast unmöglich, weil der Arbeitsmarkt kaum noch Organisationsberater, Systembetreuer und Anwendungsentwickler hergibt.Vor fünf Jahren betraf jede achte Neueinstellung bei Banken den Bereich Datenverarbeitung / Organisation, inzwischen ist es jede vierte.1998 suchte die Branche rund 2300 IT-Spezialisten, bevorzugt Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und Mathematiker, mangels Alternativen aber auch Fachfremde mit Anwendungserfahrung.Die Suche muß in vielen Fällen vergeblich gewesen sein, was sich daran festmachen läßt, daß beispielsweise in einem ganzen Jahr nur 1000 Wirtschaftsinformatiker, um die sich Unternehmen aller Branchen balgen, ihr Studium abschließen.

Die Floskel vom "leergefegten Arbeitsmarkt" verwenden die Personalwerber gern, aber das Eingeständnis, Positionen partout nicht besetzen zu können, ist für den Journalisten nur "off the records" zu haben: "Es gelingt uns gerade, die Fluktuationsrate aufzufangen", sagt die Sprecherin einer Bank in Süddeutschland.Die Ängste der Kunden, am 1.Januar 2000 könnten ihre Konten im Daten-Crash verschwinden, sollen nicht noch durch Hinweise auf personelle Engpässe geschürt werden.

Es herrscht Ausnahmezustand am Markt für IT-Spezialisten.Berufsanfänger, die im ersten Jahr 75 000 Mark verdienten, forderten im zweiten oder dritten Jahr 120 000 Mark, berichten Stefan Rohr und Prof.Dr.Ernst Zander in ihrer aktuellen "Vergütungsstudie Datenverarbeitung".Geben die Unternehmen nach, bringen sie ihr ganzes Gehaltsgefüge in eine "gefährliche Schieflage".Geben sie nicht nach, tut es die Konkurrenz.

Derweil ziehen die Personalwerber alle Register, inserieren in Zeitungen und zunehmend im Internet, beauftragen Headhunter, nehmen an Firmenkontaktmessen teil.Die Kreativität ist grenzenlos.So hat die DG Bank, Frankfurt, im Herbst 1998 eine Initiative "Wir suchen selbst - Mitarbeiter werben Mitarbeiter" gestartet: Wer fündig wird, erhält eine "finanzielle Anerkennung".Gut funktioniert auch das "Praxisforum", das Professoren, Studenten und DG-Banker zusammenbringt.

Die Advance Bank, München, winkt ebenfalls mit Kopfprämien, "und wir denken auch lokal über den Einsatz von Fernsehspots zur Rekrutierung nach", wie Personalmanagerin Barbara Goldstein sagt.Das Anforderungsprofil ist eng gefaßt: Informatik- oder Elektrotechnikstudium, Kenntnisse in WindowsNT, Unix, C/C++, Java, HTML, Cobol, SQL.Allerdings will die Direktbank keine Legionen einstellen: Von derzeit knapp 500 Beschäftigten arbeiten 60 - 1999 eventuell 90 Mitarbeiter - in der Informationstechnik inklusive Rechenzentrum.

Der Nachfrageüberhang, der von den großen Universalbanken erzeugt wird, ist nicht nur ein quantitatives Problem.Mancher IT-Verantwortliche klagt, die Bewerber seien schlecht oder nicht passend qualifiziert, und ärgert sich um so mehr über deren Ansprüche an Gehalt und Aufstiegschancen.Das Mißverhältnis zwischen dem, was die Banken erwarten, und dem, was die Bewerber bieten, hat natürlich auch mit den veränderten beruflichen Anforderungen zu tun.Früher reichte es, eine bestimmte Datenbank oder Programmiersprache zu beherrschen, heute muß ein Experte in mehreren Techniken, Tools und Systemen firm sein und überdies Anwendungserfahrung haben.Hinzu kommen außerfachliche und soziale Kompetenzen - von Fremdsprachen bis Teamfähigkeit -, die im technischen Studium immer noch vernachlässigt werden.

Die Folge ist, daß der Anpassungs- und Weiterbildungsdruck am Arbeitsplatz steigt.Ein SAP-Berater mag heute ein König sein, aber was geschieht mit ihm, wenn sein Arbeitsinstrument morgen durch ein anderes - sei es eine Modifikation des alten - ersetzt wird?

Zu den interessantesten Fragen, die IT- und Personalleiter bewegt, gehört die Bedarfsprognose über das Jahr 2000 hinaus.Daß mit dem Datumswechsel und der Einführung des Euro bald alle Engpässe beseitigt seien, glaubt so recht niemand.Schließlich hätten nicht diese Projekte, "sondern der notwendige Umbau und Ausbau der technologischen Unterstützung", die große Nachfrage nach Spezialisten ausgelöst, erklärt Manfred Habig, Personalleiter der Stadtsparkasse Köln.Da die Informationsintensität im Banking weiter zunehme, steige auch der personelle Bedarf weiter.

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