Kopftuch-Urteil : Illusion und Irrtum

Dank seiner Fähigkeit zur Einsicht, zur Selbstkritik und Selbstkorrektur ist das Kopftuchurteil ein im besten Sinne abendländischer Beschluss. Denn das ist Integration: ein Durchwursteln. Jeder mit jedem. Alltag. Ein Kommentar.

Das Grundgesetz hat uns eine religionsoffene, ja sie fördernde Staatlichkeit konzipiert, die sich, alles in allem, bisher bewährt hat.
Das Grundgesetz hat uns eine religionsoffene, ja sie fördernde Staatlichkeit konzipiert, die sich, alles in allem, bisher bewährt...Foto: dpa

Frauen mit Kopftüchern gehören seit Jahrzehnten zu Deutschland, und dass viele es aus religiösen Gründen tragen, ist bekannt. Zum Politikum geriet der Stoff jedoch erst, als einst aus Ausländern Migranten wurden und aus Mohammedanern Muslime, sprich: Als man der Tatsache gewahr wurde, dass türkische Arbeitskräfte gekommen waren, um zu bleiben, und mit Sprache und Kultur ihre Religion mitbrachten. Jetzt hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass diese Frauen, ihre Töchter und Enkelinnen, in Deutschland den Lehrerberuf ergreifen dürfen – viel mehr zunächst nicht. Das ist eine Entscheidung, die Freiheit ermöglicht und Gleichberechtigung fördert. Und eine Rückbesinnung auf den schönsten aller christlich-abendländischen Werte, die Vernunft.

Die Verfassungsrichter fangen das Kopftuch ein

Das Kopftuch ist arg strapaziert worden, es sollte herhalten für den Argwohn der Aufgeklärten, die unter ihm geknechtete Weiblichkeit vermuten, für die Missstimmungen einer ängstlichen Mitte, für die Ressentiments von rechts. So wurde es zum vielseitig überladenen Symbol, dem gültigen Index für Integrationsentwicklung, die ja, wie uns die Politik einzureden trachtet, steuerbar sein soll. Doch so ist es nicht. Die Verfassungsrichter fangen das Kopftuch ein, holen es aus den luftigen Höhen der Stellvertreterdebatten um Identität und Anpassung zurück und binden es dort fest, wo es hingehört, bei der Gläubigen und ihrem Glauben.

Durchaus waren es die höchsten Richter selbst, die das Kopftuch einst hatten mit entschweben lassen. Als nach dem Terror in den USA auch der Islam in Westeuropa als Sicherheitsrisiko identifiziert war, schwand die bis dahin gepredigte Toleranz. Das Kopftuch wurde zur Gefahr ausgerufen, nicht für Leib und Leben, doch immerhin für Schulfrieden und Staatsneutralität. So überließen die Richter es den Bundesländern, Frauen, die es tragen möchten, künftig per Gesetz aus dem Schuldienst herauszuhalten.

Was aussah wie eine Hochschätzung der Legislative, war eine Geringschätzung von Grundrechten. Knapp zwölf Jahre sind seitdem vergangen, für die Generalrevision eines Karlsruher Verfassungsirrtums eine kurze Spanne. Vermutlich haben die Richter die Beschwerden so lange liegen gelassen, um sie nicht noch kürzer erscheinen zu lassen.

Das Grundgesetz malt nicht schwarz und weiß

Dank seiner Fähigkeit zur Einsicht, zur Selbstkritik und Selbstkorrektur ist es ein im besten Sinne abendländischer Beschluss. Das Grundgesetz hat uns eine religionsoffene, ja sie fördernde Staatlichkeit konzipiert, die sich, alles in allem, bisher bewährt hat. Es malt nicht schwarz und weiß, wie es die Laizität in Frankreich mit ihrer strikten Trennung von Staat und Kirche tut, sondern überlässt es Institutionen und Bürgern, sich durchzuwursteln. Denn das ist Integration: ein Durchwursteln. Jeder mit jedem. Alltag. Routine. Gesellschaft. Die Antwort auf alle Fragen, das große Gesetz von Vater Staat, das sie abschließend klären würde, von Sprachkurspflichten zum Burkaverbot – es ist eine Illusion.

Auch Erwachsenen ist die Begegnung mit dem Glauben zumutbar

Nun steht es den Ländern – einschließlich Berlin – offen, ihre Neutralitätsgesetze nachzubessern. Doch wenn ein Kopftuch Lehrerinnen in der Schule erlaubt sein kann, warum soll es Beamtinnen in Behörden oder an Gerichten verboten sein? Viel spricht dafür, es anders zu probieren, im Vertrauen, dass Konflikte im kleinen Rahmen lösbar bleiben. Schülern ist die Begegnung mit dem Glauben zumutbar, Erwachsenen ist sie es auch.

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