KOREA 2007 Eröffnung der Botschaft in Berlin : Unterm Flugdach herrscht die Moderne

Die Architektur spricht von verschütteten kulturellen Traditionen

Ulf Meyer

Die Botschaften von Mexiko und die skandinavische Gemeinschafts-Vertretung am südlichen Tiergartenrand gehören zu Recht zu den beliebtesten diplomatischen Bauten im „neuen Berlin“. Ihnen gelang exemplarisch die unverwechselbare Verbindung von örtlicher Kultur des Heimatlandes und zugleich ihre Übersetzung in eine kompromisslos zeitgenössische Architektur. Nationale Identität in Baukunst zu überführen, ohne dabei in Folklore oder gar Kitsch zu verfallen, ist schließlich die wichtigste Aufgabe in der Botschaftsarchitektur, von deren überwiegend gelungener Umsetzung Berlin in den letzten Jahren architektonisch so umfangreich profitiert hat, dass man von einer neuen internationalen Bauausstellung der Botschaften in der alt-neuen deutschen Hauptstadt sprechen kann – gerade dort, wo schon die frühere Internationale Bauausstellung (IBA), die in den 80er Jahren die besten Architekten aus aller Welt zum Entwurf enger Sozialwohnungen nach Berlin brachte, hat ebenfalls ihre Spuren entlang der Rauchstraße hinterlassen.

In diesem Karree, auf einem herrlichen 4000 Quadratmeter großen Grundstück an der Stüler-/ Corneliusstraße zwischen Landwehrkanal und Tiergarten, eröffnet am 25. Mai die Republik Südkorea ihre neue Botschaft. Mit ihrem zaghaft geschwungenen Flugdach ist das Gebäude sofort als „ost-asiatisch“ zu erkennen. Wer in dem Gebäude jedoch eine unverwechselbar koreanische „Botschaft“ erkennen möchte, muss genauer hinschauen. Die dekorativen Gitter vor den Fenstern beispielweise sind eine ästhetische Anspielung auf die „Chuntong- Mun“ genannten Reispapierwände, die die dünnen Fassaden der traditionellen koreanischen Architektur prägten. Im Berliner Botschaftsneubau sind die Gittermuster ihrer Funktion jedoch beraubt und zum bloßen Dekor geworden. Das ist symptomatisch für die Architektur des Neubaus, die ästhetisch von verschütteten kulturellen Traditionen spricht. Entworfen wurde die Botschaft von dem deutschen Architekturbüro Braun Schlockermann und Partner (BSP) mit Hauptsitz in Frankfurt. Südkorea ist damit eines der wenigen Länder, die sich entschieden haben, kein „Landeskind“ mit dem Entwurf ihres Neubaus zu beauftragen.

Im Fall Koreas zeugt das weniger von ästhetischem Selbstbewusstsein, seine nationale Identität auch von einem deutschen Planer ausdrücken lassen zu können, wie das bei der Botschaft von Indien beispielsweise der Fall war, sondern ist einem bloßen Zufall geschuldet. Ein großer deutscher Baukonzern, der das Baugrundstück an die Republik Korea verkauft hatte, hat auch die Architekten empfohlen, weil sie bereits an dem Bau einiger anderer Botschaften in Berlin beteiligt waren. Auf einen Architekturwettbewerb hat Südkorea leider verzichtet.

Der koreanische Botschaftsrat Hur Jin, beschreibt den Entwurf der koreanischen Botschaft so: „So wie heute alle Koreaner westliche Anzüge tragen, ist auch unser neues Gebäude im Kern westlich. Wir haben ihm lediglich einen „asiatischen Touch“ gegeben.“ Warum „koreanische Architekten nur für unsere Botschaftsbauten in der Dritten Welt um Entwürfe gebeten“ werden, bleibt sein Geheimnis. Hur bezieht sich mit seiner Aussage auf die leicht rechteckig profilierte Deckenuntersicht des geschwungenen Daches, das etwas schüchtern an die fantastischen Sparrenkonstruktionen traditioneller Holzdächer in Korea erinnern soll. Die Übersetzung der Holzbauformen in ein modernes Material wie Betonguss beschränkt sich hier jedoch auf das Formale. Auch die Tatsache, dass die Betonstützen in den unteren beiden Geschossen rund sind, ist für Hur schon ein „koreanisches Element“, das zwar ebenso aus der Holzbautradition kommt, aber hierzulande nicht als „koreanisch“ gelesen wird.

Die Übersetzung traditioneller ostasiatischer Bauformen in moderne Architektur fiel jedoch nicht nur den deutschen Architekten schwer, die das Land, das sie symbolisieren wollen, kaum kannten. Auch koreanische Baukünstler mühen sich damit, eine moderne, koreanische Architektur zu entwickeln, wie der Neubau des Nationalmuseums in Seoul von Park Seung-hong beweist: Die Debatte über „Koreanischkeit in der Architektur“ hat er mit seinem Museum, das der abstrakten räumlichen Dramaturgie des Buseoksa-Tempels folgt, einem der ältesten buddhistischen Tempel Koreas, befördert – anstatt einem westlichen Gebäude ein Hütchen-Dach aufzusetzen.

Die neue Südkoreanische Botschaft in Berlin ist die größte in Europa und damit Ausdruck des Gewichts, das Korea auf die Beziehungen mit Deutschland, seinem wichtigsten Handelspartner in Europa, legt. In Berlin lebt mit ungefähr 5000 Koreanern immerhin rund ein Sechstel der koreanischen Gemeinschaft in Deutschland. „Etwas zu modern“ ist der Neubau für die 45 Mitarbeiter der Botschaft auch dem Botschaftsrat Hur geraten. Aber vielleicht ist der Neubau ja gerade in seinem modernen Ausdruck ein getreues Abbild des zeitgenössischen Südkorea?

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