Zeitung Heute : Korea: Wasserlassen verboten

Sven Hansen

Es ist heiß und dampft. Ein 70-jähriger Greis streckt den Daumen nach oben, zeigt auf die bizarren Felsen der Kumgang-Berge, der Diamant-Berge. In der Herbstsonne sitzen und schwitzen hundert Südkoreaner im Thermalbad bei Changjon. Sie haben die Reise in den anderen koreanischen Staat gewagt, in den kommunistischen Norden. In gesonderten Pools baden ihre Frauen, draußen hinter einem Zaun wachen nordkoreanische Soldaten. "Das Kumgang-Gebirge ist das schönste der Welt", strahlt der Alte.

Das Thermalbad und ein neues Restaurant bei Changjon an Nordkoreas Ostküste wurden erst kürzlich vom südkoreanischen Hyundai-Konzern eröffnet. Es ist neben den Diamant-Bergen eine der Attraktionen der Nordkorea-Kreuzfahrten, die die Unternehmensgruppe seit November 1998 anbietet. Seither reisten mehr als 350 000 Südkoreaner in den Norden. Der Tourismus hat das verschlossene kommunistische Land, in dem Mangel und Hunger herrscht, einen Spalt weit geöffnet. Seit Februar dürfen auch Ausländer auf Kreuzfahrten einreisen. 600 kamen bisher.

Vor den Gipfeln der Diamant-Berge müssen die Südkoreaner Schlange stehen. Rund 2500 Touristen drängeln sich an diesem Tag auf den Pfaden. Beliebte Fotomotive sind die in den Felsen gehauene Regierungsparole "Wir stehen zusammen" oder eine Huldigung an den 1994 gestorbenen kommunistischen Staatsgründer Kim Il Sung.

Im unbewohnten Gebirge gibt es nur wenige nordkoreanische Aufpasser, die an ihrer altmodischen dunklen Kleidung erkennbar sind. Es sind die einzigen Einheimischen, mit denen die südkoreanischen Touristen sprechen dürfen, wenn auch nur flüchtig. Von Gesprächen über Politik raten die Reiseleiter dringend ab: Im vergangenen Jahr wurde eine Frau aus Seoul verhaftet, die vom Leben nordkoreanischer Flüchtlinge im Süden erzählt hatte. Das galt als Anstiftung zur Flucht.

Rauchen, Blumenpflücken oder Wasserlassen in der Natur sind verboten, zur Strafe wird sofort eine Buße in US-Dollar kassiert. Unsicherheit herrscht auf beiden Seiten. Die zivilen Aufpasserinnen in den Bergen, mit Kim-Il-Sung-Ansteckern und 60er-Jahre-Frisuren, schauen nervös auf blondierte, grell geschminkte Südkoreanerinnen. Da macht plötzlich einer der Nordkoreaner einen Flirtversuch, der Besucherin aus dem reichen Süden verschlägt es die Sprache, er aber lacht.

"Die Nordkoreaner sind entspannter geworden", sagt der Fotograf Y.W. Lee, der schon bei einer der ersten Fahrten vor zwei Jahren dabei war. "Damals durften wir nicht an Land essen, sondern nur auf dem Schiff. Das musste nachts sogar den Hafen verlassen und auf See hinausfahren." Bis 1998 war es auch den Südkoreanern verboten, ohne wichtigen Grund in den verfeindeten Norden zu reisen. Erst mit der "Sonnenscheinpolitik" von Präsident Kim Dae Jung, der in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhält, wurden die Verbote gelockert.

Der aus Nordkorea stammende, hochbetagte Hyundai-Gründer Chung Ju Yung selbst hat die Kreuzfahrten mit dem Regime in Pjöngjang vereinbart. Sie wurden zu Nordkoreas größtem Devisenbringer. Für 930 Millionen Dollar sicherte sich Südkoreas größter Konzern 30 Jahre lang das Tourismusmonopol für die Region - und sieht sich damit im Jahr 2002 in der Gewinnzone.

Inzwischen fahren vier Charterschiffe nach Changjon. Am Ende der Bucht hat Hyundai einen eigenen Hafen gebaut. Hotels, Golfplätze, Ferienhäuser und Skilifts sollen bald folgen. An Land fahren die Touristen in bewachten Buskonvois auf neuen, mit Stacheldraht eingezäunten Straßen, die von streng blickenden Soldaten bewacht werden. Auf der Fahrt ins Gebirge sind nur einige wenige Militärlastwagen, Traktoren, Ochsenkarren und Fahrräder zu sehen.

Vereinzelt winken die Nordkoreaner zurück. Sie tragen Bündel auf dem Rücken oder marschieren in Kolonnen. "Wir bekommen hier von den Nordkoreanern nur wenig mit", sagt der katholische Pfarrer Park Shin-Eon aus Seoul. "Aber etwas ist in Bewegung geraten. Auch wenn es noch Rückschläge gibt, eines Tages wird Korea wieder vereinigt."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!