Zeitung Heute : Korruption und Vetternwirtschaft

Miodrag Soric

Der Gast aus dem Westen zielt mit dem Billardstock auf die weiße Kugel und "versenkt" eine schwarze mit einem kurzen Stoß ins Eckloch. Der Billardtisch - Marke Eigenbau - steht zusammen mit zwei Dutzend anderen unter freiem Himmel am Strand in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Im Schatten von Bäumen, die nur wenig Schutz vor der Mittagshitze bieten, verbringen Dutzende von Aserbaidschanern ihren Tag. Die einen spielen Billard, andere Schach oder Boule.

Die meisten von ihnen sind arbeitslos, viele haben sogar ihre Heimat verloren: Zehntausende wurden beim Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagorny Karabach vertrieben. Jetzt leben sie in zum Teil menschenunwürdigen Behausungen in und um Baku. Seit Jahren warten die meisten der sieben Millionen Einwohner des Landes auf den von Präsident Alijew versprochenen Reichtum durch den Verkauf des Erdöls, das vor der Küste gefördert wird. Bislang jedoch profitiert vom "schwarzen Gold" nur die Nomenklatura, die Führungsschicht des Landes. Der Großteil der Bevölkerung geht leer aus. Korruption, Vetternwirtschaft und Behördenwillkür tun ein übriges, damit das Land ökonomisch nicht auf die Beine kommt. Längst vergessen sind die Zeiten, als die Rothschilds oder die Brüder Nobel mit dem Erdöl im Kaspischen Meer Millionen verdienten.

Die Männer am Billardtisch haben kein Geld, um an den benachbarten Kioskbuden türkisches Mineralwasser, amerikanische Cola, russisches Flaschenbier oder Schweizer Schokolade zu kaufen. Immerhin gönnt sich der ein oder andere einen frisch gebratenen Hackfleisch-Spieß der - wie überall in der Stadt - auch entlang der Strandpromenade angeboten wird. Männer in offenen Hemden drehen an mobilen Grillständen die Fleischspieße über der glühenden Kohle. Geschäftsleute aus dem Westen oder die wenigen Touristen, die den Weg nach Aserbaidschan gefunden haben, sollten einen Bogen um dererlei Schnellimbiss machen, zumal dann, wenn sie einen empfindlichen Magen haben.

Baden ja, aber nicht bei Baku

In der malerischen Altstadt mit ihren engen Gassen, unweit der Schirwanschah-Palastanlage und dem Jungfrauenturm, bietet eine Vielzahl von kleinen Restaurants Möglichkeit zur Einkehr. Einige bitten die Gäste in unterirdische Gewölbe, die - angenehm kühl - an deutsche Weinkellereien erinnern. Indessen scheinen sich alle Köche des Landes abgesprochen zu haben: Es gibt nur gegrilltes Fleisch oder Fisch mit frischem Weißbrot, Tomaten, Gurken und diversen Kräutern. Zugegeben: Für ein paar Tage ist die aserbaidschanische Küche schmackhaft. Doch wer länger bleibt, sehnt sich schon bald nach etwas Abwechslung. Diese findet er zum Beispiel im Hyatt Regency - ein Einzelzimmer kostet 225 US-Dollar -, einem für einheimische Verhältnisse sündhaft teuren Hotel. In dieser "Oase des Westens" bleibt kein Wunsch offen: guter Service, Minibar, Klimaanlage, Bars und Restaurants, das TV-Programm der Deutschen Welle in jedem Zimmer und nicht zuletzt ein Swimmingpool im Innenhof.

Die eigentliche Attraktion des Landes ist das Kaspische Meer mit seinem türkis-grünen Wasser unter der heißen Sonne. Indessen käme ein Aserbaidschaner nie auf die Idee, sich an den Strand von Baku zu legen. Die Erdölindustrie hat in den vergangenen 130 Jahren das Wasser und die Küste verdreckt. Schon zu sowjetischen Zeiten kümmerte sich hier niemand um den Umweltschutz. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Die Aserbaidschaner haben sich anscheinend daran gewöhnt.

Wer baden will, fährt mit dem Wagen gut 40 Minuten in Richtung Norden. Dort tummeln sich Tausende von Müttern und Vätern mit ihren Kindern am Sandstrand. Das Meerwasser ist so warm, dass es den Badenden kaum kühlt. Stets weht eine frische Brise. Nicht umsonst wird Baku die "Stadt des Windes" genannt.

Für Reisende, die nicht Russisch oder Aseri-Türkisch sprichen, ist es nicht ganz leicht, zu den sauberen Stränden außerhalb der Stadt zu kommen. Es fehlt die entsprechende Infrastruktur. Unter den einheimischen Urlaubern fühlt sich der Besucher aus dem Westen etwas verloren. Baden im Kaspischen Meer - das ist Exotik.

Ein Abenteuer allemal

Es gibt nur wenige westliche Anbieter, die Reisen nach Aserbaidschan organisieren. Von Deutschland aus braucht das Flugzeug gut vier Stunden nach Baku. Zuvor muss man sich ein Visum besorgen. Am Besten bucht man eine Pauschalreise. Wer allzu große Hitze scheut, sollte nicht im Hochsommer, sondern im Herbst nach Aserbaidschan fliegen. Ein kleines Abenteuer ist die Reise allemal.

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