Zeitung Heute : Korsika: Mit Mérimées Novellen in die Macchia

Rita Henss

Das Meer tost, Sturzbäche fallen vom Himmel, Blitze zucken und ein stürmischer Wind zerrt an Baumwipfeln und Fensterläden. Der alte Mann jedoch lächelt. Ihm ist der Regen anscheinend wie ein Freund willkommen. Wahrscheinlich denkt er an die trockene Glut des bevorstehenden korsischen Sommers, vor der er aus Ajaccio wieder hinauffliehen wird in die Berge, in eines der Dörfer des Sartenais.

Jetzt im Übergang zum Frühling gleichen viele dieser Bergdörfer im Südwesten Korsikas verlassenen Nestern. Auch Fozzano. Abweisend stemmt sich seine graubraune Granit-Architektur dem Blick entgegen. Der 140-Seelen-Flecken zählt seit Mitte des 19. Jahrhunderts zumindest unter Literaturliebhabern zu den berühmtesten Stätten Korsikas. Denn Prosper Mérimée fand in diesem Ort Stoff, Titelheldin und Kulisse für seine Novelle "Colomba", eine meisterliche Geschichte um korsische Blutrache und korsisches Banditenheldentum.

"Ich begegnete Madame Colomba", schrieb der französische Schriftsteller 1839 aus Bastia, "die hervorragende Gewehrkugeln herstellt und sich ebenso gut darauf versteht, selbige Personen zu schicken, die das Pech haben, ihr zu missfallen. Ich machte die Eroberung dieser Dame ... und zum Abschied haben wir uns auf korsisch geküsst, das heißt auf den Mund."

Mérimées Vendetta-Melodram - in dem Fozzano den Namen Pietranera trägt, Liebe statt politischer Motive die "Vendetta" schürt und Mérimée die alte Witwe Colomba zur glutäugigen jungen Schönheit stilisiert - erregte bei seinem Erscheinen anno 1840 großes Aufsehen in den Pariser Salons. Es unterstützte und verklärte die herrschende Vorstellung von den "Wilden im Süden". Und löste eine besondere Art von Korsika-Tourismus aus: So galt es in gewissen Kreisen alsbald als schick, sich mit verbundenen Augen irgendwo auf der Insel in die Macchia führen zu lassen, um dort einen berüchtigten Banditenführer zu treffen.

Auf solch dekadente Gänsehaut-Erlebnisse kann der Korsika-Reisende im 21. Jahrhundert nicht mehr zählen. Doch schon das Elternhaus der Colomba Carabelli macht schaudern: ein wuchtiger, turmartiger Quader-Bau von fast fünfzehn Metern Höhe, mit steiler Treppe und, schmalen Fensterluken. Gleiches gilt für das Haus, in dem die "Taube" nach ihrer Heirat mit Signore Bartoli lebte. Und es trifft auch für den Sitz der mit dem Clan der Carabelli verfeindeten Durazzi (bei Mérimée Barricini geheißen) zu, dessen Festungsarchitektur und Höhe nahezu identisch ist mit jener des nur wenige Schritte entfernten Carabelli-Anwesens.

Colomba Carabelli-Bartoli starb 1861 hochbetagt in Olmeto, einem von Fozzano damals wohl gut eine Tagesreise, heute etwa eine Autostunde entfernten Terrassen-Dorf an den Hängen der Punta di Buturetu. In diesen inzwischen freundlich und wohlhabend wirkenden Ort hatte sich die Witwe zurückgezogen, nachdem auch einer ihrer Söhne den von ihr geschürten Racheakten zwischen den Carabelli und den Durazzi zum Opfer gefallen war. Aus welchem Grund die Witwe Colomba jedoch ausgerechnet Olmeto als neue Heimat wählte, ist ungewiss. War es die "rebellische" Vergangenheit dieses Ortes? Immerhin ging von dem vor den Toren Olmetos gelegenen - inzwischen zur Ruine verfallenen - Castello della Rocca 1376 unter der Führung des damaligen Burgherrn Arrigo der erste große korsische Aufstand gegen die Herrschaft Genuas aus. Oder spielte bei der Entscheidung von Madame Carabelli eine Rolle, dass man in Olmeto, so jedenfalls will es die Legende, bis ins späte 19. Jahrhundert jene Männer dingen konnte, die durch einen gezielten Schuss einem "Blutfeind" das Lebenslicht auslöschten?

Auch die schon recht kräftigen Strahlen der korsischen Märzsonne vermögen dieses letzte Geheimnis der Colomba nicht zu erhellen. Nur das einstige Wohnhaus der rachsüchtigen "Taube", gegenüber dem Rathaus, holen sie aus dem Schatten. Auf dem Friedhof indes tasten sie vergebens nach einem Stein mit dem Namen Colomba Bartoli-Carabelli. Denn beigesetzt ist die friedlich entschlafene Vendetta-Greisin in ihrem Geburtsort Fozzano, in einer kleinen Kapelle in der Nähe ihrer früheren Wohnung, Seite an Seite mit ihrem Sohn.

Das Grabmal einer zweiten, dank Mérimée berühmten korsischen Blutrachegestalt steht unweit von Sartène, der, wie Mérimée meinte, "korsischsten aller korsischen Städte". Es ist das Grabmal von Rocca Sera. Wie die alte Colomba hatte auch Sera dem französischen Schriftsteller von den Fehden zwischen seiner Familie und einem anderen Clan erzählt. Wieder notierte der Dichter eifrig und formte das Gehörte zu einer Novelle. Eigentlich hatte Mérimée auf Korsika jedoch eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen. Ausgesandt war der junge Pariser kraft seines Amtes als Inspektor für die historischen Denkmäler Frankreichs. Seine dienstliche Anweisung lautete: die Zeugnisse früherer Kulturen auf der Insel aufzuspüren und aufzulisten. Gerade in der Region seiner Vendetta-Recherchen hätte er dabei reichlich fündig werden können. Denn das Sartenais war zur Steinzeit ein Kernraum der damaligen Kulturen. Doch es sollte noch gut ein Jahrhundert dauern, bis man Stätten wie Filitosa und Cauria dem Vergessen entriss.

Mit Filitosa und Cauria birgt der korsische Südwesten heute die beiden wichtigsten prähistorischen Fundstätten der Insel. Die bekanntere der beiden ist Filitosa. Sie umfasst sowohl Funde aus dem frühen Neolithikum als auch aus der End- und Hochphase der Megelithkultur. Das Ausgrabungsgelände ist touristisch bestens erschlossen.

Vor uns ein Hinweisschild: "Menhirs - Alignement Stantari". Unmittelbar dahinter grüßt stumm eine Riege stehender Steine. Mit ein wenig Anstrengung lassen sich auf ihrer Vorderseite noch Bearbeitungsspuren erkennen. In der Steinallee in dem kleinen Wäldchen etwas weiter sind die menschlichen Züge der Menhire noch deutlicher auszumachen: Gesichter sind angedeutet, Arme, Hände - und Waffen. Keine anderen prähistorischen Statuen der Insel weisen diese Merkmale auf.

Der Archäologe Robert Grosjean entdeckte die zwanzig Stelen 1964 in einer Mauer. Er datierte sie auf die erste Hälfte des 2. Jahrtausends vor Christus. Allee, Menhire, der bizarre Felsen, der sich wie ein riesiger Pilz über unseren Köpfen wölbt - sie alle gruppieren sich in einem ungleichschenkligen Dreieck um den Dolmen von Fontannacia. Mit seiner monolithischen, drei Tonnen schweren Deckplatte zählt er zu den imposantesten der prähistorischen "Steintische" auf Korsika. Seine Gravierungen wie auch die Anordnung der übrigen Monumente verweisen nach Ansicht verschiedener Wissenschaftler auf die Nutzung des Dolmens als astrologisches (Kult?)Zentrum. Die Korsen, weiß unser Guide zu berichten, nennen den Platz noch heute "Teufelsschmiede". Und ihre Vorfahren erzählten sich über die prähistorischen Stätten der Insel, dort lägen "die Häuser der Menschenfresser".

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