Zeitung Heute : Kosovo, Nato, Milosevic - und die Rolle des Fernsehens

Stefan Reinecke

Der Kosovo-Krieg war ein Novum. Zum ersten Mal galt, es über einen Krieg zu berichten, an dem deutsche Soldaten beteiligt waren. Veränderte diese Situation journalistisches Arbeiten? Wurde der Feind böser, weil unsere Jungs dabei waren? Gab es so etwas wie einen mentalen Schulterschluss zwischen Medien und Regierung?

Gute Fragen. Deshalb gilt es, die "Mainzer Tage der Fernsehkritik" zu loben, die gestern und heute versuchen, den "Krieg mit Bildern" auszuloten.

Man hatte Pavel Kohout, den tschechoslowakischen Dissidenten, eingeladen. Kohout deutet die Welt von zwei Punkten aus: von 1938, als die westlichen Demokratien vor Hitler kapitulierten, und von 1968, als die Russen in Prag einmarschierten. Seine Lehre aus diesen Ereignissen lautet: Es gibt Weiß (wir, die Demokraten) und schwarz (die Diktatoren von Hitler bis Milosevic). Aus dieser Weltsicht ergibt sich die mediale Kritik. Die Diktatoren kontrollieren die Bilder, die Demokratien nicht. Das Bild der von Nato-Raketen zerstörten chinesischen Botschaft in Belgrad schürte die Zweifel an der moralischen Rechtfertigung des Krieges. Und wenn dann auch noch Pazifisten, Kohouts Lieblingsfeinde, die Jugend verführen, droht München 1938. Die journalistische Pflicht, auch den Nachrichten der Guten - der Nato - zu misstrauen, hat in diesem Schwarz-Weiß-Bild keinen rechten Ort. In gewisser Weise beantwortete Kohout auch die heikle Frage nach der Rolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im Krieg: weniger Kritik, mehr Regierungsnähe. Kohouts Aufruf zu sanfter (Selbst-)Zensur ist freilich nichts anderes als autoritär, eine Entmündigung des Publikums.

Der Auftritt verdeutlichte ein Missverständnis. Es war der Versuch, die postmodernen Interventionskriege des 21. Jahrhunderts mit den ideologischen Lehren des 20. Jahrhunderts zu deuten. Denn das Problem des Fernsehens ist, seit der Zensur im Golfkrieg, gewiss nicht, dass es Diktatoren nutzt. Im Gegenteil, die Bilder, die Teil der Logistik geworden sind, sind selbst zur Kampfzone geworden. Und dort konkurrieren die professionellen performances von Nato-Sprecher Jamie Shea und journalistische Sorgfalt.

Der Medienwissenschaftler Karl Prümm verhalf dann doch noch der konkreten Kritik zu ihrem Recht. In den öffentlich-rechtlichen Medien habe während des Krieges "Korpsgeist" um sich gegriffen. In der Regel habe man ohne Nachfrage die Regierungsversion übernommen. Ansonsten haben ARD und ZDF, so Prümm, routiniert Sondersendungen verwaltet. Historische Hintergründe des Konflikts, präzise Interviews mit den Flüchtlingen - Fehlanzeige. Dafür immer wieder Nato-Offizielle, die erklären, dass sie nichts sagen dürfen. Nein, es gab keine Landser-Romantik und keinen militaristischen Kitsch. Aber immer die gleichen Stereotype: Der Feind ist böse, es gab keine Alternative, wir werden siegen. Und Bilder von perfekten High-Tech-Bombern, die die Illusion vom sauberen Krieg stützten. Komplizierte Themen, wie das Völkerrecht, kamen gar nicht vor.

Ganz gleich, ob man den Kosovo-Krieg für legitim hält oder nicht - Prümms Befund ist nicht von der Hand zu weisen. Im öffentlichrechtlichen deutschen TV gab es eine Art innerer Gleichschaltung, die von Propaganda schwer zu unterscheiden ist. Und Propaganda zerstört die Demokratie, die auch vom Urteilsvermögen des Publikums lebt.

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