Kosovo : Phantom ohne Oper

Ein Staat brauche ein Opernhaus. Das sagten jene, die das Kosovo in die Unabhängigkeit führen wollten. Heute ist der Zwergstaat souverän, doch aus der Opernidee ist wenig geworden. Wie schon jetzt Gras über die Zukunft wächst.

Der Nation voran. Mitglieder der kosovarischen Ehrenformation empfangen auf dem Flughafen von Pristina einen Ehrengast.
Der Nation voran. Mitglieder der kosovarischen Ehrenformation empfangen auf dem Flughafen von Pristina einen Ehrengast.Foto: REUTERS

Das Loch der Schande liegt zwischen alten sozialistischen Wohnblocks und kleineren Betonpavillons. Aber obwohl Jeton Neziraj weiß, wo es ist, muss er mit seinem Kleintransporter erst mal um das umzäunte Areal herumfahren. Dann findet er, was er gesucht hat. Eine große Lücke in dem Wellblechzaun. Dahinter hohes, wildes Gras und die schon vor Jahren ausgehobene Baugrube. „Das ist unser Loch der Schande“, sagt der 35-Jährige.

Es ist nicht weit von hier zum Zentrum Pristinas. Die Gegend ist trist. Altes Jugoslawien, das nicht mehr so recht zu den Glasfassaden passen will, die überall sonst in der Stadt hochgezogen werden. Jeton Neziraj ist Theatermacher, er blinzelt spöttisch durch seine schwarze Prada-Brille, als er auf die Brache deutet. Drei Fußballfelder ist sie groß, mittendrin ragen ein paar Eisenstangen aus einer Betonplatte ins Nichts. Es ist keine Schande, dass ein Gebäude nicht rechtzeitig fertig wird, der Eröffnungstermin ist schon seit zwei Jahren verstrichen. Aber hier geht es um ein nationales Symbol. Eine Oper für das jüngste Land Europas, das Kosovo.

Seit vergangenen Montag steht der Balkanstaat nicht mehr unter internationaler Aufsicht. Er ist jetzt souverän. Trotzdem erscheint ein Opernhaus für 20 Millionen Euro angesichts eines Kulturetats von jährlich 13 Millionen reichlich überambitioniert. Zumal für ein Land, das als mafiös und korrupt gilt. Doch das Opernprojekt in Pristina hat ein ganz anderes Problem. Ein Identitätsproblem. Und so wächst über etwas, das Zukunft sein sollte, schon ganz allmählich wieder Gras.

„Ein Staat ohne Oper ist doch kein Staat.“ Das hatten jene gesagt, die die Idee für den Bau hatten. Es waren Anhänger von Ibrahim Rugova, dem ersten und feingeistigen Präsidenten des Kosovo. Der war Schriftsteller und hatte sich für den gewaltfreien Unabhängigkeitskampf gegen Serbien eingesetzt. Es kam aber anders, zu einem Krieg, der von beiden Seiten mit oft bestialischen Mitteln geführt wurde. Ab Mitte 1999 wurde das Kosovo dann zunächst von den Vereinten Nationen verwaltet.

Rugova starb 2006. Da war der eigene Staat für die Kosovo-Albaner noch ein Traum. Und zu diesem Traum gehörte auch das Opernhaus.

Damit stellten sich die Kosovaren in beste abendländische Tradition. In jeder europäischen Hauptstadt gibt es schließlich eine Staatsoper. Bis nach Manaus am Amazonas haben die Europäer ihren Traum vom Opernhaus getragen. Doch das entsprach dem nationalen Pathos des 19. Jahrhunderts. Jeton Neziraj hält deshalb auch wenig von der Oper in Pristina.

„Glücklicherweise ist das Krankenhaus nicht weit entfernt“, sagt Neziraj. „Da können die Politiker dann hingehen, wenn sie von diesem Unsinn irre werden.“ Für ihn ist die Oper „provinzieller Quatsch“.

Tatsächlich geht es jedoch um viel mehr. Und so erzählt die Tatsache, dass die Oper heute noch immer nur eine Vision ist, viel über die Zustände in diesem Zwergstaat, der sich noch auf der Suche nach sich selbst befindet.

Aus aller Welt sind in den vergangenen Jahren Kosovaren in ihre Heimat zurückgekehrt. Viele sind in der Zwischenzeit halbe Deutsche, Schweizer oder Amerikaner geworden. Entsprechend wollen sie aus dem Kosovo eine zweite Bundesrepublik oder Kleinamerika machen. Überall im Land werben Baustoffhandlungen und Werkzeuggeschäfte mit „deutschen Standards“. Um kulturelle Werte geht es den Heimkehrern weniger. Sie hoffen, im Kosovo vor allem wirtschaftlich voranzukommen. Darunter einer wie Gani Dreshaj, ein Kosovare, der in Hamburg ein Amüsierlokal betreibt und im Kosovo nun mit der Lizenz einer deutschen Brauerei Limonade produziert. Er hat den Weg zu seiner Fabrik mit deutschen und kosovarischen Flaggen gesäumt. An der Fabrik selbst prangt sogar ein großes Banner mit der Aufschrift „Danke Deutschland“.

Auf den Tischen der fliegenden Buchhändler in der Hauptstadt liegen neben der Biografie von Steve Jobs allerdings auch Raubkopien von Hitlers „Mein Kampf“. Noch scheint also nicht ausgemacht, ob die Gestrigen oder die Morgigen Oberhand gewinnen.

Für nationale Epen scheint es in dieser Übergangsphase zu früh. Auch wenn die neuen Führer des Landes den Krieg gegen Serbien Ende der 90er Jahre schon heute als Gründungsmythos stilisieren.

Seit dem Krebstod Rugovas bestimmen vor allem ehemalige Kommandeure der UCK, der kosovarischen Befreiungsarmee, die Politik des Landes. Der mächtigste ist Premierminister Hashim Thaci, ein groß gewachsener Mann mit grauen Haaren und einem ebenso grauen Gesicht. Heute redet Thaci ganz selbstverständlich über Menschenrechte und Investitionsanreize, als hätte er nie etwas anderes als Politik betrieben. Gleichzeitig steht er im Verdacht, im Krieg schwere Verbrechen begangen zu haben. Darauf angesprochen, verfinstert sich sein Blick schlagartig. Das sei alles nur serbische Propaganda, schimpft er dann. Ein Mann der schönen Künste ist Thaci nicht. Lieber lässt er monumentale schwarze Granitplatten zum Gedenken an die Kämpfer der UCK errichten. Das kommt vor allem in den Provinzen gut an, wo in den Rathäusern jeder Gefallene mit einem Bild verewigt ist. Blutjunge Bauernsöhne sind darunter, Frauen und Kinder.

Die junge Elite in Pristina arbeitet derweil an der Zukunft. In den Ministerien wimmelt es nur so vor jungen Leuten, die als Flüchtlingskinder im Ausland aufgewachsen und gut ausgebildet worden sind. Sie sprechen Englisch, Deutsch und Französisch und treffen sich abends in schicken Bars und Clubs, die es so auch in Brüssel oder Berlin geben könnte. Ob die eine Oper brauchen?

Die neue Nationalflagge des Kosovo hätte auch ein Symbol der Einheit sein können. Doch die sechs weißen Sterne auf blauem Grund und darunter der Umriss des Kosovo weisen bereits den Weg in die EU. Identitätsstiftend ist das auch nicht gerade. So ist diese Flagge deutlich seltener im Straßenbild zu sehe als die rote Flagge mit dem schwarzen Doppeladler, die Flagge Albaniens. Nicht wenige sähen das Kosovo lieber in einem Großalbanien aufgehen als in der EU.

Und dann ist da noch die serbische Minderheit. Die hofft noch immer auf eine Wiederherstellung der alten Verhältnisse. Schließlich hat Russland bislang mit seinem Veto verhindert, dass das Kosovo in die UN aufgenommen wurde. Die meisten EU-Staaten und auch die USA haben das Kosovo freilich längst anerkannt. Das hindert Serbien nicht daran, in den Gemeinden mit serbischer Bevölkerung weiterhin Schulen, Krankenhäuser und Unternehmen zu betreiben.

Viele Serben stehen sogar auf Belgrads Gehaltslisten, obwohl sie keine Arbeit mehr haben. Auch in Gracanica, einem Ort unweit der kosovarischen Hauptstadt Pristina, in dem die Cafés schon morgens gut besucht sind. Die Männer, die hier beim Macchiato zusammensitzen, sind sportlich gekleidet, zu gut für Arbeitslose.

„Ich halte nichts von dieser virtuellen Welt“, schimpft Bürgermeister Bojan Stojanovic, der mit aufgekrempelten Hemdsärmeln hinter seinem wuchtigen Schreibtisch thront. Er ist einer von sechs serbischen Bürgermeistern im Kosovo, die sich entschlossen haben, mit der neuen Regierung zu kooperieren. Das hat ihm Feinde gemacht, aber auch viele neue Freunde beschert. Die Wände seines Rathauses sind gepflastert mit Bildern internationaler Politikprominenz auf Besuch in Gracanica. Da ist der füllige Stojanovic, das Hemd meist lässig über der Hose, mit Hillary Clinton, mit Tony Blair, Manuel Barroso und anderen zu sehen.

„Was habe ich davon, ständig Briefe nach Belgrad zu schreiben, wenn ich hier ein Problem habe?“ rechtfertigt er seine Haltung. „Die schreiben dann auch wieder nur Protestbriefe. Da rufe ich lieber Hashim an, und mein Problem wird gelöst.“ Hashim ist Hashim Thaci. Vielleicht wächst im Kosovo also doch etwas zusammen.

Das wünscht sich auch Theatermacher Neziraj. In einem alten Hochhaus hat er mit Freunden ein paar Lagerräume schwarz ausgekleidet und betreibt dort seine eigene Bühne.

Auch serbische Künstler lädt er dorthin ein. Seine eigenen Stücke bezeichnet der Theatermann als „patriotische Comedy“. Sein letztes handelte von einer Roma-Familie, die aus Deutschland ins Kosovo ausgewiesen wird und dort gegen Vorurteile und Schikanen kämpft. „Yue Madeleine Yue“, heißt es und beschreibt die absurden Seiten des „post war chaos“, wie Neziraj die Lage im Kosovo nennt.

Drei Jahre lang leitete er das Nationaltheater in Pristina. Dort räumte er auf mit der Ästhetik der 80er Jahre, öffnete das Haus für neue Formen. Doch mit seinen unkonventionellen Performances und Projekten eckte er im offiziellen Kulturbetrieb schon bald an. 2011 musste er schließlich gehen, obwohl da schon der bekannte Rapper Memli Krasniqi Kultusminister war. Wirklich unglücklich ist Neziraj über seinen Rausschmiss nicht. „Wir haben hier eine spannende Zeit“, sagt er. In Pristina herrsche eine sehr kreative Atmosphäre, eigentlich sei alles möglich. Nur eben keine Oper.

2007 wurde das Opernprojekt offiziell ausgeschrieben. 1200 Sitzplätze sollte das Haus haben, die Bühne bespielbar für Oper, Theater und ein Ballett sein. Auch Konferenzräume waren gewünscht und sogar an ein angegliedertes Einkaufszentrum wurde gedacht. Gewonnen hatten den Wettbewerb die Berliner Architekten Kai Auffermann und Jürgen Wischnewski. Sie hatten die Ausschreibung durch Zufall im Internet entdeckt. Auffermann und sein Partner dachten sachlich. Ihr Entwurf, ein weißer Quader mit kleiner Kuppel, das Hauptgebäude öffneten sie zu einer überdachten Freifläche hin. 15 000 Euro Preisgeld gab es dafür und den Auftrag für die Ausführungsplanung.

Mit dem Bau selbst haben sie nichts mehr zu tun. Und deshalb wollen sie sich auch nicht dazu äußern.

Niemand, so scheint es, hat überhaupt ein Interesse, dass die Oper gebaut wird. Ein klassisches Bildungsbürgertum gibt es auch nicht. Dabei hat das Land nach Rugova nun einen Außenminister, der gebildet und belesen ist und gern über seine Vergangenheit spricht. Denn Enver Hoxhaj war kein Kämpfer. So plaudert er über seine Studienzeit in Wien. Bei Schafskäse und Fleischbällchen erzählt er an einem Spätsommerabend in Pristina, dass er damals Henry Kissingers Doktorarbeit über Metternich gelesen habe, und später auch Adornos Thesen zur Vergangenheitsbewältigung.

In seinem karierten Hilfinger-Hemd wirkt der friedlich lächelnde Minister mehr wie ein Tourist auf Bildungsreise. Doch mit seinem Premier, dem Kämpfer, verbindet ihn doch etwas. „Zum Beispiel unsere Liebe zu den Bergen“, sagt Hoxhaj und meint das völlig ernst. Tatsächlich gehen der frühere UCK-Kommandant Thaci, der zeitweise in der Schweiz lebte, und sein intellektueller Vorzeigeminister gelegentlich gemeinsam wandern. Denn Berge, richtige Berge, gibt es schließlich auch im Kosovo – mit Klammen wie in Österreich und Aussichten wie in der Schweiz.

Hoxhajs Lesegewohnheiten haben sich inzwischen allerdings geändert. Auf langen Flügen nimmt er heute Bücher über den Aufstieg asiatischer Staaten mit. Zuletzt eines über Singapur. Europa sei zwar wichtig für sein Land, sagte er, die Zukunft liege aber nun einmal in Asien.

In Singapur gibt es kein Opernhaus.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben