Kosovo : Stacheln der Erinnerung

Es wird Lamm geben und Musik und Schnaps. Für die meisten Menschen im Kosovo wird es das Ende der Angst sein, wenn das Land an diesem Sonntag seine Unabhängigkeit erklärt. Für die anderen ist es der Beginn.

Norbert Rütsche
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In Rahovec, das serbisch Orahovac heißt, leben Serben in einem eigenen Stadtteil. Kontakte mit Kosovo-Albanern haben sie kaum. -Foto: AFP

Es ist Zeit geworden für erste Feldarbeiten, zum Beispiel um die kleinen, scharfen Frühlingszwiebeln zu setzen. Vor dem Kleidergeschäft von Habib Spahiu steht eine Gruppe von vier Männern. Traktoren knattern vorbei, ganze Familien fahren zur Arbeit. Denn auch die Reben müssen geschnitten werden. Das Westkosovo ist seit jeher für den Weinbau bekannt. Man kennt und grüßt sich, wechselt Worte. Über Reben oder Frühlingszwiebeln spricht an diesem Morgen aber kaum jemand. Es gibt nur ein Thema: Pavaresia – die Unabhängigkeit des Kosovo. An diesem Sonntag soll sie vom Parlament in Pristina beschlossen und feierlich ausgerufen werden. So hat es Regierungschef Hashim Thaci am Samstag verkündet.

„Wir haben Jahre und Jahre gewartet, jetzt wollen wir endlich frei sein“, sagt einer der Männer vor dem Kleidergeschäft. Ein anderer: „Ich will nie mehr Angst haben müssen.“ Überall in der Stadt hängen albanische Flaggen, in den Schaufenstern der Geschäfte, an den Hausfassaden, am Kulturhaus. Arbeiter der Stadtreinigung kehren den Staub von den Gehsteigen. Der Bürgermeister hat gesagt: „Am Tag der Unabhängigkeit feiern wir ein großes Fest.“ Nicht allen in seiner Gemeinde wird danach zumute sein.

Rahovec, das serbisch Orahovac heißt, ist eine geteilte Stadt. 24 000 Menschen leben hier, die meisten davon sind Kosovo-Albaner. Doch es gibt da auch die anderen, die Serben. 1200 leben in einem Stadtteil von Orahovac und im Nachbardorf Velika Hoca. Sie wollen von einem unabhängigen Kosovo nichts wissen, Kontakte zwischen den Volksgruppen gibt es nur wenige.

Und so ist in der Runde vor dem Kleiderladen auch kein Serbe dabei. Der Älteste der Männer trägt eine schwarze Baskenmütze. Er erzählt von 1998. Damals ging das Regime von Slobodan Milosevic brutal gegen die kosovo-albanische Zivilbevölkerung vor. „Wir waren auf der Flucht, als sie meine Frau töteten. Auch unser Haus haben Serben ausgeraubt und alles kaputt geschlagen.“ Die Männer schweigen. Dann sagt der Ladenbesitzer Habib: „Jetzt können wir in Ruhe schlafen.“

Habib Spahius Sorgen sind jetzt andere. Der Umsatz seines Ladens ist gering, manchmal nur zehn Euro am Tag. Von den Männern vor dem Geschäft hat keiner einen festen Arbeitsplatz. Im Sommer schlagen sie sich mit Gelegenheitsjobs durch. Doch jetzt, im Winter, können sie nur warten – und setzen ihre ganze Hoffnung auf einen unabhängigen Staat. „Jetzt kommt Europa zu uns und investiert“, sagt Habib Spahiu. Schließlich seien die Lohnkosten im Kosovo gering. „Mit 300 Euro im Monat wären wir schon mehr als zufrieden.“ Das Familieneinkommen liegt heute aber oft nur bei 150 Euro. Selbst mit ihren serbischen Kollegen von einst sind sie bereit, wieder zusammenzuarbeiten. „Was geschehen ist, das ist geschehen, aber wir wollen jetzt arbeiten, alles andere ist nicht so wichtig.“ Rache an den Serben? Aber nein, beteuern die Männer. Auch der alte Witwer widerspricht ihnen nicht.

„Wenn Serbien klug wäre, dann würde es seinen Leuten sagen: Kosovo ist auch eurer Land, arbeitet mit, fordert eure Rechte ein“, sagt Ladenbesitzer Habib Spahiu. Die EU-Rechtstaatsmission „Eulex“ mit mehr als 1800 Polizisten, Zollbeamten, Staatsanwälten und Richtern begrüßen die Männer. Die Mission soll in erster Linie der grassierenden Korruption im Land den Garaus machen und eine funktionierende Rechtsprechung fördern. Kleiderhändler Habib schmunzelt, dann sagt er: „Der junge Staat Kosovo ist wie ein kleines Kind, dem man die Schlüssel zur Kasse in die Hand gegeben hat. Es braucht noch Kontrolle.“

Am Tag der Unabhängigkeit wollen die Männer mit ihren Familien und Freunden hier vor dem Laden feiern, ein Lamm braten, trinken, tanzen. Unten in der Stadt organisiert die Gemeinde ein Straßenfest, unzählige Verwandte und Freunde aus dem Ausland werden erwartet. Auch vor dem Kleiderladen sind schon zahlreiche Autos mit deutschen, schweizerischen oder niederländischen Nummernschildern vorbeigefahren. „Jeder Albaner erwartet diesen Tag wie einen Geburtstag“, sagt Habib Spahiu.

Insgesamt 17 000 ausländische Soldatinnen und Soldaten sorgen derzeit zusammen mit der Kosovo-Polizei für die Sicherheit in dem Land, das kleiner ist als Thüringen. Der Bürgermeister von Rahovec hat versprochen, dass es auch nach der Unabhängigkeitserklärung ruhig bleiben wird. Es war vor allem eine Botschaft an die rund 1 200 Serben in seiner Gemeinde. Etwas mehr als die Hälfte von ihnen lebt im kleinen Dorf Velika Hoca nur wenige Kilometer außerhalb von Rahovec.

Velika Hoca liegt malerisch eingebettet zwischen sanft geschwungenen Rebbergen. Am Horizont leuchten die tief verschneiten Grenzberge zu Mazedonien. Weißer Rauch steigt aus den Kaminen des alten, serbischen Dorfes. 13 serbisch-orthodoxe Kirchen gibt es dort, die meisten davon aus dem Mittelalter. Dorfverwalter Jovan Bojic sagt, der Bürgermeister von Rahovec habe ihm „hundertprozentige Sicherheit“ garantiert. „Jetzt können wir nur noch warten, was kommt.“ Einen Exodus der Serben erwarte er zunächst nicht. Und, nein, besondere Vorbereitungen hätten sie auch keine getroffen. Schließlich, so Bojic, „erwarten wir ja keinen Tsunami und kein Erdbeben.“ Trotzdem wirkt Bojics Lächeln etwas gequält. Für manchen im Dorf ist er schon ein Verräter, weil er mit dem kosovo-albanischen Bürgermeister, „einem Separatisten“, spricht.

Einer, der das Empfinden der Dorfbewohner klar ausdrückt, ist der 20 Jahre alte Student Igor Vecevic: „Das Kosovo wird einfach so abgetrennt von Serbien, wie wenn der Finger einer Hand abgeschnitten würde. Es gilt offenbar einfach das Recht des Stärkeren.“ Vecevic sitzt mit seinem Vater Zika im kleinen, karg ausgestatteten Wohnraum seines Elternhauses und fordert lautstark den Einsatz der serbischen Armee: „Jedes Land muss seine Souveränität und territoriale Integrität schützen, auch mit Krieg.“ Die Leiden der Kosovo-Albaner unter dem Apartheid-System in der Regierungszeit von Milosevic und im Kosovo-Krieg sind für den Studenten gar kein Thema.

Sein Vater versucht ihn zu beruhigen, aber auch er ist nervös. Seit Kriegsende im Juni 1999 sei er ein einziges Mal in Orahovac gewesen, erzählt Zika Vecevic. Die Angst, ja, das fehlende Vertrauen zu den Albanern seien die Gründe – deswegen gehe er nicht dorthin. Es ist die Erinnerung an serbische Nachbarn, die in den 1990ern von Kosovo-Albanern verschleppt und umgebracht wurden. Und an die anti-serbischen Ausschreitungen im März 2004, von denen Velika Hoca zwar nicht betroffen war, bei denen aber unzählige serbische Häuser und Kirchen im Kosovo in Brand gesteckt wurden. Wird es an diesem Sonntag zu Übergriffen auf sein Dorf kommen? Er glaubt es nicht. „Uns kann nichts mehr erschrecken, nachdem wir schon fast zehn Jahre hier im Gefängnis leben.“

In diesem Moment wird es dunkel im Wohnzimmer – Stromausfall. Schnell steht eine Kerze auf dem Tisch, die Handgriffe sitzen. Der Strom fällt im Kosovo mindestens vier Mal täglich für zwei Stunden aus – bei Serben wie Albanern. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, macht Zika deutlich, dass er auch nach der Unabhängigkeit in Velika Hoca bleiben will: „Wohin sollen wir denn gehen? Ich bin hier zu Hause.“ Vor dem Krieg habe er zusammen mit den Kosovo-Albanern Fußball gespielt. Nun könne er nur noch sagen: „Diejenigen aus unserem Dorf, die im Krieg Verbrechen begangen haben, die sind doch schon längst nicht mehr da.“ Was damals genau geschehen ist oder ob jemand im Dorf die Täter gedeckt hat, darüber spricht auf Velika Hocas Straßen allerdings niemand.

Als der Strom zurückkommt, setzen sich ein paar Häuser weiter unten Sonja und Jovan Djuricic vor den Fernseher. In den Nachrichten verurteilt der russische Präsident Putin die Unabhängigkeit des Kosovo als gesetzeswidrig und gefährlich. „Was für ein Mann!“, ruft Sonja Djuricic. Sie und ihr Mann wollen auch nach der Unabhängigkeit im Kosovo bleiben, „so lange uns niemand bedroht. Aber beim ersten Zwischenfall sind alle hier weg“, sagt Jovan Djuricic. „Es braucht nicht viel, bis die Waage auf die andere Seite kippt.“ Die Unabhängigkeit werde er nie anerkennen. „Hier ist mein Land, hier ist mein Haus.“ Auch den Worten von Ministerpräsident Hashim Thaci, dem ehemaligen Anführer der Kosovo-Befreiungsarmee UCK, vertraut er nicht. „Klar, jetzt wollen die Albaner vor der Welt zeigen, dass sie alle Volksgruppen im Kosovo akzeptieren.“

Es gibt nur wenige, die die Furcht langsam überwinden. Einer von ihnen heißt wie die Djuricics, ist aber nicht mit ihnen verwandt. Es ist Stevica Djuricic, ein in der ganzen Region bekannter serbischer Automechaniker. Er fährt mit seinem roten Golf fast jeden Tag nach Rahovec.

Besuchte er vor drei Jahren nur die wenigen, in einem eigenen Stadtviertel lebenden Serben, geht er jetzt auch ins Stadtzentrum, trinkt Kaffee mit alten kosovo-albanischen Bekannten. „Ich habe nichts zu verstecken“, sagt Stevica. „Es tut mir leid, was passiert ist im Krieg. Aber hätte ich etwas verbrochen, dann wäre ich abgehauen.“ In Orahovac und Velika Hoca kennt jeder jeden, die Opfer auch die Täter. Stevica will sich dagegen wehren, dass die Menschen nur aufgrund ihrer Volksgruppe eingeteilt werden. „Ich kann doch nicht einen Albaner beschuldigen, nur weil er ein Albaner ist. Dasselbe gilt aber auch für mich: Ich bin nicht schuldig, nur weil ich ein Serbe bin.“

Seit kurzem fährt er nun sogar quer durch das Kosovo, nach Prizren, Pristina oder nach Mitrovica. Noch vor wenigen Jahren hätte er diese Fahrten nur unter Polizeischutz gemacht. Übergriffe, wie sie so viele Serben befürchten, habe er dabei nie erlebt. Vorgesorgt hat er nun aber trotzdem. Vor einiger Zeit hat er sich ein Haus in Serbien gekauft, natürlich nur „falls sich die Lage verschlechtern sollte“.

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