Zeitung Heute : kost Luft-

In Tegel gibt’s Torte to go, in Schönefeld Ciabatta. Nur Tempelhof erlebt die Blockade gegen den Zeitgeist – mit Nudelsalat im „Air Snack“.

Esther Kogelboom

Waltraut Schiller nimmt das Messer zur Hand, drückt es behutsam durch einen Briekäse und hebt das Scheibchen auf ein wartendes, mit Margarine bestrichenes Vollkornbrotdreieck. Frau Schiller hat diese Handbewegung unzählige Male gemacht, und trotzdem wirkt ihr Käseschneiden nicht mechanisch, sondern so, als richte sie einem Geliebten das Frühstück. Vielleicht ist das – neben den ausgesucht frischen Zutaten natürlich – auch schon das ganze Geheimnis von Waltraut Schillers Brie-Stullen.

Die Kunden des „Air Snack“ mögen die 72-jährige „Walli“, weil die kleine, rothaarige Dame die besten Schnitten im Schatten der Hungerharke schmiert. Was streng genommen kein Kunststück ist: Abgesehen vom „Air Snack“ gibt es im Flughafen Berlin-Tempelhof nur das Bistro mit dem an die Luftbrücke erinnernden Namen „Air Lift“. „Air Snack“ befindet sich gleich in einem ehemaligen Zoll-Häuschen, Vorhalle links, „Air Lift“ in der Abfertigungshalle hinten rechts. Berücksichtigt man, dass der Flughafen Tempelhof der größte Gebäudekomplex Europas ist, wird der Sicherheitsabstand gewährt. Doch es geht nicht nur um die räumliche Distanz: Während man ein Bistro wie „Air Lift“ – mit seinen Champagnerflaschen und riesigen Kaffeemaschinen – heute nahezu an allen Flughäfen Europas finden kann, ist der „Air Snack“ einmalig geworden.

In Tegel gibt es eine Leysieffer-Filiale, einen Supermarkt und Burger King, und selbst Schönefeld wird inzwischen mit getrockneten Tomaten, staubigem Ciabatta, Rucolablättern und Parmesansplittern beliefert. Anspruchsvolles Catering ist wichtig geworden, seit an Bord vieler Maschinen kein Essen mehr verteilt wird. Aber einen richtigen Ur-Berliner Snack- Imbiss ohne „to go“, dafür aber mit selbst gemachtem Nudelsalat, den wird man nicht mehr finden. Der Air Snack ist sozusagen der braune Lederkoffer, der noch auf dem Gepäckband kreist, während die silberfarbenen „Rimowa“-Trolleys schon in den Kofferräumen der Mietwagen durch Berlin-Mitte gefahren werden.

Der Imbiss gehört der Tochter von Waltraut Schiller, Barbara Wede. Vor zwölf Jahren hat sie den Laden übernommen. Damals konnte sie nicht ahnen, wie es mit dem Flughafen Tempelhof weitergehen würde. Es war ein mutiger Schritt. Barbara Wede war damals nach Jahren im Hotel Kempinski und der Weinkneipe „Edelzwicker“ im Europa Center als Aushilfe im „Air Snack“ beschäftigt. Ihr gingen die welken Salatblätter und die sich in den Himmel über Tempelhof biegenden Käsescheiben auf die Nerven, sagt sie. Da zog ihre Vorgängerin nach Amerika, und Barbara Wede beschloss, es besser zu machen. „Das hier ist mein Leben“, sagt sie heute, um Fröhlichkeit bemüht. „Ich bin ja schon 51.“ Für Walli dagegen ist sie immer noch das kleine Mädchen.

Die Tochter erzählt von dem Tag im Herbst vergangenen Jahres, es muss kurz nach dem 24. September gewesen sein, das war der Tag, an dem die Berliner Luftfahrtbehörde die Einstellung des Flughafens beschlossen hatte. An diesem Tag hat Barbara Wede ihren vier Mitarbeiterinnen, ihren „Mädels“, gekündigt – nur, um sie kurze Zeit später wieder einzustellen. Da nämlich hatte das Oberverwaltungsgericht in zwei Eilverfahren entschieden, dass der Flughafen doch nicht zum 31. Oktober geschlossen wird. Diesen Hickhack machen die Frauen vom „Air Snack“ schon seit Jahren mit. Bitter werden ließ sie das nicht. Einfach aufgeben, das ist nicht der Stil der „Air Snack“-Besatzung. Sie hatten immer geöffnet, auch, als es sich eigentlich nicht gelohnt hat.

Die meisten Menschen, die hier Brötchen, Kaffee und Schokolade kaufen, sind Stammkunden: Geschäftsmänner, die drei Mal die Woche von Tempelhof nach Mannheim, Saarbrücken, Brüssel oder Dortmund fliegen. Diese Männer, glaubt Barbara Wede, verzehren sich regelrecht nach Erbsen-, Linsen- und Kartoffeleintopf von Mutter Walli. „Die kriegen doch sonst nur Lachs mit Wildreis“, sagt sie und lacht. Ihre durchaus einleuchtende Theorie lautet: Besonders Vielflieger brauchen bodenständige Kost. Man kann ja Otto Rehagel fragen, der hat mal „Vielen Dank für die beste Kartoffelsuppe meines Lebens“ auf eine Papierserviette geschrieben. Oder die Basketball-Spieler von „Alba“, die bis hoch an die „Kindl“-Werbeschilder ragen und sich krümmen müssen, um ihre Köpfe in das Verkaufsfenster stecken zu können, wenn sie ihren Reiseproviant einkaufen. Sogar Frank Elstner, den sich Mutter Walli wahrscheinlich durchaus als Schwiegersohn vorstellen könnte, war schon da. Zu den Stammkunden zählen aber auch Flughafen-Arbeiter und die Taxifahrer aus der Warteschlange vor dem Flughafengebäude; für die türkischen Kollegen hat Frau Wede extra Würstchen aus Putenfleisch im Sortiment.

Wie alle Fleischwaren kauft sie auch die Würstchen bei dem Großhandel „Mischau“ in Spandau. „Die sind am besten, Sie glauben gar nicht, wie viele Würstchen wir getestet haben“, sagt die „Air Snack“-Inhaberin. Auf die Wurst-Qualität und ihren Geschmack vertraut sie. Einmal waren die Knacker zu kurz – „eine Frechheit“ –, und da gab’s Ärger.

Am meisten berühren sie die Abschiedsszenen, deren Zeugin sie unfreiwillig wird. Die Zurückgelassenen. Und die mit Flugangst. Für Härtefälle haben die Frauen vom „Air Snack“ meistens ein offenes Ohr – „und etwas Hochprozentiges“. Einen Bailey’s für die Damen, einen Klaren für die Herren. Manches im Leben lässt sich eben nicht mit aalglatter Servicementalität behandeln. Und mit Pfefferminztee erst recht nicht. Zeit ist ja, besonders gegen Nachmittag, wenn nur noch vereinzelt Flugzeuge starten und landen. Tempelhof fertigte im März nur noch 33 627 Passagiere ab, nach Schönefeld dagegen kamen 360 697. Nein, auf Schönefeld ist die gebürtige Schönebergerin Barbara Wede aus verschiedenen Gründen nicht gut zu sprechen: „Erstens sind die Brötchen da pappig, und zweitens ist der Service unpersönlich.“ Im „Air Snack“ backen sie die Brötchen und Croissants, die als Rohlinge angeliefert werden, bis zu zehn Mal täglich frisch auf.

Ab Mai, das hat Frau Wede gehört, werde es eventuell wieder mehrmals täglich einen Beamten-Shuttle nach Bonn geben. „Das wäre das Schönste, was uns passieren kann“, sagt sie und wischt einen Krümel vom Tisch. Mit den Beamten würde wieder etwas Leben einkehren in die gespenstisch leeren Hallen, es würde wieder Ansagen geben, die jetzt nur noch sehr selten erklingen. Vielleicht käme Barbara Wede dann auch endlich aus den roten Zahlen, könnte einmal ein paar Tage frei nehmen und einen Rundflug buchen. Denn wie es hinter der Sicherheitskontrolle wohl aussieht, diese Frage stellt sie sich seit über zwölf Jahren. Ein Landeanflug auf Tempelhof, den wünscht sie sich. Bei Sonnenuntergang? Dazu ein kleiner Bailey’s? Nein, das wäre ihr wohl deutlich zu abgehoben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben