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Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Till Hein

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Theater muss nicht sein!“, stand neulich auf Plakaten zu lesen. Das war ironisch gemeint. Kulturschaffende wollten auf diese Weise gegen Sparmaßnahmen demonstrieren. Aber, mal ehrlich, muss Theater denn sein?

Fakt ist: Die meisten Leute gehen nie hin. Ich persönlich liebe das Theater sehr. Meine erste Schauspielschul-Aufnahmeprüfung habe ich vor 15 Jahren gemacht, und zwar in Berlin. Bin extra mit dem Nachtzug aus Basel angereist. „Danke, das reicht!“, sagten die Experten nach zehn Sekunden. Ich habe den Beckmann aus „Draußen vor der Tür“ vorgesprochen. „Zu wenig Körper!“ und „Das warst nicht Du!“, lauteten die Kritikpunkte. Heute weiß ich: Bei Beckmann zappt jeder normale Mensch sofort weg.

Ein paar Aufnahmeprüfungen später wurde ich an der berühmten „SAZ“ aufgenommen. SAZ ist die Abkürzung für „Schweizerischer Sex-Anzeiger“, aber auch für „Schauspielakademie Zürich“. Ich habe dort viel gelernt. Zum Beispiel: „Lass es einfach zu!“ Oder: „Im Hintern sitzt der Klassiker.“

Ich verdanke dem Theater viel! Bielefeld etwa hätte ich ohne kaum kennen gelernt. Auf der SAZ traf ich eine reizende Bielefelderin. Wir nannten sie Arminia, wegen der Fußballmannschaft. Wahrscheinlich ist Arminia noch immer am Theater. Allein deshalb muss Theater sein. Und zwar für immer!

Blöd ist nur, dass Theater so teuer ist, trotz aller Subventionen. Aber wenn ich vom „Tagesspiegel“ das Geld für diesen Text bekommen habe, gehe ich wieder mal hin. Versprochen!

Manche Menschen können einfach besser Theater machen, als mit Geld umgehen. Herr Marthaler aus meiner alten Heimat ist da nur ein Beispiel. Vielleicht hätte auch aus Herrn Diepgen ein großer Regisseur werden können.

Ich denke jedenfalls, die Theatermenschen sollten von uns Medienfuzzis lernen: Wieso nicht für jeden Premieren-Besuch eine Kaffeemaschine kostenlos? Oder dreimal Käthchen von Heilbronn zum Kennenlernen? Ganz ohne Abbestellen.

Doch es gibt eine noch bessere Möglichkeit, die Finanzkrise zu bewältigen: In Zukunft einfach gratis einkaufen! Im sympathischen Umsonstladen beim Rosentaler Platz. „Jeder Kauf ist ein Fehlkauf!“, steht dort auf einem roten Transparent. Da ist was dran. Die Jungs vom Umsonstladen meinen es aber radikal kapitalismuskritisch.

Einen Nachteil hat der Laden: Man darf sich pro Tag höchsten drei Sachen aussuchen. „Sonst wären die Regale bald leer“, sagt Ulli. Ulli heißt eigentlich anders, aber das ist egal: „Der Einzelne steht hier nicht im Vordergrund“, erklärt er. Der Laden wird kollektiv verwaltet und alle verdienen gleich viel – nichts.

Das Sortiment besteht vor allem aus Büchern, Klamotten und Schallplatten. Was braucht man mehr als Kulturliebhaber? Ich habe jedenfalls einen coolen Wintermantel gefunden.

Auch für Intendanten und Regisseure ist der Umsonstladen übrigens prima geeignet: „Wenn jemand mit dem Porsche vorfährt, haben wir kein Problem damit“, sagt Ulli.

Umsonstladen, Brunnenstraße 183, Mitte, Telefon 27594233, www.umsonstladen.info , Öffnungszeiten: Mo, Do 16-20, Di 10-14, Fr 14-18 Uhr .

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