Zeitung Heute : Kostenlos von A nach B – Schwarzfahren mit der BVG

Der Tagesspiegel

Von Stephan Wiehler

In den gesicherten Zonen der zivilisierten Welt gibt es kaum noch bezahlbare Risiken. Die Gefahr ist zum teuren Vergnügen geworden. Auf der Suche nach den letzten Nervenkitzeln springen Menschen für viel Geld an Gummiseilen in die Tiefe oder stürzen mit Schneebrettern unter den Füßen aus Hubschraubern zur Skiabfahrt.

Zu den wenigen billigen Kicks gehört es für Autofahrer, mit überhöhtem Tempo durch enge Baustellen zu rasen. Wer weder Auto noch Geld hat, dem bleibt oft nur ein pulstreibendes Reiseerlebnis: kostenlos von A nach B – schwarzfahren mit der BVG.

Wer sich allerdings erwischen lässt, muss ab Jahresbeginn 2003 auch für diesen Nervenkitzel tiefer in die Tasche greifen. Das „erhöhte Beförderungsentgelt“ steigt von derzeit 30 auf 40 Euro. Doch selbst die BVG bezweifelt, dass die Erhöhung Schwarzfahrer wirksam abschreckt. Unternehmenssprecher Ulrich Mohnecke verspricht sich mehr vom „erzieherischen Wert“ verstärkter Kontrollen. Rund 20 Millionen Euro gehen den Verkehrsbetrieben jährlich durch Fahrgäste verloren, die ohne Tickets in Busse und Bahnen steigen. Die BVG spricht von einer Schwarzfahrer-Quote von 3,5 Prozent. Doch bei gezielten Kontrollen werden regelmäßig weit mehr blinde Passagiere ertappt.

Wir wollen wissen: Wie bequem reist es sich als blinder Passagier mit der BVG? Und unternehmen einen Selbstversuch. Mit mir: Protestant mit ausgeprägter Zahlungsmoral und serienmäßig eingebautem schlechten Gewissen. Heute: ein Überzeugungstäter im Dienst des Lesers.

Am U-Bahnhof Kurfürstenstraße gehe ich in den Untergrund. Die Fahrkartenautomaten lasse ich links liegen. Kaum habe ich den Bahnsteig betreten, halte ich unauffällig Ausschau nach verdächtigen Uniformen. So muss es sich anfühlen, in der Illegalität zu leben. Der Zug fährt ein.

Ich nehme die U 1 in Richtung Krumme Lanke. Bevor ich einsteige, sehe ich mich noch einmal um. Erst als die Türen sich schließen, setze ich mich. Doch an entspannte Zeitungslektüre ist nicht zu denken. Am Nollendorfplatz stehe ich schon wieder, spähe an der offenen Tür über den Bahnsteig. Die Luft ist rein.

Am Wittenbergplatz steige ich um in die U 2 nach Ruhleben. Ich will nur eine Station bis Bahnhof Zoo fahren und dann weiter mit der U 9 zur Osloer Straße. Bahnhof Zoo, mein Zug fährt ein. Als sich die Tür öffnet, steht sie mir direkt gegenüber: die Kontrolleurin im blauen Zweiteiler, den Quittungsblock für die Schwarzfahrer jagdbereit in der Hand. Sie will einsteigen, aber sie lässt mir den Vortritt. Jetzt bloß keinen Augenkontakt, denke ich, setze einen geschäftigen Blick auf und richte ihn in die Unendlichkeit zwischen den gelben Kacheln der Bahnhofswände. Mit der gefühlten Aufschrift „Schuldig“ auf der Stirn drücke ich mich an ihr vorbei und fliehe mit langsamen Schritten und zitternden Knien. Das war knapp.

Von diesem Schock muss ich mich erst mal erholen. In der U 9 lasse ich mich erschöpft auf die Bank niedersinken. Ich schließe die Augen – und mache mich zur leichten Beute für die Kontrolleure. 114 von ihnen sind täglich auf der Jagd nach blinden Passagieren wie mir, hinzukommen rund 100 Sicherheitsleute, die ebenfalls jeden Fahrgast kontrollieren dürfen. Ich habe wieder Glück. An der Endstation Osloer Straße steige ich um in die U 8 in Richtung Hermannplatz.

Erst am Rosenthaler Platz zeigt sich der Gegner erneut. Zwei Kontrolleure stehen am gegenüberliegenden Bahnsteig, als mein Zug einfährt. Während des Halts stehe ich an der offenen Tür und beobachte aus sicherer Distanz, wie sie einen Schwarzfahrer aufschreiben. Ich fahre unbehelligt bis Hermannplatz. Zeit für eine kurze Pause und eine Bratwurst vom Wochenmarkt.

Noch unten am Ausgang vor der Rolltreppe spricht mich Oli an. Oli kommt aus Bayern, lebt seit zwei Jahren in Berlin und zwar vom Fahrschein-Schnorren. „Die meisten fahren nur 15 oder 20 Minuten und werfen den Einzelfahrschein dann weg, obwohl der zwei Stunden gültig ist“, erklärt Oli. Die verbliebene Zeit zahlt sich für Oli in barer Münze aus. Zuerst schnorrt er die Tickets. Wenn er genügend zusammen hat, stellt er sich an den Fahrscheinautomaten und verkauft sie für ein Euro das Stück. „Das rentiert sich“, sagt Oli. 40 bis 50 Euro verdiene er so am Tag. Nur erwischen lassen darf er sich nicht. Weil die Fahrscheine nicht übertragbar sind, droht ihm eine Anzeige wegen Betruges.

Klar, dass Oli selbst immer schwarzfährt. Er rechnet schließlich mit jedem Fahrschein. Überhaupt sind notorische Schwarzfahrer vor allem eiskalte Rechner. Man multipliziere die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Zeitraum tatsächlich erwischt zu werden, mit dem Preis, der dafür zu zahlen ist und kann am Ergebnis ablesen, ob es sich lohnt, einen Fahrschein zu kaufen oder nicht. Wer sich einmal im Monat erwischen lässt, fährt billiger schwarz. Schließlich sind die beschlossenen 40 Euro, die Sie vom nächsten Jahr an zahlen sollen, immer noch billiger als ein Monatsticket.

Auch Etzold, genannt „Ersn“, und sein Freund Alexander, denken so. Ich treffe sie wenig später in der U 7 auf dem Weg zum Rathaus Spandau. Die beiden sind gerade bei einer Kontrolle im U-Bahnhof Bundesallee erwischt worden und noch ziemlich sauer auf die Kontrolleure. Doch ihr Zorn legt sich schnell wieder. „Ich fahre seit vier Jahren schwarz“, sagt Ersn, „und bin bisher nur zwei Mal erwischt worden. Auf Dauer“, kalkuliert der 19-Jährige, „ist das doch viel billiger als Fahrscheine zu lösen.“

Sebastian mischt sich ein. „Ich bin fünf Jahre lang schwarzgefahren und jedes Jahr zehn bis 20 Mal erwischt worden“, erzählt der 22-Jährige. „Inzwischen habe ich über 5000 Mark Schulden bei der BVG.“ Ob das Unternehmen das Geld je bekommt, ist ungewiss. Sebastian ist auf dem Weg nach Hakenfelde, wo er wegen anderer Vergehen als Freigänger in der Justizvollzugsanstalt einsitzt. Meine Schwarzfahrt geht an diesem Tag ohne Kontrolle zu Ende. Die Welt bleibt ungerecht.

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