Zeitung Heute : Kostenschock durch Nachtspeicherheizungen

Die Preise für Heizstrom steigen überproportional stark – Nutzer von Nachtspeicherheizungen haben kaum Alternativen

Ältere Nachtspeicherheizungen müssen wegen Asbest entsorgt werden. In Deutschland heizen unterschiedlichen Quellen zufolge zwischen 1,4 und 2 Millionen Haushalte mit Strom.
Ältere Nachtspeicherheizungen müssen wegen Asbest entsorgt werden. In Deutschland heizen unterschiedlichen Quellen zufolge...Foto: dpa/dpaweb

Für Joachim Lesslauer wird das Heizen vom nächsten Jahr an richtig teuer. Während er bisher für die Beheizung seiner 106 Quadratmeter großen Altbauwohnung in Reinickendorf jährlich 1872 Euro einkalkulieren musste, werden es von 2011 an 2220 Euro sein – ein sattes Plus von 19 Prozent.

Der Grund für die Preissteigerung: Lesslauer heizt mit einer Nachtspeicherheizung. Für diese hat er mit Vattenfall einen eigenständigen Vertrag über die Lieferung von Strom abgeschlossen – und dieser spezielle Strom für Elektro-Speicherheizung verteuert sich prozentual deutlich stärker als der normale Haushaltsstrom, für den der Berliner Marktführer vom kommenden Jahr an „nur“ 11,7 Prozent mehr verlangt. In absoluten Beträgen: Von 2011 an kostet der Heizstrom 14,53 Cent pro kWh, der Haushaltsstrom (Produkt Berlin Klassik Privatstrom) 22,53 Cent pro kWh. Beide Arten verteuern sich damit um 2,33 Cent pro kWh; weil der Heizstrom günstiger ist, fällt bei ihm der prozentuale Anstieg höher aus. In beiden Fällen begründet Vattenfall die Preiserhöhung mit der gestiegenen gesetzlichen Umlage für umweltfreundlich erzeugten Strom.

Damit werden nun Nutzer eines Heizsystems zur Kasse gebeten, das in den sechziger und siebziger Jahren noch staatlich gefördert wurde. Energieversorgungsunternehmen propagierten damals diese Heizquelle als saubere, sichere und günstige Methode. Denn die Nachtspeicherheizung erlaubte es den Kraftwerken, in der Nacht die Produktion nicht zu stark drosseln zu müssen. Wie schon der Name sagt, speichern Elektroheizungen in der Nacht den Strom, um ihn am nächsten Tag als Wärme wieder abzugeben.

Allerdings geht bei der Umwandlung von Strom in Wärme jede Menge Energie verloren. Nachtspeicherheizungen sind nach Ansicht von Umweltfachleuten deshalb höchst ineffizient. Nach Angaben der vom Bundesumweltministerium geförderten Energieberatungsstelle CO2 online verursacht eine Stromheizung doppelt so viel CO2-Emissionen wie eine Ölheizung, drei Mal so viel wie ein Gas-Brennwertkessel und 15 Mal so viel wie eine moderne Holzpelletheizung. Aus diesem Grund leisten Nachtspeicherheizungen auch keinen sinnvollen Beitrag zu einer gleichmäßigeren Verteilung des Stromverbrauchs, wie sie unter dem Stichwort Smart Metering diskutiert wird. Der Einsatz von Ökostrom macht die Nachtspeicherheizung ebenfalls nicht umweltfreundlicher – der Wirkungsgrad wird dadurch ja nicht besser.

Zu diesen grundsätzlichen Schwächen kommen praktische Nachteile hinzu. Eine Nachtspeicherheizung lässt sich, anders als eine Öl- oder Gasheizung, nicht mit sofortiger Wirkung regulieren, sondern braucht eine gewisse Vorlaufzeit.

Außerdem sind die Kosten höher. Hätte sich der Vermieter nämlich statt für eine Nachtspeicher- für eine Gasetagenheizung entschieden, so würden die jährlichen Heizkosten für Joachim Lesslauer nach Angaben der Gasag jährlich ungefähr 1380 Euro betragen – ein Viertel weniger, als er derzeit bezahlt.

Besonders ärgerlich für Lesslauer: Er hat praktisch keine Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln. Denn während beim normalen Haushaltsstrom zahlreiche Anbieter mit günstigen Tarifen um Kunden werben, herrscht beim Heizstrom faktisch nach wie vor ein Monopol. „In diesem Markt gibt es so gut wie keine alternativen Anbieter und damit auch keine Wechsel- und Ausweichmöglichkeiten für die Kunden", hält das Bundeskartellamt fest. Heizstrom liefert nämlich lediglich der regionale Grundversorger, in Berlin also Vattenfall. Dem Verbraucher bringt es deshalb nichts, komplett zu einem anderen Anbieter – der zwar vielleicht einen günstigen Allgemeinstromtarif, aber keinen Heizstromtarif hat – zu wechseln. Denn der nur in den Nachtstunden gültige Tarif für Heizstrom bleibt trotz der bevorstehenden Erhöhung deutlich günstiger als der Tarif für normalen Haushaltsstrom: Nach Angaben von CO2 online kostet Heizstrom im bundesweiten Durchschnitt derzeit 13 Cent pro Kilowattstunde (kWh), Haushaltsstrom dagegen 23 Cent.

Was kann der Verbraucher in dieser Situation tun? Wenn er Mieter ist: wenig. Etwas hilflos mutet der Rat von CO2 online an, einen Heizcheck durchführen zu lassen und dann unter Verweis auf das Ergebnis den Vermieter zu bitten, ein anderes Heizsystem zu installieren. Mehr Druck baut die Energieeinsparverordnung auf, die in manchen Fällen bis 2019 den Austausch von Nachtspeicherheizungen vorschreibt (vgl. Kasten). Größeren Handlungsspielraum haben Haus- oder Wohnungseigentümer. Werden sie aktiv, haben sie allerdings mit hohen Kosten zu rechnen. „Der größte Aufwand bei der Umstellung auf ein anderes Heizsystem wird durch das Verlegen der notwendigen Heizungsrohre verursacht“, hält die Deutsche Energie-Agentur (dena) fest. Sofern die Wohnung über einen Gasanschluss verfügt, bietet sich der Umstieg auf eine Brennwert-Gasetagenheizung an. Die Gasag fördert diesen Schritt im Rahmen ihres Umweltprämien-Programms mit mindestens 200 Euro. 350 Euro zahlt Vattenfall an Haushalte, die sich von ihrer Nachtspeicherheizung verabschieden; entscheiden sie sich stattdessen für eine (strombetriebene) Wärmepumpe, gibt es sogar 500 Euro. Bis Ende November sind nach Angaben von Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann gut hundert Kunden auf das Angebot eingegangen. Anträge können noch bis Ende 2010 eingereicht werden. Eingestellt worden ist dagegen in diesem Jahr die Förderung durch die staatliche KfW-Bank.

Beim Abbau der Nachtspeicherheizung ist übrigens Vorsicht geboten: In vielen älteren Modellen ist nämlich Asbest verbaut worden. Bei intakten Anlagen geht davon keine Gesundheitsgefahr aus; am Ende des Lebenszyklus aber ist unbedingt auf eine fachgerechte Entsorgung zu achten.

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