KOSTÜMFILM„Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“ : Herzen in Aufruhr

Christina TilmannD
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Foto: Prokino/Fox

Hüte wie Wagenräder, zarte Schleier, die durchbrochene Schatten aufs Gesicht legen, Schühchen mit Knöpfen, Gewänder in Taft und Seide, die knistern und rascheln – ein Fest der Kostüme ist „Chéri“ ganz bestimmt, und wer könnte sie besser tragen als Michelle Pfeiffer mit ranker Figur und porzellanweißem Teint? Doch unter der ganzen Fin-de-Siècle-Pracht, die sie genüsslich zur Schau trägt, steckt ein modernes Herz. Denn Léa de Lonval, die Edelkurtisane, die merkt, dass die Tage ihres Kurtisanenlebens so langsam gezählt sind, entschließt sich, eine moderne Frau zu sein, modern zu leben, modern zu lieben. Keineswegs möchte sie enden wie ihre Kolleginnen und Konkurrentinnen, die sich, abgeschoben auf Landhäuser oder in Luxusappartements, dem Müßiggang und der üblen Nachrede hingeben. Jeder Kaffeeklatsch ein Schlachtfest, und die Zungen scharf wie Dessertmesser. Als Madame Peloux (großartig: Kathy Bates), die Anführerin der Truppe, ihre „Freundin“ Léa bittet, ihren verwöhnten Sohn Fred (Rupert Friend) doch ins Leben und die Liebe einzuführen, findet die das zunächst einen lästigen Gefallen – und gewöhnt sich schnell an das unbeschwerte Zusammenleben mit dem 18-Jährigen. Was als Flirt und Affäre begann, wird zur sechsjährigen Gewohnheit.

Alter und Liebe, Konvention und Geschlechterkampf, die Themen kennt man aus Stephen Frears’ Literaturverfilmung „Gefährliche Liebschaften“ von vor zwanzig Jahren. Schon damals schrieb Christopher Hampton das Drehbuch, und auch diesmal ist er wieder dabei, hat aus Colettes Erfolgsromanen ein funkelnd boshaftes Bukett gestaltet. Und doch ist „Chéri“, wie schon „Gefährliche Liebschaften“, nicht nur Gesellschaftssatire, sondern vor allem ein bitterböses Machtspiel zwischen Mann und Frau. Sie, Léa, ist erfahren, wohlhabend, aber gesellschaftlich geächtet, er, Chéri, ist jung, sorglos, unbedeutend. Ein ungleiches Paar, und eine Beziehung, die auf Bequemlichkeit fußt: Was der einen gesellschaftlich verwehrt ist, macht der andere durch charakterliche Unzulänglichkeit wett. Zunächst nehmen sie einander nicht ernst, und müssen zu spät erkennen, dass Liebe keinen Konventionen gehorcht. Am Ende gibt’s zwei gebrochene Herzen. Schöner hat man das lang nicht gesehen. Opulent-leidenschaftliche Literaturverfilmung. Christina Tilmann

„Chéri – Eine Komödie der Eitelkeiten“, GB/D/F 2009, 95 Min., R: Stephen Frears, D: Michelle Pfeiffer, Rupert Friend, Kathy Bates

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