Zeitung Heute : Krach am Boden

Die neuen BBI-Flugrouten überraschen am 6. SEPTEMBER viele Bürger: Sie protestieren, weil sie sich betrogen fühlen

Aufstand der Bürgerlichen. Berliner und Brandenburger demonstrieren. Foto: dpa
Aufstand der Bürgerlichen. Berliner und Brandenburger demonstrieren. Foto: dpaFoto: dpa

Ausfallende Fahrten und überfüllte Züge bei der S-Bahn, Rutschpartien auf den Gehwegen, ins Astronomische steigende Strompreise, Dauerbaustellen im Zentrum – die Berliner scheinen es mehr oder weniger mit der Gelassenheit von Großstädtern zu ertragen. Nur eines hat sie in diesem Jahr so richtig aus der Ruhe gebracht, obwohl davon noch gar nichts zu sehen oder zu hören ist: Die geplanten Flugrouten für den künftigen Flughafen in Schönefeld. Wohl noch nie gab es so schnell eine so breite Protestbewegung wie nach der Vorstellung der Pläne der Deutschen Flugsicherung (DFS), die auch ein Überfliegen der Stadt vorsehen.

Zuvor hatte sich der Protest in Berlin weitgehend auf Bereiche wie Bohnsdorf oder Müggelheim und in Brandenburg vor allem um Blankenfelde-Mahlow herum beschränkt. Dort hatten sich Tausende Anwohner gegen den Flughafenausbau gewehrt, weil für sie klar war, dass es über ihren Dächern sehr laut werden würde. In den veröffentlichten Unterlagen führten die Routen über ihre Häuser. Bis zu 5000 Mitglieder fanden sich im Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) zusammen. Der wehrte sich leidenschaftlich, aber ohne weitere Unterstützung gegen den Ausbau von Schönefeld und unterstützte Mitglieder bei Klagen – und unterlag im März 2006 vor dem Bundesverwaltungsgericht. In Berlin interessierte man sich vorher und danach nicht besonders dafür. Der neue Flughafen entstand, obwohl nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt, ja schließlich doch irgendwie „janz weit draußen“. Und die Flugzeuge würden dann selbstverständlich auch ganz weit weg aufsteigen und davonfliegen.

Nun ist es anders gekommen. Am 6. September legte die DFS Pläne vor, wonach auch andere Gebiete von startenden Maschinen fast im Minutentakt überflogen werden sollen, anders als in den veröffentlichten Unterlagen vorgesehen.

Von einem Tag auf den anderen waren nun auch Mahlow-Nord, Lichtenrade, Kleinmachnow, Teltow, Stahnsdorf und Wannsee im Westen sowie Zeuthen im Osten „Flugerwartungsgebiet“. Die Flugsicherung hatte Proteste erwartet; vom Ausmaß war sie – wie auch die Politik – aber überrascht. Innerhalb weniger Tage hatten sich Bürgerinitiativen gegründet, um gegen die neuen Flugrouten vorzugehen. Mehr als 30 Initiativen sollen es bis heute geworden sein. Auch dank der modernen Kommunikation. Wo früher Informationen nur in persönlichen Gesprächen weitergegeben werden konnten und Aufrufe mühsam vervielfältigt werden mussten, geht heute alles ruck zuck per Computer und Handy.

Vorbild waren aber nicht die großen diesjährigen Demonstrationen in Gorleben oder in Stuttgart, die zum Engagement der Menschen hier führten. Dort waren und sind zwar auch Tausende von Menschen auf die Straßen gegangen, um gegen Castortransporte oder das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 zu demonstrieren. Wobei sich in Gorleben Atomgegner aus ganz Deutschland treffen, während die Stuttgarter in ihrem Protest unter sich bleiben, dafür aber alle Schichten der Bevölkerung auf die Beine bringen, kurz vor Beginn der seit Jahren geplanten Bauarbeiten.

Bei den Berliner Flugrouten entstand der Protest dagegen spontan, getragen von dem Gefühl, persönlich betrogen worden zu sein. Niemand unter den zusätzlichen Lärmbetroffenen hatte vorher mit Fluglärm gerechnet, im Gegenteil. Glaubhaft war auch bei Nachfragen versichert worden, dass es außerhalb der im Planfeststellungsverfahren für den Ausbau von Schönefeld ermittelten Lärmzone keinen Krach am Himmel geben werde.

Den gibt es nun am Boden. Und die Betroffenen wehren sich nicht nur mit Demonstrationen. Sie haben Fachleute in ihren Reihen, die Widersprüche in Unterlagen finden, ihnen werden Papiere zugespielt, die beweisen, wie getrickst worden ist. Und sie ziehen vor Gericht.

In Gorleben lagert trotz aller Demonstrationen erst einmal der Atommüll, in Stuttgart ist ein Flügel des Hauptbahnhofs abgerissen, jahrhundertealte Bäume sind gefällt – bei den Flugrouten aber ist noch alles möglich – auch ein Erfolg der Protestler. Klaus Kurpjuweit

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