Zeitung Heute : Kräftewechsel unter alten Bekannten

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Von Ernst Podeswa

Berlin. Die beste slowakische Tennisspielerin Daniela Hantuchova gewann gestern bei den German Open problemlos 6:2, 6:4 gegen Chanda Rubin (USA). Die beste tschechische Tennisspielerin Daja Bedanova verlor gegen Torrens Valero (Spanien) 6:7, 6:4, 5:7. Die Ergebnisse der beiden 19-Jährigen spiegeln eine Situation wider, wie es sie in der Nachkriegszeit noch nie gegeben hat: Immer waren die Vertreterinnen aus dem tschechischen Teil der Tschechisch-Slowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) erfolgreicher. Mit Grand-Slam-Größen wie Martina Navratilova, Hana Mandlikova oder Jana Novotna. Ähnlich war die Situation bei den Männern, bei denen nur der Slowake Miroslav Mecir das Format seiner Kollegen Jan Kodes, Pavel Smid oder Ivan Lendl erreichte.

Der verblüffende Kräftewechsel bei den Damen wird nicht nur an Hantuchova (Nr. 14 der Welt) und Bedanova (28) deutlich. Unter den Top 41 der Welt finden sich derzeit vier Sportlerinnen aus den slowakischen Tenniszentren und lediglich Bedanova. Rechnet man übrigens noch die aus der Slowakei stammende Schweizerin Martina Hingis dazu, dann wird die Verschiebung noch deutlicher.

„Das ist mehr eine zufällige Situation und sicherlich nur vorübergehend“, sagt Jan Bedan. Im Jahr der Aufsplittung der CSSR am 1. Januar 1993 zog er mit seiner Familie nach Leonberg bei Stuttgart. Der 51-jährige Computeringenieur hatte 1989/90 seinen Beruf aufgegeben, um sich ganz der Karriere seiner Tochter als Trainer und Betreuer zu widmen. Finanziert wird das Unternehmen von einer Firma, „der wir alles zurück zahlen müssen". Noch im Vorjahr, so Bedan, seien die Tschechinnen mit seiner Tochter Daja sowie mit Denisa Chladkova und Kveta Hrdlickova besser gewesen: „Ich glaube, da waren zeitweilig drei unter den Top 30.“ Chladkova und Hrdilickova seien jedoch durch Verletzungen im Ranking weit abgerutscht.

Der Umgang mit Daniela Hantuchova und den Slowakinnen sei „normal und schon ein wenig intensiver als mit den Sportlerinnen anderer Nationen“, sagt Daja Bedanova. Das ergäbe sich schon wegen der fast identischen Sprache. Ihr Vater hofft, dass sie sich noch in dieser Saison unter die Top 20 spielt und so die Güte der tschechischen Tennisschule besser zur Geltung kommt.

Bei Hantuchova, die aus Poprad in der Hohen Tatra stammt und seit Wimbledon 2001 vom Engländer Nigel Sears trainiert wird, kommt so etwas wie neuerwachter Nationalstolz der Slowaken zum Ausdruck. „Für uns war die Selbständigkeit gut. Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten.“ Die emotionalen Umstände des staatlichen Auseinandergehens sind ihr nicht stark im Gedächtnis geblieben: „Da war ich noch zu klein.“ Und sie meint auch, das Verhältnis zu den Kolleginnen aus Tschechien sei lediglich „so normal wie zu anderen Spielerinnen". Sie habe sich auch nicht an den großen n Navratilova und Co. orientiert, „sondern eher an Martina Hingis, weil sie gebürtige Slowakin ist und so rasend schnell in der Weltspitze aufstieg". Und es sei ein „unglaubliches Gefühl“ gewesen, als sie Hingis im Februar in Indian Well besiegen konnte. Seither trauen die Experten Hantuchova zu, als erste Slowakin sogar die Nummer eins zu werden.

Ähnliches muss auch die grosse Martina Navratilova glauben – die 45-Jährige ist immer noch eine Attraktion im Doppel mit der Weißrussin Natalja Zwerewa –, die bei Hantuchova anfragte, ob man nicht gemeinsam antreten wolle. Die Slowakin fühlte sich „absolut geehrt". Doch die amerikanisch-tschechisch-slowakische Verbindung mit durchaus symbolhaftem Charakter kam nicht zu stande, sagt Hantuchova, „weil ich bereits Arantxa Sanchez als Doppelpartnerin zugesagt hatte".

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