Zeitung Heute : Krähwinkel

-

Alles begann naturgemäß: mit dem Geburtshaus. Doch von der Adresse Bahnhofstraße 135 B im Jahr 1879 in Ulm ist kein Stein mehr geblieben. Schon im nächsten Jahr war die Familie nach München gezogen, dann nach Italien, und Sohn Albert geht in München und später im Schweizer Aarau zur Schule, studiert am Polytechnikum Zürich, scheitert zunächst mit einer Dissertation, schlägt sich als Hauslehrer durch und heiratet 1903, inzwischen beim Berner Patentamt angestellt, seine erste Frau Mileva. 1904 wird Hans Albert, der erste von zwei EinsteinSöhnen geboren – und hundert Jahre später kommen wir Einstein mitten in der Berner Altstadt unverhofft nah.

Kramgasse 49. Unweit des Uhrenturms, des Stadtwahrzeichens, an der Hauptstraße des spätmittelalterlichen Bern steht in der trutzigen Häuserzeile die Nr. 49: vier Geschosse, aber nur je ein Zimmer breit. Solche schmalen Häuser finden sich sonst eher an Kanälen und Grachten. Hier im „Einsteinhaus“ wird des berühmten Bewohners schon seit 1979, damals zum 100. Geburtstag, gedacht. Aber 2005 soll alles noch schöner und orginaler werden.

Also hat die Berner Einstein-Gesellschaft das gut fünfhundertjährige Haus vollkommen saniert. Noch liegen die schönen alten Deckenbohlen im Treppenaufgang frei – bis dort als kosmisches Entree eine Hinterglas-Illumination der Galaxie installiert ist. Eigentlich schade, so viel moderner Schick. Aber im kleinen Schauraum im 1. Stock freut man sich, mit der Wiedereröffnung des Einsteinhauses am 22. April neben den eigenen Originalen – Einsteins Schreibtisch aus dem Patentamt, einem von ihm für Kinder gebastelten Drachen und seinem Schweizer Pass – auch noch als Leihgaben einen Tisch und ein Ruhesofa aus Einsteins Haushalt in Princeton bis Ende 2005 präsentieren zu können. Ein Minimuseum des großen Geistes.

Wirklich berührend ist indes Albert und Mileva Einsteins Wohnung im 2. Stock. Eine Wendeltreppe führt hinauf, dann betreten wir, durch die Haustür und über die Dielen seiner Zeit, eine Drei-, nein: eigentlich nur eine Zweieinhalbzimmerwohnung. Links zum Hinterhof das kleine Schlafzimmer mit einem Kachelofen. Das ist die einzige Heizung. Ein fensterloser Durchgang, erwärmt durch die Rückseite des Ofens, war das Kinderzimmer von Hans Albert; von dort oder vom Flur geht es ins hübsche, doch unbeheizte und diesen Februar schneidend kalte Wohn- und Arbeitszimmer Einsteins. Zwei Fenster zur Kramgasse, kein Kamin, aber ein bisschen barocker Stuck, und die Pflanzentapete ist nun nach alten Fotos originalgetreu nachgepinselt worden. Küche und Klo nach hinten raus über den Gang, geteilt mit den Bewohnern der Hofwohnung (heute logiert da eine „Hot Coutüre“-Werkstatt).

Man spürt sofort: Hier lebte der berühmteste Kopf des 20. Jahrhunderts in einer historischen Weltsekunde – als Genie vor seiner Entdeckung. In der krähwinkelhaft kleinbürgerlichen Enge entwickelte er im Jahr 1905, bei Kindergeschrei und noch in Kälte und Halbdunkel, jene Gedankenblitze, die die Welt und das wissenschaftliche Universum bald erleuchten und erweitern sollten wie nichts zuvor.

Die letzte der vier Studien jenes annus mirabilis, seine Gedanken zur Äquivalenz von Masse und Energie – mit der berühmten Formel E = mc2 – hatte der noch immer unpromovierte Feierabendphysiker freilich schon wieder aus einer anderen Wohnung geschickt. Wir fahren in den außerhalb der Altstadt gelegenen früheren Besenscheuerweg, der heute Tscharnerstraße heißt. Dort hält uns der Taxifahrer für leicht meschugge, als wir andächtig auf eine heruntergekommene Neubausiedlung gegenüber einem Busdepot starren. Nichts ist geblieben, es gibt nicht einmal ein Hinweisschild. Und die unschweizerisch ärmliche Tscharnerstraße heißt schon ein paar Häuser weiter: Konsumstraße. Zurück also in die Mitte Berns. Zum ehemaligen Patentamt.

Das Gründerzeitgebäude an der Ecke Genfergasse/Speichergasse sieht noch fast so aus wie auf den Fotos um 1905, nur der Dachgiebel und eine Turmhaube wurden abgenommen. Jetzt ist es eine Niederlassung des Telekommunikationsunternehmens Swisscom. Gleich im Foyer findet sich eine Tafel, dass Albert Einstein in diesem Haus „von 1902 bis 1905“ gearbeitet hat. Allen rot marmorierten Säulen und vergoldeten Kapitellen in den Treppenhäusern zum Trotz sind die Büros von ernüchternder Heutigkeit. Einsteins Zimmer 86 im rechten Seitenflügel, vierte Tür im 3. Stock, trägt inzwischen die Beschriftung M-378, und in dem vier mal sechseinhalb Meter messenden Raum sind nun vier Sachbearbeiter der Abteilung „Fixnet wholesale“ beschäftigt. Doch die eingelassenen Wandschränke sind noch von früher – und der Blick über die Dächer geht wie zu Zeiten des jungen Einstein hinüber auf einen Hügel mit dem Physikalischen Institut der Universität Bern. So hatte der an 48 Wochenstunden mit Patentanträgen beschäftigte künftige Starphysiker seine Zukunft schon vor Augen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar