Zeitung Heute : Kraft jedes Amtes

Carsten Brönstrup

Der Streik im öffentlichen Dienst ist im Gang; morgen beginnen in NRW die Tarifverhandlungen für die Metallindustrie. Mehr Geld, weniger Arbeit: Bringt das die Binnenkonjunktur in Schwung?

Seit Jahren sind die Zeiten für die Beschäftigten in Deutschland hart. Die Tariflöhne stiegen 2005 nur um 1,3 Prozent, so wenig wie seit zehn Jahren nicht mehr. Kein Wunder, dass die Binnennachfrage seit langem nicht in Schwung komme, wettern die Gewerkschaftsführer und verlangen fünf Prozent mehr Geld, wie die IG Metall in der aktuellen Tarifrunde – oder den Verzicht auf Mehrarbeit, wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Tarifstreit mit den Bundesländern.

Doch die Gruppe der Freunde der so genannten Kaufkrafttheorie ist nach wie vor übersichtlich. Eine beträchtliche Lohnerhöhung werde im Zeitalter der Globalisierung die Konjunktur eher bremsen als beflügeln, sagen viele Wirtschaftsexperten. Denn ein Bruttolohnaufschlag von 100 Euro zu Lasten der Firmen würde für die heimische Wirtschaft nur eine Kaufkraftsteigerung von etwa 30 Euro bedeuten – der Rest ginge drauf für Steuern, Sozialbeiträge oder den Kauf von Importwaren.

Zusätzlich könnte sich die Europäische Zentralbank (EZB) zum Handeln gezwungen sehen. „Bei einer starken Lohnsteigerung würde die EZB die Leitzinsen erhöhen, um einen Anstieg der Inflation zu verhindern“, sagt Udo Ludwig, Konjunkturchef beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Das wäre schlecht für die Firmen, denn sie müssten sich auf steigende Kreditkosten einstellen. „Die Obergrenze für einen Tarifabschluss liegt bei 1,5 bis knapp zwei Prozent, sonst wird es weniger Wachstum geben“, rät Ludwig. Das Institut der Deutschen Wirtschaft, finanziert von den Arbeitgebern, wird noch drastischer: Würde sich die IG Metall mit ihrer Forderung durchsetzen, wären 350 000 Stellen in Gefahr – zum Beispiel durch die Verlagerung von Werken in andere Länder.

Etwas weniger dramatisch wäre vermutlich ein Erfolg für Verdi im Streik gegen längere Arbeitszeiten. „Dann könnte sich die finanzielle Situation der Kommunen weiter verschlechtern“, sagt IWH- Mann Ludwig. Damit würde auch der Druck steigen, öffentliche Aufgaben von Privaten erledigen zu lassen, heißt es beim IWH. Grund: Das Lohnniveau ist dort niedriger als im öffentlichen Dienst – die Kommunen könnten die Leistungen womöglich also günstiger einkaufen. Dann gingen Stellen im öffentlichen Bereich verloren und würden ersetzt durch Jobs in Privatfirmen – nur mit niedrigeren Löhnen. Der Kaufkraft wäre damit auch nicht geholfen.

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