Zeitung Heute : Kraftanstrengungen

Damit sie ihr Öl exportieren kann, braucht die Opec doch neue Energien

Dagmar Dehmer[Bonn]

Sie haben die intensivste Sonnenenergie und ihr Öl wird knapp . Trotzdem verweigern sich die Opec-Staaten. Wie können diese Länder von erneuerbaren Energien überzeugt werden?

Haben die Opec-Staaten erneuerbare Energien überhaupt nötig? Eigentlich nicht. Schließlich können die Länder der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec) die halbe Welt mit ihren Förderquoten für Erdöl und ihrer Preispolitik unter Druck setzen. Sie haben die größten Vorräte an Erdöl. So war ihre Neigung, in erneuerbare Energien zu investieren, bisher nicht allzu ausgeprägt. Bei Klimakonferenzen sind die Opec-Staaten diejenigen, die am zähesten Fortschritte verhindern. Aber immerhin wächst langsam die Erkenntnis, dass das Öl nicht endlos sprudeln wird. Besonders deshalb hat Energie aus Sonne, Wasser oder Wind für diese Staaten doch einen gewissen Reiz. Je weniger Öl ein Förderstaat selbst verbraucht, desto mehr Devisen kann er mit dem Export verdienen. Werden Meerwasserentsalzungsanlagen mit Solarenergie betrieben, schont das die Ölvorräte. Ökonomie ist also die Triebfeder, nicht die Liebe zur Umwelt.

Als möglicherweise überzeugende Vorbilder könnten der Opec Länder wie Ägypten oder Marokko dienen. Eigene Ressourcen zu schonen ist auch das Motiv der Ägypter, die ihre Windenergieanlagen ausbauen. Ägypten hat zwar kein Öl, aber bedeutende Erdgasvorkommen. Das Land exportiert sein Erdgas lieber, als es zur Deckung des wachsenden Energiebedarfs der eigenen Bevölkerung einzusetzen. Windparks sind so beliebt, weil dort „ausgezeichnete Windbedingungen herrschen, viel bessere als an den besten deutschen Windstandorten“, sagt Matthias Schlund, der den Windpark Zafarana am Roten Meer für die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mitbetreut.

Marokko hat zwar keine Rohstoffe, die es verkaufen will, im Gegenteil, es muss seinen Energiebedarf großenteils von außen decken, aber etwas hat Marokko doch mit der Opec gemeinsam: Ähnlich wie zum Beispiel der Opec-Staat Venezuela, hat Marokko viele entlegene Gebiete, die ohne erneuerbare Energien gar nicht versorgt werden könnten. Das geschieht hier – in einem einzigartigen Programm – mit Hilfe der Sonne. Weit abgelegen gibt es eine große Anzahl von Solaranlagen.

Um abends nicht mehr im Kerosinruß einer Lampe zu sitzen und um Strom für einen Fernseher zu haben, nehmen die Bauern in den Bergen recht hohe Kosten auf sich. Sie bezahlen einmalig 70 Euro und für weitere zehn Jahre 65 Euro pro Jahr für eine Solaranlage. Denn ohne Zugang zu Energie, das gilt inzwischen als entwicklungspolitischer Allgemeinplatz, gibt es keine Entwicklung.

Diese Erfahrung könnte auch einem Opec-Staat wie Venezuela nutzen. Zwar hat der Ölreichtum dort zur Bildung einer Mittelschicht geführt. Aber dennoch gibt es in Venezuela große unterentwickelte Gebiete. Venezuela ist nicht der einzige Opec-Staat, der seine Öleinnahmen nicht dazu genutzt hat, eine vielfältige Wirtschaftsstruktur aufzubauen, oder den Reichtum halbwegs gerecht mit seiner Bevölkerung zu teilen. In den meisten Opec-Staaten liegt die erste Welt der Ölmultis Tür an Tür mit der armen dritten Welt im eigenen Land.

Doch gerade die Instabilität von Ländern wie Saudi-Arabien oder Venezuela, wo die Opposition zum wiederholten Mal versucht, den ungeliebten Präsidenten Hugo Chavez mit einem Amtsenthebungsverfahren loszuwerden, könnte eine weitere Motivation sein, mehr Geld in erneuerbare Energien zu investieren. Denn durch den Ausbau solcher dezentraler Anlagen entstehen ölunabhängige Arbeitsplätze. Gerade den Opec-Staaten bieten die erneuerbaren Energien eine Chance. Und eine Perspektive für die Zeit nach dem Öl.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!