Krankenhäuser schlagen Alarm : Jede zweite Klinik macht Verlust

Mehr als die Hälfte aller Krankenhäuser hat im vergangenen Jahr rote Zahlen geschrieben. Die Träger rufen nach mehr Geld, die Krankenkassen nach dem Abbau von Überkapazitäten.

Eine Ärztin steht vor einer OP-Lampe.
Schlechte Aussichten: 51 Prozent der Kliniken schrieben im vergangenen Jahr Verluste.Foto: dpa

Die finanzielle Situation der Krankenhäuser in Deutschland hat sich drastisch verschlechtert. Nach einer Erhebung des Deutschen Krankenhausinstituts schrieb im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Kliniken rote Zahlen. Binnen eines Jahres habe sich der Anteil der defizitären Häuser von 31 auf knapp 51 Prozent erhöht, teilte die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) mit.

Gleichzeitig richteten die Klinikbetreiber schwere Vorwürfe an die Politik. Wenn derart viele Häuser im Minus landeten, liege ein „schwerer Systemfehler“ vor, sagte DKG-Präsident Alfred Dänzer. Schuld an der Misere sei eine „chronische Unterfinanzierung“, und hierzu sei „der Beratungsstand in den Koalitionsverhandlungen eine einzige Enttäuschung“.

Der CSU-Gesundheitsexperte Johannes Singhammer wies die Kritik zurück. Die Beschlüsse der Fachpolitiker brächten den Kliniken „jede Menge an Perspektive“, sagte er dem Tagesspiegel. Die Koalition werde die Situation „nachhaltig und dauerhaft verbessern“. Zudem habe die Vorgängerregierung den Krankenhäusern vor der Wahl noch 1,2 Milliarden Euro als Soforthilfe bewilligt. Das Geld fließe seit Mitte August, in den Zahlen von 2012 sei es noch nicht berücksichtigt.

Ärzte und Pflegekräfte am Limit

Der CDU-Politiker Jens Spahn nannte die Zahlen dennoch besorgniserregend. Ärzte und Pflegekräfte arbeiteten „vielfach heute schon am Limit dessen, was geht“. Allerdings wies er auch darauf hin, dass die Krankenkassen mit knapp 64 Milliarden bereits jeden dritten Euro für die Klinikversorgung ausgeben und sich dieser Posten Jahr für Jahr um zwei Milliarden erhöhe. „Das zeigt, es geht nicht nur um mehr Geld, sondern wir müssen auch über Strukturen reden.“ Die Koalition habe eine flächendeckende Versorgung im Blick, wolle die Bezahlung künftig aber auch stärker von der Qualität der Behandlung abhängig machen. Außerdem wolle man den Kommunen in überversorgten Gebieten bei der Umwandlung von Kliniken in ambulante Versorgungszentren helfen. Dafür werde ein Fonds in Höhe von 500 Millionen Euro eingerichtet.

Tatsächlich handelt es sich bei der Unterfinanzierung der Kliniken um ein Föderalismusproblem. Der Bund ist für den laufenden Betrieb zuständig. Das Problem sind aber vor allem fehlende Investitionen, und die sind Ländersache. Die DKG beziffert den jährlichen Investitionsbedarf der Krankenhäuser auf rund sechs Milliarden Euro. Das derzeitige Fördervolumen betrage 2,7 Milliarden. Gemessen an der Patientenzahl investiere Hamburg am meisten und Berlin am drittwenigsten. Die Länder erfüllten ihre Verpflichtung nicht, wollten ihre Planungshoheit aber auch nicht hergeben, lautet die Kritik.

Die Linkspartei machte das Fallpauschalensystem für die Finanzprobleme verantwortlich. Die Finanzierung müsse sich „konsequent am medizinischen Bedarf ausrichten“, forderte ihr Experte Harald Weinberg. Aus der Sicht der Krankenkassen dagegen gibt es zu viele unwirtschaftlich arbeitende Krankenhäuser. Die Erhebung zeige, „dass Überkapazitäten abgebaut werden müssen“, sagte der Spitzenverbands-Sprecher Florian Lanz.

Derweil deutete sich in einem Musterprozess privater Kliniken gegen Subventionen für staatliche Häuser einen Entscheidung zugunsten der kommunalen Kliniken an. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Tübingen, wo der Fall verhandelt wird, sieht die kommunalen Kliniken als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Deshalb dürften sie auch bezuschusst werden (AZ. 5 O 72/13).

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