Zeitung Heute : Krankenschwester spielen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Markus Huber

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Mein Mädchen mag ihre Mama. Das ist prinzipiell eine gute Sache, weil nicht auszudenken, was wäre, wenn es nicht so wäre (Schreiduelle, Weinkrämpfe, horrende Therapeuten-Rechnungen für sie und sie, und irgendwann auch für mich). Aber nicht bei uns. Mein Mädchen mag ihre Mama sogar so sehr, dass zur Zeit vieles nur mit der Mama funktioniert: Sie mag nur mit der Mama einschlafen, nur von ihr gefüttert werden, ihr Fläschchen darf nur die Mama machen, nur sie darf mit ihr Bilderbuch anschauen, Puzzle spielen, die Puppen umziehen, und wenn mein Mädchen mal muss, darf sie ausschließlich von der Mama auf den Topf gehoben werden. Das ist prinzipiell eine noch viel tollere Sache, weil ich seit jeher die Rolle des passiven Beobachters zur Hauptrolle meines Lebens gemacht habe. Und, Hand aufs Herz, wer liest nicht lieber die Analysen im Kicker als den Stuhl seiner Tochter?

Doch seit Mittwoch ist alles anders: Die „Sport-Bild“ liegt ungeöffnet in der Post, den „Kicker“ hab ich mir gar nicht erst geholt, und dass das „Zeit“-Leben mit einer Geschichte übers Warten aufmacht, passt mir gut ins Konzept. Das kann warten. Es ist nämlich so: Mama liegt mit fiebrigen 39 Grad Körpertemperatur im Bett. Die Ärztin hat gesagt, sie dürfe sich nicht in der Nähe des Kindes aufhalten, weil sie es sonst anstecken würde, was aber schon passiert ist – auch mein Mädchen fiebert sich mit um die 39 Grad durch den Tag. Und ich? Ich habe die Rolle gewechselt und gebe die Florence Nightingale der zwei Liebenden aus der Oranienburger Straße.

Noch ein bischen Tee? Einen kalten Wadenwickel? Eine Zitrusfrucht wegen des Vitamin C? Eine Zote zur Aufheiterung? Was bei der Frau an meiner Seite, die im täglichen Leben ohnedies zuwenig Aufmerksamkeit genießt, gut ankommt, geht bei meinem Mädchen völlig in in die Binsen. Selbst im Schweiße ihrer Infektion will sie den Tee nur von der Mama serviert bekommen, nur mit Mama Puzzle spielen, und sie verschmäht weiterhin meine Küche - was ihr zugegeben niemand ernsthaft zum Vorwurf machen kann, der jemals meine Tortellini probiert hat. Aber andererseits: Dass ich eine Orange schälen kann, könnte sie mir allmählich zutrauen. Und klingt „Lillis Geheimnis“, ihr zur Zeit liebstes Bilderbuch, wirklich besser, wenn das Geheimnis von einer brüchig krächzenden Frauenstimme gelesen wird? Mal ehrlich: Es gab Zeiten, da mochten manche Frauen meinen sonoren Bass.

Nun steht Weinen auf dem Programm. Also tanze ich weiterhin ohne Resonanz mit einer lustigen Clownsmaske durchs Kinderzimmer, singe komische Kinderlieder wie „Eins, zwei, drei im Sauseschritt“, werfe mit Bällen, spiele mit Puppen, laufe, stolpere, falle, so wie ich es von Robin Williams im Fernsehen gelernt habe. Doch nichts hilft. Sie heult, bis sie aus dem Nachbarzimmer eine Stimme krächzen hört: „Mädchen, Mama ist eh da.“

Gut, dass sie so schwach ist, und viel schläft.

„Lillis Geheimnis“ von Lena Anderson ist im Verlag Oetinger erschienen. Einen grippalen Infekt können Sie sich zur Zeit in jeder Kita kostenfrei abholen. Die kranke Mutter gesellt sich für gewöhnlich nach zwei Tagen dazu.

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