Zeitung Heute : Krankes Land

Simbabwe hat im Kampf gegen Cholera um internationale Hilfe gebeten. Könnte das einen Wendepunkt in dem Verhalten des Regimes Mugabe bedeuten?

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]
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Dass Simbabwes Unrechtsregime die internationale Gemeinschaft nun doch um Hilfe bittet, hat nichts damit zu tun, dass Mugabe plötzlich um das Wohl seiner von ihm so geschundenen Bevölkerung besorgt wäre. Seit seinem Amtsantritt vor fast 30 Jahren geht es dem Despoten allein um den Erhalt der Macht. Das erklärt auch, weshalb die Verhandlungen über die vor fast drei Monaten vereinbarte Teilung der Macht nicht vorankommen. Gleichwohl scheint der 84-Jährige zu spüren, dass die aus dem Ruder gelaufene Cholera-Epidemie sein Regime zunehmend unterminiert, zumal die Seuche mit der Flucht vieler Simbabwer immer stärker auch auf die Nachbarstaaten übergreift und diese zum Handeln zwingt. Selbst im Limpopo, dem Grenzfluss zwischen Simbabwe und Südafrika, sind mittlerweile Cholera-Bakterien entdeckt worden. In Musina, dem südafrikanischen Grenzort zu Simbabwe, wurden in den vergangenen Tagen 400 Cholera- Fälle behandelt – größtenteils auf dem Rasen vor dem Staatshospital.

Ein Indiz für die Gleichgültigkeit Mugabes gegenüber der Not seines Volkes findet sich darin, dass das UN-Büro in Simbabwes Hauptstadt Harare seit Mitte September regelmäßig Angaben zur Cholera- Epidemie herausgibt, ohne dass Mugabes Regime irgendetwas unternommen hätte. Seit zwei Wochen kommen diese Bulletins wegen der dramatischen Zuspitzung der Lage nun fast täglich heraus. In ihrem jüngsten Cholera-Report sprechen die UN davon, dass seit August 565 Menschen an der Seuche gestorben und mehr als 12 500 erkrankt seien.

Warum konnte die Epidemie eskalieren?

Dass die Lage in Simbabwe so aus dem Ruder gelaufen ist und die Cholera diesmal viel härter als in früheren Jahren zuschlägt, liegt neben dem Kollaps des Gesundheitswesens vor allem am Zusammenbruch der Trinkwasserversorgung und der Kanalisation in Harare. Abwasser fließen vielerorts offen durch die Straßen; es fehlt an Devisen für Desinfek tionsmittel zur Trinkwasserbehandlung. Harare selbst ist seit knapp einer Woche quasi ohne Wasser, einige ärmere Gebiete sind es bereits seit Monaten. Die gerade begonnene Regenzeit macht alles noch schlimmer. Zudem ist mehr als die Hälfte der im Land verbliebenen rund zwölf Millionen Simbabwer durch Hunger stark geschwächt, wodurch ein tödlicher Verlauf der Krankheit wahrscheinlicher wird. Laut Statistik stirbt bei einer Cholera-Epidemie normalerweise höchstens ein Prozent der Infizierten an der leicht behandelbaren Krankheit. In Simbabwe sind es zurzeit fast zehn Prozent.

Symptomatisch für den beispiellosen Niedergang Simbabwes ist die Lage in den Staatshospitälern. „Es fehlt an allem“, klagt der Schweizer Arzt Urs Allens pach. „Die Spitäler haben keine Medikamente, keine Spritzen oder Verbände, keine Wäscherei, kein Essen für Patienten und kein Personal.“ Der Arzt schätzt, dass 80 Prozent der Krankenschwestern und Ärzte ins Ausland abgewandert sind.

Operiert wird wegen des fehlenden Stroms oft bei Kerzenlicht oder mit Taschenlampe. Fast alle Laborarbeiten wie Ultraschall oder Röntgen werden inzwischen gegen Mitternacht durchgeführt, wenn es für ein paar Stunden Strom gibt. Gebärende Mütter werden nur noch dann in Krankenhäusern aufgenommen, wenn sie alle Utensilien wie etwa Nabelschnurklemme, Kerzen oder Bettwäsche selber mitbringen. Kein Wunder, dass die meisten Frauen ihre Kinder schon wegen der hohen Infektionsgefahr in den Hospitälern daheim zur Welt bringen.

Warum herrscht trotz der vereinbarten Machtteilung politisch weiter Stillstand?

Dass der im September unterzeichnete Vertrag über eine Machtteilung zwischen dem Regime und der Opposition noch immer nicht umgesetzt worden ist, liegt allein an der Weigerung Mugabes, das wichtige Innenministerium mit seinen Befugnissen über die Polizei der Opposition zu überlassen. Der Diktator und seine Sicherheitschefs beharren darauf, alle wichtigen Ministerposten mit eigenen Leuten zu besetzen. Dies ist Beobachtern wie dem simbabwischen Politikprofessor John Makumbe zufolge umso dreister, als Mugabe gemäß der Einigung trotz seiner Wahl niederlage im Präsidentenamt verbleiben und auch das Oberkommando über Armee und Geheimdienst behalten darf.

Auf einem Sondergipfel der 15 Staaten des südlichen Afrika vor drei Wochen in Johannesburg hatten deren Staatschefs die dreiste Forderung Mugabes unterstützt, das Innenministerium mit der Opposition zu teilen. Dies ist für seine Gegner aber schon deshalb völlig unakzeptabel, weil dies die Machtverhältnisse endgültig zugunsten des Diktators verschieben und die Opposition allenfalls zu einem unbedeutenden Juniorpartner in einer von Mugabe dominierten Einheitsregierung machen würde.

Was müsste die internationale Gemeinschaft tun?

Was vor allem fehlt, ist eine klare Verurteilung Mugabes durch Afrikas Führer. Stattdessen haben diese sich in den vergangenen Jahren immer wieder hinter Mugabe gestellt und ihn auch materiell unterstützt. Einzige Ausnahme im südlichen Afrika ist Botsuanas Präsident Seretse Ian Khama. Er hat es abgelehnt, Simbabwes derzeitiges Regime anzuerkennen. In die gleiche Kerbe schlägt auch Kenias Premierminister Odinga, der Mugabe ebenfalls wiederholt zum sofortigen Amtsverzicht aufgefordert hat und die Legitimation verweigert. Mugabes schärfster Kritiker in Afrika ist jedoch Erzbischof Desmond Tutu, der am Freitag erneut den sofortigen Rücktritt Mugabes forderte. Andernfalls müsse der Diktator wegen ungezählter Menschenrechtsverstöße nach Den Haag überstellt werden. Trete Mugabe jetzt nicht freiwillig ab, solle er gewaltsam gestürzt werden, forderte der Friedensnobelpreisträger im holländischen Fernsehen.

Simbabwe droht eine humanitäre Katastrophe. Die Inflationsrate ist auf inzwischen mehr als 230 Millionen Prozent angestiegen. Zudem hat sich die Hungersnot drastisch verschärft: Nach Schätzungen der Weltagrarorganisation FAO ist die Produktion von Grundnahrungsmitteln nach der Enteignung fast aller weißen Farmer in nur zehn Jahren auf weniger als ein Viertel der ursprünglichen Menge gefallen. Der FAO zufolge leiden derzeit fast vier Millionen Simbabwer akut an Hunger. Diese Zahl dürfte bis Anfang 2009 auf etwa fünf Millionen Menschen steigen.

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